Sprechende Bäume und wütende Bürger

Von: Sarah Sillius
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Ein Bild, das bald der Vergang
Ein Bild, das bald der Vergangenheit angehört: Der Templergraben im Bereich zwischen Hauptgebäude, Super C und Kármán-Auditorium wird zum „Shared Space”. Dazu werden 33 Bäume gefällt. Foto: Michael Jaspers

Aachen. „Aua!” und „Hau ab!”, spricht die Platane auf dem Templergraben zu den Passanten. Naja, sie spricht nicht ganz von selbst. Die Künstler der Designmetropole Aachen lassen sie an diesem Abend sprechen - nicht aus politischer, rein aus künstlerischer Motivation.

Noch viel mehr als die Bäume sprechen aber ihre Beschützer. Rund 100 Aachener „WoodBürger” stehen mit Flyern und Unterschriftenlisten vor dem Kármán-Auditorium und stimmen sich auf die Informationsveranstaltung zum geplanten „Shared Space” ein. Im Rahmen des Verkehrsprojektes wird der Templergraben im Bereich zwischen Hauptgebäude, Super C und Kármán-Auditorium zum geteilt genutzten Verkehrsraum umgestaltet.

Die neue Fläche soll eine sieben Meter breite Fahrbahn erhalten, die nahezu niveaugleich zum Gehweg angelegt ist. Knackpunkt: Im Zuge der gemeinsamen Maßnahme von Stadt, Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW und RWTH sollen 33 Bäume gefällt werden.

„Wir sind dem Projekt grundsätzlich nicht abgeneigt”, sagt Hubert Heck, Mitorganisator des Baumschutzbündnisses. „Aber wir sehen keinen vernünftigen Grund für das Fällen der Bäume.” Architekt Bernward Hoditz hat sogar einen Gegenentwurf unterm Arm, den er Baudezernentin Gisela Nacken präsentieren will. „Damit könnten wir die 33 Bäume retten.” Thomas Kaußen, Anwohner am Templergraben, hat sich mit seinen Nachbarn zusammengeschlossen, um sich über die Planungen zu informieren.

„Ich bin hier aufgewachsen, habe als Kind unter den Bäumen gespielt - und ich halte es für falsch, sie in der Blüte ihres Lebens abzusägen.” Die „WoodBürger” haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie einen Kompromiss erzielen können. Behutsam gehen sie dabei nicht vor.

Gisela Nacken versucht dennoch, Ruhe zu bewahren. „Es ist ein wichtiges Ziel der Stadt, mehr Bäume in die Stadt zu bringen und mehr Freiräume für Grün zu schaffen”, erklärt sie und will Beispiele nennen. Doch schon beim ersten Beispiel Elisengarten geht ein Raunen durch die Menge. „Das ist ekelhaft! Ich gehe! ”, brüllt einer. Nacken redet tapfer weiter. Erklärt, dass sie um jeden Baum auf dem Templergraben gerungen habe, dass der Bereich am Templergraben nun einmal das Aushängeschild der Exzellenzuniversität ist - und dass ja auch neue Grünflächen geschaffen werden.

Das Vorhaben an sich stößt im Publikum auch durchaus auf Zustimmung, nicht aber das Fällen von Platanen und Sorbus-Bäumen (auch Vogelbeere und Eberesche genannt). Dass sechs relativ junge Bäume umgepflanzt werden und weiterleben dürfen, ist für die Gegner nur ein schwacher Trost.

Es sind nicht nur die Baumschützer, die sich mit ihren Argumenten („Erst stirbt der Baum, dann der Mensch ”) einbringen. Auch Studenten schalten sich ein: „Mir tut das im Herzen weh, dass der Charakter des Templergrabens einfach weggehackt wird”, sagt einer. Eine Kommilitonin begrüßt die Planungen. Sie bestätigt, dass die aktuelle Verkehrssituation eine große Gefährdung darstellt. Auch ein Hausmeister redet mit: „Ich sehe jeden Tag, wie sich die Studenten hier aufhalten. Die Bäume, die jetzt hier stehen, haben keinen Nutzen.” Für die Baumschützer gelten all diese Argumente nicht. Sie kritisieren die „anti-grüne Haltung” der Schwarz-Grünen und pochen weiter auf ein neues Konzept.

Es ärgert die Bürger, dass sie keinen Einfluss mehr nehmen können. „Wo ist unsere Stimme?”, fragen sie. Gisela Nacken verweist auf die Bürgerversammlung, die es im März 2010 gegeben hat. Räumt aber auch ein, dass zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar war, dass Bäume gefällt werden. „Der Beschluss im Mobilitätsausschuss war einstimmig und ist nicht mehr zu revidieren”, beruft sie sich schließlich auf die demokratische Entscheidung. „Es ist schon ein starkes Stück, wie Sie das hier vom Tisch wischen!”, ruft einer. Es ist Ratsmitglied Andreas Müller (Linke), der gegen die Pläne wettert.

Helmut Ludwig, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, meldet sich daraufhin zu Wort. Die Linke habe damals im Mobilitätsausschuss nicht gegen die Pläne gestimmt, entgegnet er. „Die Linke hat das Protokoll auf jeden Fall nicht beanstandet”, sagt Ludwig am Mittwoch auf AZ-Anfrage.

Einwände hin oder her. Das Projekt ist beschlossene Sache. Formaler Baubeginn ist im Dezember. Da helfen auch die „Aua!”-Rufe der Platanen am Templergraben nicht mehr.

Mitarbeiter-Parkplätze sollen ersetztwerden

Im Zugeder Umgestaltung am Templergraben werden sechs bis zehn Parkplätze am Templergraben wegfallen sowie 24 am Barbarossaparkplatz. Gabriele Golubowitsch, Leiterin des RWTH-Dezernats für Facility Management, versichert aber, dass die Mitarbeiter-Parkplätze eins zu eins ersetzt werden.

Die Animation der Stadt zeigt den Bereich vor dem Super C, wie er nach der Maßnahme aussehen soll. Die darauf abgebildeten Bäume bleiben erhalten.

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