Aachen - Soziale Arbeit in Hiroshima: Demut ist ein guter Lebensberater

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Soziale Arbeit in Hiroshima: Demut ist ein guter Lebensberater

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Aachen. Torsten Nyhsen schaut gern über den Tellerrand: Bereits als Student der Sozialpädagogik hat er sich in der Mongolei umgeschaut. Nicht als Tourist, sondern um soziale Arbeit in einem anderen Land unter die Lupe zu nehmen. Jetzt war Nyhsen – seit 2009 ist er Geschäftsführer des katholischen Vereins für soziale Dienste (SKM) in Aachen – in Japan, um dort in soziale Einrichtungen wie Kinderheime, Krankenhäuser, Behindertenwerkstätten und Alteneinrichtungen zu schnuppern.

Zustande kam die einwöchige Reise durch die bereits seit längerer Zeit bestehende Kooperation der Katholischen Hochschule (KatHo) in Aachen mit der Universität in Hiroshima.

„Das ist wie mit dem Astronauten auf der Internationalen Raumstation, der auf die schöne blaue Erde schaut: Man kommt mit viel Demut zurück und sieht, was das eigene Land bereits alles erreicht hat“, plädiert Nyhsen für mehr Wertschätzung der Leistungen des sozialen Systems in Deutschland. „Mit dieser positiven Grundhaltung kann man weitere Verbesserungen anstreben.“

Anreize fürs deutsche System

Dabei gibt es gerade in Japan viele positive Anreize für das deutsche System. Zum Beispiel in einem Haus, in dem ein Kindergarten und ein Altenheim gemeinsam untergebracht sind. „Wir haben auch Kooperationen mit Schulen und Kindergärten und wollen die Generationenarbeit fördern. Doch das kann sich nur auf gelegentliche Besuche beschränken. Dort treffen sich die Generationen täglich“, berichtet Nyhsen, der als SKM-Geschäftsführer auch Leiter von zwei Seniorenzentren ist.

Bedenkenswert ist für Nyhsen auch die japanische Herangehensweise an bürgerschaftliches Engagement. „Ehrenamt braucht Hauptamt – das haben wir in Deutschland zwar mittlerweile verstanden. Aber Ehrenamtskoordinatoren in den Einrichtungen müssen irgendwie finanziert werden. Dafür gibt es kein Geld von den Kostenträgern.“

Einzig der Fachbereich Kinder, Jugend und Schule habe sich bisher im Zusammenhang mit den Familienpatenschaften des SKM für die direkte Finanzierung der hauptamtlichen Betreuung von Ehrenamtlichen entschieden. In Japan obliegt es dagegen grundsätzlich den Präfekturen, Ehrenamtszentren zu betreiben, an die sich sowohl Einrichtungen als auch Freiwillige wenden können.

Anregungen hat sich Nyhsen auch im Zusammenhang mit dem Umgang mit alten Menschen in Japan geholt. Dort sei die Definition von Pflegebedürftigkeit deutlich umfassender und differenzierter. Zudem stellen die Kommunen sogenannte Care-Manager zur Verfügung, die Pflegebedürftige von der Antragstellung bis zur Implementierung des individuell angepassten Hilfssystems persönlich begleiten.

„Der deutliche Unterschied zu unseren Pflegeberatungsstellen ist der aufsuchende Charakter. So erfolgen Hilfen oft viel früher und haben damit auch noch ein rehabilitierenden Charakter.“ Aber wie gesagt: In Deutschland brauchen wir uns nicht zu verstecken.

„In Japan ist das stationäre System zwar optimal ausgerichtet, mit einem hohen Personalschlüssel. Aber es gibt viel zu wenige Plätze und die stehen auch nur denen zur Verfügung, die es sich leisten können“, erklärt Nyhsen. Zehn Prozent Eigenanteil muss jeder Altenheim-Bewohner in Japan aufbringen, während in Deutschland in letzter Konsequenz der Staat zahlt.

„An dieser Stelle fragen die japanischen Kollegen immer genauer nach“, sagt Nyhsen, der gerade wieder eine japanische Reisegruppe bestehend aus Fachleuten des Sozial- und Gesundheitswesens bei sich in der Heinrichsallee zu Gast hatte.

Reiseeindrücke erfasst

Während er diese Reiseeindrücke ganz professionell als Sozialpädagoge und Betriebswirt erfasst hat, ist ihm ein anderer Ort als Mensch und Vater von zwei Kindern sehr nahe gegangen. Im Friedenspark von Hiroshima, in dem an die vielen Opfer des Atombombenangriffs gedacht wird, kam ihm nur ein Gedanke:

„Wie kann danach überhaupt noch ein Mensch in Erwägung ziehen, mit diesen Waffen zu drohen?“ Zwei Origami-Kraniche, die er als Gastgeschenk bekommen hat, zieren seit seiner Reise seinen Aachener Schreibtisch. Sie erinnern Torsten Nyhsen: Demut ist ein guter Lebensberater.

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