Aachen - Stadionsprecher beim CHIO: Stimmen, die ein ganzes Stadion füllen

Stadionsprecher beim CHIO: Stimmen, die ein ganzes Stadion füllen

Von: Annika Kasties
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Soerser Bilderbogen: Vom Stadioninterview – AZ-Redakteur Robert Esser mit
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Soerser Bilderbogen: Vom Stadioninterview – AZ-Redakteur Robert Esser mit

Aachen. Wenn Ute Fisser-Hülsmeier in der Soers die nächsten Sportler ankündigt, dann begegnet ihr das Publikum mit bedächtigem Schweigen. Kein lauter Applaus, kein Chor Tausender Stimmen, die den Nachnamen des Sportlers mitgrölen. Stattdessen: Stille, Ruhe, gespannte Aufmerksamkeit. Denn Ute Fisser-Hülsmeier präsentiert nicht etwa auf dem Tivoli die Spieler von Alemannia Aachen.

Ihre Athleten sind einige hundert Meter weiter nördlich aktiv, bevorzugen Sand gegenüber Rasen und bewegen sich vorwiegend auf Lebewesen mit vier Hufen. Die 52-Jährige ist Stadionsprecherin beim CHIO und verbringt als solche einen Großteil des Reitturniers bei den Dressurprüfungen im Deutsche-Bank-Stadion. Und dort ist höchste Konzentration angesagt, bei den Sportlern, dem fachkundigen Publikum und natürlich dem Stadionsprecher beziehungsweise der Stadionsprecherin.

Sich in der Sprecherkabine im Richterturm zurücklehnen und entspannt Reiter und Pferd bei der Prüfung zuzusehen kann sie nämlich nicht. Sobald Fisser-Hülsmeier dem Publikum den Sportler vorgestellt hat, ist sie gedanklich schon beim nächsten Programmpunkt. So auch an jenem Donnerstagvormittag beim Preis der Familie Tesch. Während Juliette Ramel auf Buriel auf eine möglichst hohe Wertung hofft, legt sich Fisser-Hülsmeier bereits die vergangenen Erfolge des Spaniers Jordi Domingo Coll zurecht – mit einem halben Auge stets bei der schwedischen Dressurreiterin und der verbleibenden Prüfungszeit. Um kurz vor 11 Uhr verkündet sie mit ruhiger und gelassener Stimme den „Final Score“, die bestätigte Endwertung – 68,37 Prozent für die Schwedin –, und weiter geht es im eng getakteten Rhythmus der Dressurprüfung.

Seit Jahrzehnten füllt Fisser-Hülsmeiers Stimme Reitsportstätten in ganz Deutschland. Begonnen habe ihre Karriere als Stadionsprecherin vor gut 20 Jahren in ihrer damaligen Heimat Neu-Anspach bei Frankfurt am Main. Für das Reitturnier Wintermühle wurden Sprecher gesucht. „Und ich habe mich als einzige getraut, das Mikro in die Hand zu nehmen.“ Seitdem habe sich einiges verändert. Die Anfahrtswege zum Einsatzort wurden länger, die Publikumszahlen höher. Rund zehn großen Veranstaltungen pro Jahr leiht sie ihre Stimme. Darüber hinaus habe sie „einen kleinen Stall“ im ostwestfälischen Hille in der Nähe von Minden, auf dem sie Pferde züchtet. Mit diesen schwingt sie sich auch selbst in den Sattel und tritt bei Dressurprüfungen an. Die Stippvisite in der Soers sei aber nach wie vor das Highlight des Jahres. „Wenn ich das CHIO-Gelände zum ersten Mal betrete, habe ich jedes Mal Gänsehaut“, sagt sie – und das seit sechs Jahren.

So oder so ähnlich ergeht es nicht nur ihr, sondern auch ihren acht Kollegen, deren Stimmen die Stadien des CHIO erfüllen. Erkannt werden sie selten, dabei sind sie fast täglich im Einsatz. Wann genau und bei welchem Turnier, das koordiniert ALRV-Vorstandsmitglied Helen Rombach-Schwartz. „Die meisten Stadionsprecher sind schon seit Jahren bei uns im Einsatz“, sagt sie. Oft werden sie zunächst beim Salut-Festival, dem Nachwuchsturnier für Springreiter „ausprobiert“, bevor sie auch beim großen CHIO die Reitprofis ansagen dürfen. Der Dienstälteste von ihnen, Christian Graf von Plettenberg, musste dieses Jahr kurzfristig ausfallen. Er wird nun im Hauptstadion von Kaj-Christian Warnecke ersetzt.

Umfangreiches Informationspaket

Im Regelfall stehe der Einsatz der Sprecher Ende Januar fest, berichtet Rombach-Schwartz. Zwei Wochen vor Turnierbeginn erhalten die Sprecher ein umfangreiches Informationspaket mit zahlreichen Textvorlagen – auch Sicherheitshinweise in mehreren Sprachen gehören dazu. Wie viele Seiten dieses Paket in ausgedruckter Form umfasst, kann Rombach-Schwartz nicht abschätzen. In den Richtertürmen lägen sämtliche Informationen fast nur noch in digitaler Form vor. So könnten Texte kurzfristig aktualisiert werden.

Auf spontane Änderungen im Tagesprogramm reagiert Arnaud Petit besonders routiniert. Der Luxemburger blickt mittlerweile auf ein Jahrzehnt CHIO-Geschichte zurück – und das mit gerade mal 35 Jahren. Als „jüngster Sprecher, den es jemals in Aachen gab“ ist seine Stimme im Hauptstadion zu hören. „Wer eine große Klappe hat, soll ans Mikrofon“, habe man ihm schon früh gesagt. Und dem Rat ist er gefolgt. Bei 20 bis 25 Reitveranstaltungen pro Jahr übernehme er den Posten des Stadionsprechers, und zwar „von absolut ländlich bis zur Größenordnung von Aachen“.

Für Petit steht der Bezug zum Publikum im Vordergrund: „Ein guter Sprecher muss immer mit dem Publikum interagieren. Schließlich sind wir auch Teil des Publikums – aber mit mehr Informationen.“ Besonders wichtig sei das bei außerplanmäßigen Vorgängen. „Die unschönsten Situationen sind Stürze, bei denen Mensch und Pferd zu Schaden kommen“, sagt er. „Da stockt einem natürlich der Atem.“ Doch auch in solchen Momenten müsse ein Stadionsprecher die richtigen Worte finden. Und dabei helfe – sagt Petit – nur Erfahrung.

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