Aachen - Sozialarbeit auf Erfolgsspur im Parkhaus

Sozialarbeit auf Erfolgsspur im Parkhaus

Von: Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:
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Immer auf Augenhöhe: David Berchtenbreiter (rechts) und Mark Krznaric sind täglich in und vor den Parkhäusern der City unterwegs, um Obdachlosen und Abhängigen beizustehen. Die Kooperation mit der Apag, sagen sie, habe sich bestens bewährt.
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Alles im Blick: Im Apag-Leitstand an der Couvenstraße sind auch die Drähte zu den Streetworkern des "Café Relax" bestens. Ruth Delhey und Hans-Jürgen Andres (vorn) setzen vor allem auf Hilfe statt Verbannung Obdachloser aus den Parkhäusern.
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Routinemäßiger Rundgang: Auch dem Parkhaus Adalbertsteinweg gilt die besondere Aufmerksamkeit der Streetworker, schon wegen seiner Nähe zum Kaiserplatz treffen sie hier nicht selten Obdachlose und Drogenkonsumenten an.
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Fiese Ecken gibt es noch immer zur Genüge - vor allem im maroden Parkhaus am Büchel: Gefährliche Hinterlassenschaften wie Spritzen sind dank des engagierten Sammeldienstes der Suchthilfe allerdings rar geworden.
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Täglich unterwegs: Mark Krznaric (links) und David Berchtenbreiter kennen die Situation in den Blechbastionen der Apag bestens - und wissen, wie sie ungebetenen "Gästen" weit bessere Angebote machen können.

Aachen. Kuschelig ist anders. Aber immerhin: Fred, so nennen wir ihn mal, hat seinen „Arbeitsplatz“ überraschend gut organisiert. „Bevor ich gehe, schnapp‘ ich mir immer einen Besen und feg‘ den Bürgersteig“, sagt er. Und wundert sich, dass man sich wundert. „Will ja nich‘ im Dreck rumsitzen hier – wär‘ auch schlecht fürs Geschäft, wa.“

Er kramt einen – sauberen – Aschenbecher hervor. „Kippen rumschmeißen? Sowas gibt‘s bei mir auch nicht.“

Fred ist 42, heroinsüchtig, arbeitslos, wohnungslos. Jeden Tag kauert er auf seiner dünnen Iso-Matte direkt vor dem Parkhaus Büchel. „Ich quatsche keinen an und mach‘ keinen Ärger. Deshalb stör‘ ich auch die Jungs von der Apag nicht“, sagt er. „Im Gegenteil. Manchmal kann ich denen sogar helfen.“ Er schaut auf das verschlissene grüne Käppi vor seinen Knien, in dem nicht zufällig nur ein paar kleine Münzen glitzern. „Der Umsatz ist super hier“, sagt er. Trotzdem ist heute nicht sein bester Tag. Bei der Suche nach einer Wohnung hat er mal wieder Pech gehabt. Wie schon so oft. Nein, in eine Obdachlosenunterkunft will er nicht. Er kennt ein warmes und stilles Plätzchen ganz in der Nähe, wo man ihn in Ruhe pennen lässt – jenseits der Betonburgen fürs Blech.

Fred ist einer von vielen obdachlosen Abhängigen, denen Mark Krznaric und David Berchtenbreiter mit ihren Kollegen aus dem „Café Relax“ am Kaiserplatz regelmäßig beistehen. Ist deren Job, schon klar. Weit weniger selbstverständlich: „Seit rund anderthalb Jahren sind wir in enger Abstimmung mit der Apag täglich mit zwei Streetworkern in den Parkhäusern unterwegs“, berichtet „Relax“-Leiter Krznaric. „Die Kooperation hat sich bestens eingespielt.“

Das bestätigt beileibe nicht nur Herbert Sliwinski. „Wir haben erkannt, dass wir die Menschen, die bei uns Unterschlupf suchen, nicht einfach nur als Störenfriede betrachten und rausschmeißen können“, sagt der Apag-Chef. „Wir wollen einen Beitrag leisten, ihnen Alternativen, Perspektiven aufzuzeigen.“ Denn davon profitierten am Ende alle Seiten. „Und inzwischen haben die Kollegen ,vor Ort‘ zu manchen von ihnen einen richtig guten Draht.“

Zum Beispiel – apropos Draht – Ruth Delhey und Hans-Jürgen Andres. In der Leitstelle am Parkhaus Bushof haben die beiden die Lage in den 14 städtischen Blechbastionen permanent im Blick. Hunderten Kameras, die nach Bedarf auf einen riesigen Screen geschaltet werden, entgeht so gut wie nichts. Aber auch das Apag-Team ist mittlerweile bestens im Bilde – in jeder Hinsicht, versichert Andres. Alle 14 Tage treffen sich die Apag-Beschäftigten mit den Experten der Suchthilfe zur Lagebesprechung.

Junge Kollegen werden eingehend geschult, damit sie auch in schwierigen Situationen „vor Ort“ den rechten Ton und die besten Lösungen finden. „Wir haben uns neulich mal zum Kaffeetrinken mit einem älteren ehemaligen Obdachlosen im ,Relax‘ getroffen, der sich immer wieder in einem unserer Parkhäuser schlafen gelegt hatte“, erzählt Andres. Inzwischen habe der Mann mit Hilfe der Streetworker einen Platz in einer Senioreneinrichtung gefunden.

„Natürlich kommt es immer wieder vor, dass sich Autofahrer über Nichtsesshafte beklagen, die sich in irgendeiner Ecke eingerichtet haben“, bekennt Andres. „Selbstverständlich reagieren unsere Wachdienste dann umgehend.“ Nicht nur im Advent, wenn die Kfz-Karawanen Richtung City rollen, sind meist auch die Partner von der Suchthilfe zur Stelle. Denn sie weisen den Gestrandeten eben nicht nur den Weg zurück auf die Straße. Sie zeigen ihnen konkrete, nicht selten überlebenswichtige Pfade aus der Misere auf. „Das kann die Schlafstelle im Café Plattform sein, eine unserer Beratungseinrichtungen oder auch eine Klinik“, erzählt Krznaric.

Mancher sucht freilich alsbald wieder Zuflucht in den Betonburgen der City – auch, um dort harte Drogen oder Alkohol zu konsumieren. „Aber inzwischen hat sich die Situation erheblich verbessert“, betont Sliwinski. Zumal die Streetworker die neuralgischen Ecken in den Parkhäusern natürlich bestens kennen.

Beim exemplarischen Rundgang zwischen Adalbertsteinweg, Bushof und Markt erkunden sie so manchen tristen Winkel, der alles andere als gemütlich anmutet. Vor allem im reichlich maroden Parkhaus am Büchel finden sich wahrlich versiffte und ekelhaft stinkende Ecken. Abgesehen von Kot und Urin ist von typischen Hinterlassenschaften der „Szene“ aber so gut wie nichts zu entdecken.

Ob da jemand flugs „vorgesorgt“ hat, bevor die Presse eingeladen wurde? Weit gefehlt: „Unsere Spritzensammler lesen Drogen-Utensilien aller Art permanent auf“, betont Krznaric – nicht ohne Stolz: „Anfang des Jahres haben wir das Team von drei auf fünf Ein-Euro-Jobber aufstocken können.“

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