SPD-Chef Martin Schulz auf der Suche nach schönen Bildern

Von: Christoph Pauli und Jan Drebes
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Der Kandidat, der Dom und die Presse: Martin Schulz war gestern im Rahmen seiner Sommertour zur Stippvisite in Aachens berühmtestem Bauwerk. Erläuterungen gab es von Dompropst Manfred von Holtum. Foto: Andreas Herrmann
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Ein Traum geht in Erfüllung: FC-Fan und -Mitglied Martin Schulz darf auf dem heiligen Rasen des 1. FC Köln ein paar Bälle kicken. Foto: dpa

Berlin/Köln/Aachen. Für Martin Schulz geht an diesem verregneten Mittwoch ein Traum in Erfüllung. Zum ersten Mal darf der FC-Fan auf dem Rasen des 1. FC Köln ein paar Bälle treten. Mit glatter Ledersohle, in Anzug und Krawatte passt er den Ball jungen Flüchtlingsmädchen zu, die Mitglieder eines Integrationsprojekts des Vereins sind.

Er bestaunt den Hackentrick einer Spielerin, versucht es selbst aber lieber nicht. „Dafür müsste ich andere Schuhe haben“, sagt er knapp.

Eigentlich wollte der SPD-Chef aus Würselen Fußballer werden, sehnte sich einst nach einer Karriere als Profi. Ein kaputtes Knie habe das zunichtegemacht, erzählt Schulz oft und gerne in diesem Wahlkampf. Nun versucht er eben die Sache mit dem Kanzleramt.

„Kannst du Kopfball?“, fragt eines der Fußball-Mädchen. „Joa“, sagt Schulz. „Aber nicht mit Brille.“ Die müsste er abnehmen, sagt er. Macht er aber nicht. Es bleibt also bei weniger aufwendigen Manövern.

Schulz ist Dauerkartenbesitzer. Lange habe sein Bruder immer die Dauerkarte genutzt, weil er selbst keine Zeit gehabt habe, erzählt der SPD-Mann. Irgendwann habe der Bruder sich sogar beschwert, wo die nächste Dauerkarte bleibe. Da habe er gesagt: „Kaufe_SSRq dir doch selbst eine.“ Inzwischen nutzt Schulz die Karte wieder selbst. Von Präsident Werner Spinner erfährt er, wie so gefeierte Spieler wie Anthony Modeste ihre Vorstellungen vom deutschen Arbeitsrecht interpretieren.

In Köln zieht er Parallelen zwischen dem Sport und seinem jetzigen Job als Kanzlerkandidat. „Die Fähigkeit, die man entwickeln muss, wenn man Fan des 1. FC Köln ist: nie aufgeben“, sagt Schulz. „Und den Kölschen Dreisatz beherzigen: Et es wie et es, et kütt wie et kütt, et hät noch immer jot jejange!“ Das also ist jetzt sein Motto für den Kampf ums Kanzleramt, eine Mischung aus Fatalismus und Optimismus?

73 Tage vor der Wahl

Schulz scheint jedenfalls ein geeignetes Rezept noch nicht gefunden zu haben. Bei den persönlichen Beliebtheitswerten liegt er 73 Tage vor der Wahl weit abgeschlagen hinter Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die SPD erreicht derzeit nur rund 25 Prozent, die Union kratzt hingegen an der 40-Prozent-Marke. Und wieder einmal kommt für den SPD-Herausforderer auch noch Pech im Wahlkampf hinzu, womit sich eine Serie fortsetzt. Auf seiner Sommerreise, die ihn erst nach Bayern führte, jetzt nach NRW und zum Ende der Woche nach Hamburg, will er sein Wahlprogramm mit schönen Bildern von Unternehmensbesuchen oder vom Kicken im Kölner Stadion öffentlichkeitswirksam unterfüttern.

Doch die Debatte um die Folgen der Ausschreitungen beim G20-Gipfel verhindern das bisher. Das Thema innere Sicherheit ist ein sensibler Aspekt, weil es hier um Emotionen geht. Auf diesem Feld hat bereits Armin Laschet in NRW-Wahlkampf gepunktet, als er den aus seiner Sicht überforderten ehemaligen Innenminister Ralf Jäger zur Zielscheibe für seine fortgesetzte Kritik gemacht hat.

Schulz ist an diesem Tag mit einer Busladung Journalisten, Kameraleuten und Fotografen unterwegs. Es wird nun mehr über den Frontalangriff von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) auf Merkel geredet als über die SPD-Ideen zur Bildungspolitik, die Schulz bei einem Ausbildungsprojekt des Dormagener Chemieparks an diesem Mittwoch anreißt.

Gabriel hatte am Dienstag in ungewöhnlich scharfer Weise der Union Verlogenheit und einen perfiden Wahlkampf vorgeworfen. Grund war, dass zunächst einige Unionspolitiker wie Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) dem wegen der Ausschreitungen angeschlagenen Ersten Bürgermeister Hamburgs, Olaf Scholz (SPD), den Rücken stärkten, andere wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) oder CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer dem Top-Genossen Scholz indirekt die persönliche Verantwortung für die Eskalationen gaben.

Beinfreiheit für Angriffe

Auch die Debatte darüber, ob die SPD Linksextremismus zu wenig bekämpft habe, auf dem linken Auge gar blind sei, erregt die Gemüter in der Parteiführung. Schulz betonte gestern, die Äußerungen Gabriels seien mit ihm abgesprochen gewesen. Also war es Strategie, dass nun der Vizekanzler de facto das Arbeitsverhältnis zur Union aufkündigte? Warum machte das nicht Schulz selbst? Schließlich wurde sein Verzicht auf die Übernahme eines Regierungsamtes während der Kanzlerkandidatur doch auch damit begründet, dass er so mehr Beinfreiheit für Angriffe habe.

Eins wird bei diesem Reisetag, der auch in Schulz’ Heimat Aachen führt, deutlich: Der SPD-Chef empfindet die Äußerungen aus der Union als ernsten Angriff auf seine Partei – und in Teilen auch auf sich selbst.

Damit ist der Zoff um den G20-Gipfel geeignet, dem Wahlkampf für die Zeit bis zum 24. September einen neuen Sound zu geben. Es dürfte nun ruppiger zugehen in der Auseinandersetzung mit der Union. Dabei war Schulz mit dem Mantra angetreten, im Wahlkampf den Respekt vor dem Gegner nicht verlieren zu wollen. Das Rennen um das Kanzleramt, so hieß es damals, könne auch eine Sternstunde der Demokratie werden. Es war als eine klare Abgrenzung zum diffamierenden US-Wahlkampf gedacht, jetzt verschärft sich aber auch hierzulande die Wortwahl.

Das zeigen insbesondere die direkten Vorwürfe gegen die Bundeskanzlerin. Angela Merkel (CDU) warf er vor, sie habe ihren Regierungssprecher und Kanzleramtsminister öffentlich Krokodilstränen vergießen lassen, aber gleichzeitig führende Unionspolitiker losgeschickt, um die SPD zu verleumden und in die Nähe von Linksextremisten zu rücken. „Das ist, wie Sigmar Gabriel es genannt hat, perfide“, sagte Schulz gestern.

Dabei wird auch offenbar, wie schwierig es nach dem Wahlkampf werden dürfte, bei entsprechenden Mehrheitsverhältnissen die SPD-Basis noch einmal von einer Neuauflage der großen Koalition unter Merkel zu überzeugen.

Werden sich die Fronten in den kommenden Wochen noch so verhärten, dass ein solches Bündnis sogar als ausgeschlossen gelten muss? Schulz ist es zumindest zuzutrauen, dass er in der heißen Phase des Wahlkampfs, also wenige Wochen vor der Wahl, mit noch härteren Bandagen als bisher kämpfen wird. Für das seichte Kicken auf dem Platz des 1. FC Köln gilt das aber noch nicht. Auch nicht für Schulz’ Gegnerin im feuerroten Trikot. Als Schulz mit dem Ball um sie herumdribbeln will, ruft die Trainerin ihrer Schülerin zu: „Aber nicht grätschen!“ Die Union, so empfindet man das in der SPD, hat genau das gerade getan.

Entspannung im Aachener Dom

Erst am Abend wirkt der Kandidat dann wirklich entspannt, als er den Aachener Dom besichtigt. Zuvor war er noch am Dreiländerpunkt bei Vaals. Jetzt steht er vor Aachens berühmtestem Bauwerk. Der Bundesvorsitzende wird vom Aachener Parteivorsitzenden Karl Schultheis begrüßt. Die SPD-Bundeszentrale habe angefragt, „und wir haben hier keine Berührungsängste“, sagt Manfred von Holtum, als er den Gast an der Wolfstür empfängt.

Der Dompropst hat zuletzt auch Gregor Gysi (Linke) und Renate Künast (Grüne) durch den Hohen Dom geführt. Ein paar Besucher werden überrascht, als der Prominente durch die Chorhalle geht. Verstohlen werden die Handys gezückt. Einige der professionellen Fotografen ignorieren die Absperrungen, die Großbildjäger füllen ihre Archive für die nächsten Wochen.

Schulz steht vor dem Karlsthron, historische Nachhilfe braucht er eher nicht. Er kennt die Geschichte des Doms, ist häufiger in der Palastkirche – auch jenseits der Tage, an denen der Internationale Karlspreis in Aachen vergeben wird.

Dann ist es Schulz, der seinen Zuhörern vom Unesco-Weltkulturerbe erzählt. Es ist ein schöner Termin, abseits des politischen Alltags. Der Besuch ist nach 20 Minuten vorbei, aber der SPD-Mann hat Gefallen an der Rolle des Reiseleiters gewonnen. Es ist ein Heimspiel. „Wenn Ihr wollt, zeige ich Euch noch den Katschhof“, bietet er den Zuhörern an. Das improvisierte Angebot lässt die Sicherheitskräfte aufschrecken, aber der Tross zieht weiter vorbei an der Domschatzkammer, hinauf auf den großen Platz.

Mit weit ausholenden Bewegungen steht er da zwischen Dom und Rathaus. Und weil im Rathaus noch ein paar Fenster aufstehen, der Stadtrat tagt gerade, setzt er die Spontanreise fort, hin zum Rathaus, dann hinauf in den Krönungssaal. „Aachen ist immer ein Krönungsort gewesen“, sagt er. Und grinst.

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