Stadt hat keinen Evakuierungsplan für Atomunfall

Von: Stephan Mohne
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Chefsache: Den Vortrag über den Katastrophenschutz bei einem atomaren Unfall, den Feuerwehrchef Jürgen Wolff (r.) im Bürgerforum halten sollte, übernahm Dezernent Lothar Barth. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Eine besorgte Bürgerin brachte es im Bürgerforum am Ende auf den Punkt: „Dann herrscht Schockstarre. Dann werden wir nicht mehr hier wohnen können.“ Das „dann“ bezieht sich auf den Fall eines schweren Atomunfalls im belgischen Tihange.

Die maroden Meiler dort sind gerade einmal 60 Kilometer von Aachen entfernt. Sie sind vergleichsweise so weit von Aachen entfernt wie das AKW Fukushima von der gleichnamigen Stadt, wie Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie erklärte. Ein Katalog mit 61 Fragen des Bündnisses war der Anlass, warum das Thema auf der Tagesordnung stand. Die Verwaltung sollte detailliert Auskunft in Sachen Katastrophenschutz geben.

Doch die Ausführungen blieben auch an diesem Abend erschreckend unkonkret. Wobei sich manchem Zuhörer die Frage aufdrängte, ob es überhaupt einen Katastrophenplan für diesen Fall gibt. Klar ist, was es nicht gibt: „Es gibt keinen Evakuierungsplan für die Stadt“, erklärte der zuständige Dezernent Lothar Barth. Eigentlich sollte zwar Feuerwehrchef Jürgen Wolff den Vortrag halten, doch das übernahm dann überraschend Barth selber.

Einen Evakuierungsplan muss es zumindest den aktuellen Richtlinien nach auch gar nicht geben, denn Aachen liegt nicht in den Nah- und Mittelzonen ( 5 bzw. 25 Kilometer) um das AKW, für die so etwas vorgegeben ist. Auch andere vergleichbare Städte hätten solche Pläne nicht, so Barth, der unterstrich, dass „wir eine Wolke, die auf uns zukommt, nicht aufhalten können“. Er unterstrich aber auch, „dass wir wissen, wie wir unsere Bevölkerung schützen“. Wie das aussehen soll, sagte er nicht. Lediglich, dass man binnen Minuten von einem Super-GAU erfahren und das dann via Sirenen und Lautsprecher an die Bevölkerung weitergeben würde.

Der Dezernent berichtete, dass die Jodtabletten, die im Fall der Fälle Schutz vor der Aufnahme radioaktiven Jods aus der Luft bieten sollen und an Personen bis 45 Jahre verteilt werden, in Aachen angekommen seien. Wo sie gelagert sind, wolle man nicht sagen. Feuerwehrchef Wolff hatte dagegen vor Kurzem gegenüber der AZ deutlich offener gesagt, sie seien in der Zentralapotheke des Uniklinikums untergebracht.

Einen Satz sagte Wolff am Dienstag auch: Man habe einen Plan für die Verteilung. Man wolle ihn aber – genau – nicht preisgeben. Eine Frage des Aktionsbündnisses beantwortete Barth noch, nämlich jene, wie man freiwillige Feuerwehrleute dazu zwingen wolle, im Unglücksfall ins Feld zu ziehen: „Wir zwingen niemanden“, sagte der Dezernent.

Die meisten Fragen des Katalogs konnten am Dienstag nicht geklärt werden. Was zum einen an der knappen Zeit seit dessen Eingang gelegen habe, andererseits an den Zuständigkeiten. Quasi Oberbefehlshaberin sei in diesem Fall die Bezirksregierung. Auf Beschluss der Politik wird dieser nun das Papier ebenso zwecks Beantwortung übersandt wie der Atomaufsicht. Zudem wurde ein Vorschlag Schellenbergs aufgegriffen, Verantwortliche aus diesen Behörden ebenso einzuladen wie jene der belgischen Beteiligten. So sei es jüngst in Maastricht gelaufen, hieß es.

Tabletten hin, Evakuierungspläne her – der Tenor, der vielfach an diesem Abend geäußert wurde, lautet ohnehin: Der sicherste Katastrophenschutz ist in solche einem Fall die Abschaltung des Atomkraftwerks in Tihange, wie es schon der Stadtrat neulich in einer einmütig gefassten Resolution festgehalten hatte. Wobei dummerweise noch eine ganze Reihe kritischer Reaktoren wie Doel (B), Cattenom (F) und Borssele (NL) ebenfalls in gefährlicher Nähe zu Aachen liegen.

SPD-Vertreter hatten die Thematisierung im Bürgerforum bereits vor der Sitzung via Facebook als „Panikmache“ bezeichnet und der grünen Vorsitzenden Lisa Lassay eine „Instrumentalisierung“ und einen „Missbrauch“ des Bürgerforums „zu eigenen Zwecken“ vorgeworfen. Besagte besorgte Bürgerin allerdings mag ein Indiz dafür sein, dass das Thema immer mehr Menschen in Aachen bewegt. Sie appellierte, noch deutlich stärker für die Tihange-Abschaltung mobil zu machen. Denn in der Tat gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, wonach unter anderem weite Teile der Aachener Region unbewohnbar würden – Katastrophenpläne hin oder her.

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