Spielcasino kämpft nicht nur mit Gangstern

Von: Robert Esser
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Damit‘s im Casino wieder rund läuft: Direktor Thomas Salinger verspricht neuen Schwung. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Das krisengeschüttelte Aachener Casino führt jetzt ein neuer Direktor: Thomas Salinger. Der 47-Jährige hatte schon am zweiten Arbeitstag die Polizei im Haus.

Kaum sind Sie da, schon schreiben Sie Geschichte: An Ihrem zweiten Arbeitstag, am 3. Januar 2014, hat ein bewaffneter, maskierter Mann die Spielbank überfallen. Das gab‘s noch nie seit der Eröffnung 1976. Ihre Überwachungskameras haben dann aufgezeichnet, wie der Gangster ohne Beute vor einer kreischenden Angestellten die Flucht ergriff. Ist der Täter schon identifiziert?

Salinger: Nein, soweit wir wissen, laufen die polizeilichen Ermittlungen noch.

Einige Witzbolde mutmaßen, Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp oder Kämmerin Annekathrin Grehling hätte vielleicht vermummt versucht, endlich wieder mehr Abgaben fürs Stadtsäckel vom früheren Geldesel an der Monheimsallee zu kassieren...

Salinger: Sie scherzen...

Wir halten das auch eher für unwahrscheinlich. Zu großes Risiko. Man hätte trotz Maskierung sowohl den OB als auch die Kämmerin leicht erkennen können.

Salinger: (lacht) Kann ich nicht sagen, ich bin Herrn Philipp und Frau Grehling noch nicht begegnet. Ich arbeite ja erst seit ein paar Tagen in Aachen. Aber ich freue mich sehr darauf, hier in den kommenden Wochen und Monaten viele Menschen kennenzulernen – natürlich auch den Oberbürgermeister und die Kämmerin.

Es gab Zeiten, da war die Spielbank Dreh- und Angelpunkt gesellschaftlichen Lebens. Nicht nur für OBs. Die Prominenz gab sich die Klinke in die Hand. Ist es überhaupt denkbar, dass das Casino noch mal an jene Glanzzeiten anknüpfen kann?

Salinger: Ich bin davon überzeugt, dass die Aachener Spielbank wieder an Bedeutung gewinnen wird. Aber nicht in der Form, wie es vor Jahrzehnten der Fall war. Das ist vorbei. Die Welt hat sich weitergedreht. Die Spielbankkultur, die Glücksspiellandschaft und das Freizeitverhalten der Menschen haben sich verändert. Jetzt gilt es, sich auf diesem neuen Markt neu auszurichten und ein attraktives, vielfältiges und vor allem auf den Gast zugeschnittenes Angebot zu schaffen. Dann kann das Aachener Casino vielleicht auch wieder zu einem Mittelpunkt gesellschaftlichen Lebens der Stadt werden.

Unter welchen Veränderungen leiden Sie besonders?

Salinger: Als ich in der Branche anfing, das war Mitte der 80er Jahre, gab es 30 bis 40 Spielbanken über das Bundesgebiet verteilt. Mehr nicht. Keine Konkurrenz. Im Laufe der letzten fünf bis zehn Jahre ist der Online-Glücksspielbetrieb aufgekommen – und sehr schnell gewachsen. Grundsätzlich ist diese Art des Glücksspiels in Deutschland zwar nach Glückspielstaatsvertrag verboten, aber dies wird nicht durchgesetzt. Es gibt im Internet wahnwitzig viele Angebote. Denken Sie allein an den Poker-Bereich. Parallel expandierte das gewerbliche Glücksspiel.

Sie meinen die vielen Wettbüros...

Salinger: Nein, vor allem meine ich die Spielhallen. Die können mittlerweile gleichwertige Spielsysteme wie wir anbieten. Aber sie unterliegen eben nur teilweise den restriktiven Vorgaben des Glücksspielstaatsvertrages. Spielbanken haben zum Beispiel zusätzlich erhebliche Werbebeschränkungen und lückenlose Zutrittskontrollen. Dann kam das Nichtraucherschutzgesetz – und so weiter. All das hat dazu geführt, dass klassische Spielbanken immer mehr Gäste verloren haben. Von 2007 bis 2012 sind die Gästezahlen bundesweit um 33 Prozent gesunken.

Sind die Spielangebote außerhalb der konzessionierten Spielbanken außer Kontrolle geraten?

Salinger: Das steht manchmal in keinem Verhältnis mehr. Der jahrelange Wildwuchs muss politisch nachreguliert werden.

Weil Ihnen sonst noch mehr Einnahmen verloren gehen.

Salinger: Nein. Vielmehr weil dies die Kanalisierung, die der Gesetzgeber sinnvollerweise mit dem legalen, konzessionierten Glücksspiel erreichen wollte, konterkariert. Es geht um Spielerschutz, um Jugendschutz, um soziale Konzepte gegen Spielsucht und vieles mehr. Das ist die Aufgabe! Dieser gesellschaftliche Auftrag ist den konzessionierten Spielbanken zugedacht. Und den können sie auch erfüllen – allerdings nicht, wenn die Kundschaft an jeder Straßenecke und mit jedem Mausklick spielend weggelockt werden kann. Das ist das Dilemma.

Was hat die Aachener Spielbank 2013 noch bilanzieren können?

Salinger: Wir haben im klassischen Spiel einen Bruttospielertrag von 3,2 Millionen Euro erzielt. Im Automatenspiel waren es 2,3 Millionen Euro. Beides liegt sicherlich hinter den Erwartungen.

Das gilt auch für Besucherzahlen.

Salinger: Ja. 2012 waren es 102.000 Besucher; 2013 waren es etwas weniger. Das wird sich ändern.

Seit den 70er und den 80er Jahren summiert sich der Besucherrückgang auf rund 70 Prozent. Damals kamen bis zu 1000 Menschen pro Tag in die Aachener Spielbank.

Salinger: Wie gesagt: Das waren andere Zeiten. Andere Voraussetzungen und Rahmenbedingungen. Das kann man seriös einfach nicht mit heutigen Zielsetzungen vergleichen.

Das Automatenspiel hat immer mehr an Bedeutung gewonnen – auch bei Ihren Einspielergebnissen. Vor Jahren hat Westspiel, der Betreiber der Aachener Spielbank, das Automatencasino vom klassischen Spiel getrennt. 110 Automaten machen im Kapuzinerkarree Umsatz – und im Stammhaus an der Monheimsallee wartet man auf Gäste. Das war ein Fehler, oder?

Salinger: Aus heutiger Sicht macht es sehr viel Sinn, die Automaten zurück ins Stammhaus an der Monheimsallee zu holen. Das ist ein zentraler Punkt unserer Neu-Konzeption. Damit erhöhen wir die Attraktivität unseres Standortes. Und das ist ein wichtiger Faktor, um Gästezahlen zu stabilisieren und das Haus wieder wirtschaftlicher zu machen.

Wann wird das passieren?

Salinger: Bitte, haben Sie Verständnis dafür, dass ich Ihnen nach nicht einmal zwei Wochen hier in Aachen noch keinen präzise datierten Zeitplan nennen kann.

Wann geht‘s denn ungefähr los?

Salinger: Sobald die Vorbereitungen abgeschlossen sind. Dies wird zeitnah gelingen. Da bin ich zuversichtlich.

Das heißt?

Salinger: Dass wir dieses elementare Ziel so schnell wie möglich erreichen möchten – natürlich in Absprache mit den Verantwortlichen der Stadt Aachen.

Natürlich, die Stadt ist schließlich Ihr Vermieter. Was sieht Ihr neues Spielcasino-Konzept noch vor? Bekannt ist, dass Sie etwa zwei Drittel Ihrer 1900 Quadratmeter Mietfläche im Kurhaus abgeben möchten. Zumal die Spielbank-Gastronomie mit Lenné-Pavillon, Restaurant etc. seit Dezember geschlossen ist.

Salinger: Wir wollen uns neu aufstellen. Alle, die daran beteiligt sind, wollen dies nun so effektiv wie möglich umsetzen. Dazu gehört auch das GOP-Varieté, das hier im Kurhaus, direkt neben dem Spielcasino eine neue Heimat finden möchte. Das würde eine erstklassige Aufwertung des Standorts bedeuten. Und damit deutlich mehr Gäste. Hinzu kommt, dass GOP natürlich auch gastronomisch viel zu bieten hat. Somit würden mehr Aachener, aber sicher auch mehr auswärtige Gäste zu uns finden. Varieté-Entertainment und unser Spielangebot – das passt einfach toll zusammen.

Dazu noch Kongressgäste aus dem Eurogress...

Salinger: Auch da werde ich das Gespräch suchen. Derzeit geht da ja eine Karnevalssitzung nach der anderen über die Bühne. Ich kenne das.

Karneval? Woher kamen Sie noch gleich?

Salinger: Ursprünglich aus Berlin.

Jetzt scherzen Sie!

Salinger: Es wird wirklich Karneval gefeiert in Berlin. Aber sicher nicht so wie in Aachen. Auch da bin ich gespannt drauf. Ich lasse mich überraschen.

Überrascht es Sie, wenn nicht wenige Aachener immer noch davon ausgehen, dass die hiesige Spielbank ein Auslaufmodell ist?

Salinger: Diese Annahme ist schlicht und ergreifend falsch. Es gibt ein eindeutiges und unmissverständliches Bekenntnis von Westspiel pro Aachen. Das Casino hier hat Zukunft. Sie wissen, dass Westspiel zur NRW Bank gehört, deren Eigentümer das Land Nordrhein-Westfalen ist. Man ist ganz eng mit den entscheidenden politischen Kräften des Landes verbunden. Und auch die Politik hat sich eindeutig für den Erhalt des Spielcasinos in Aachen ausgesprochen. Seitdem eine Konzession für eine neue Kölner Spielbank abgesegnet ist, muss Aachen nicht mehr um seine Existenz fürchten. Das ist beschlossene Sache. Wir wollen hier in der Kaiserstadt etwas bewegen.

Setzen Sie gerade Ihr Pokerface auf?

Salinger: Nein, warum?

Man hört, dass Sie in Sachen Poker zu den führenden Experten in ganz Deutschland gehören.

Salinger: Danke, ist mir aber neu.

Sie haben für das Poker-Spiel in Deutschland einiges bewegt. Wird Poker auch in Aachen künftig mehr im Fokus stehen?

Salinger: Fakt ist, dass Poker in den letzten fünf, sechs Jahren ein unglaubliches Revival erlebt hat. Das müssen die Spielbanken natürlich aufgreifen. Wobei es auch im Poker-Geschäft sehr schnelle Entwicklungen gibt. Die favorisierten Spielvarianten wechseln, das gilt im Besonderen für Poker-Turniere. Da muss man ständig ein Auge darauf haben, was der Gast bevorzugt. Wir wollen uns hier noch schneller und präziser nach der Nachfrage richten.

Das ist Ihnen anderswo doch schon gelungen.

Salinger: Sie spielen auf meine Tätigkeit als Direktor der Spielbanken in Warnemünde bei Rostock an. Da haben wir seinerzeit mit den norddeutschen Spielbanken eine Kooperation geschlossen und uns der deutschen Pokermeisterschaft angeschlossen. Dann haben wir die German-Poker-Tour durch mehrere deutsche Spielbanken initiiert. Das hat einen enormen Aufwind verursacht. Auch überregional entfaltete sich dadurch eine Sogwirkung. Das Publikum war da.

Trotzdem wurde das Casino in Warnemünde 2013 abgewickelt, auch Schwerin. Zu wenig Umsatz im strukturschwachen Raum. Also nicht vergleichbar mit Aachen?

Salinger: Nein, das kann man wirklich nicht vergleichen. In Mecklenburg gab es keine Spielbank-Tradition; die Spielbanken wurden 1995 erstmals konzessioniert. Für 1,7 Millionen Einwohner in diesem strukturschwachen Bundesland hat man fünf Konzessionen herausgegeben. Aber bei der Abgabenregelung hat sich das Land an den Regelungen der alten Bundesländer orientiert. Das konnte nicht funktionieren. Wir haben lange mit dem Land verhandelt, um günstigere Konditionen zu erreichen. Und als sich im Zuge des Online-Glücksspielbooms etc. bundesweit das Bruttospielergebnis von rund einer Milliarde Euro halbierte, ging es den neuen Spielbanken besonders schlecht. Da gab es keine Rücklagen aus goldenen Zeiten. Da hat der private Betreiber letztlich die Lizenz zurückgegeben. Es war wirtschaftlich einfach nicht mehr darstellbar. Das war ein sehr schmerzhafter Prozess.

Der in Aachen nicht mehr droht?

Salinger: Nein! Ich bin nach Aachen gekommen, weil es ein ganz klares Bekenntnis zum Standort gibt. Und weil dieses Casino großes Potenzial hat. Daran kann kein Zweifel bestehen. Wir wollen hier jetzt viel Neues entwickeln. Die Pläne liegen vor, jetzt geht es um die Umsetzung. Darauf habe ich große Lust. Ich freue mich wirklich sehr, dass ich daran mitwirken darf. Wir werden diesbezüglich in sehr engem Kontakt mit der Stadt vorgehen. Denn das Gebäude – dieser wirklich prachtvolle Bau – ist natürlich sanierungsbedürftig. Es bleibt viel zu tun. Die Stadt hat ja bereits signalisiert, dass sie großes Interesse daran hat, diesen Prozess bis zum Ziel mitzubegleiten.

Zeigen Sie uns noch Ihr Pokerface?

Salinger: (lacht) Weiß ich noch nicht. Ich spiele gelegentlich mit Freunden; aber Freizeit ist knapp. Mein neuer Job fordert mich, natürlich auch unsere 133 Mitarbeiter hier vor Ort. Ich bin sicher, dass wir die Herausforderung bewältigen. So kurios der Start auch war.

Sagen Sie uns Bescheid, wenn Sie den glücklosen Casino-Räuber identifiziert haben?

Salinger: Auch darauf können Sie sich verlassen.

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