So viel Sound gab‘s bei den Classix noch nie

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
8411876.jpg
Klein, aber fein: Über zwei dieser ferngesteuerten Hauptmikrofone fängt Dilpomtonmeister Professor Moritz Bergfeld bis zu 60 Prozent des Sinfonie-Klangs ein – rund 50 weitere Mikros kommen hinzu. Foto: Robert Esser

Aachen. Wenn dem Professor was an die Nieren geht, leiden alle mit. Vor allem – Mediziner mag das überraschen – der Gehörgang. Also ist bei dieser so noch nie dagewesenen Operation am offenen Herzen des Kurparks allergrößte Vorsicht angesagt.

Diese Nierenmikrofone – die heißen so, weil sie den Klang nur in einem ovalen Raum vor dem Tonkopf des Richtmikrofons einfangen – sind dem Mann heilig, den Kollegen als „Klangpapst“ verehren. Diplomtonmeister Moritz Bergfeld positioniert rund 50 Mikrofone auf der Bühne für das Aachener Sinfonieorchester, das am morgigen Freitag, 29. August, um 20 Uhr mit „A Night At The Opera – Viva Verismo!“ die diesjährigen Kurpark Classix eröffnet.

Dabei spielt nicht nur die Mikrofonie, sondern die komplette Schalltechnik mit ihren haushohen Lautsprecherwänden rechts und links der 13 Meter hohen Rundbogenbühne eine buchstäblich herausragende Rolle. Spitze klingt‘s erst, wenn Bergfeld am Mischpult oberhalb der Zuschauertribüne feinfühlig die Finger fliegen lässt – und aus all den einzeln digital optimierten Tonsignalen ein harmonisches Gesamtklangwerk kreiert. Hohe Kunst.

Apropos „State of the Art“: Noch nie stand eine so teure und leistungsstarke Tonanlage im Aachener Kurpark. „Das ist das neueste und beste System, das derzeit auf dem Markt zu haben ist – absolut brillant“, strahlt Bergfeld. „Das ist so, als könnten Sie mit Ihrem Auto locker 300 Stundenkilometer fahren, aber Sie reisen mit 150 Stundenkilometern – luxuriös entspannt, aber mit jeder Menge Reserven“, veranschaulicht der Tonmeister. Dieser Rolls Royce der Tontechnik heißt „L-Acoustics K2“ und kostet über eine Million Euro – was entsprechende Mietgebühren bedeutet.

Rund um die Bühne hat sich am Mittwoch neben zig Scheinwerfern schon eine illustre Schar Boxen versammelt – haushoch. 48 „Bananen“ (gebogene Lautsprecher, für Hoch- und Mitteltonfrequenzen zuständig), darüber acht „geflogene Bässe“ (die schicken tiefe Töne über 60 Meter bis zur hinteren Tribüne) und ganz unten kubikmeterweise Bassboxen sorgen für satten Sound. Was Bergfeld tüchtig Appetit macht: „Ich bin wahnsinnig gespannt, wie dieses System klingt“, strahlt er.

Und erklärt nochmals anhand des Auto-Beispiels, was die Herausforderung bei Klassik-Konzerten unter freiem Himmel ausmacht: „Normalerweise ist der perfekte Klang eines Orchesters auf die Schallreflexionen über die Wände eines Konzertsaals angewiesen. Doch unter freiem Himmel verpuffen 70 Prozent dieses Klangs vor der Bühne“, erklärt er. Also imitiert der Klangwissenschaftler künstlich einen Konzertsaal – möglichst zurückhaltend, unverfälscht. „Man muss die Töne quasi unfallfrei vor die Wand fahren.“ Dann wird‘s ein Ohrenschmaus.

Bei Studio-Aufnahmen von Sinfonieorchestern nimmt der Profi bis zu 80 Prozent des natürlichen Musikklangs über zwei Hauptmi-krophone auf – und steuert 20 Prozent über zig Einzelmikrofone nach. Open-Air funktioniert das nicht. Schon gar nicht, wenn die Lautstärke einer Pop- oder Soulband bei den Crossover-Konzerten dazu stößt. Die zwei Hauptmikrofone, kaum größer als eine fette Zigarre, würden vom hohen Band-Schallpegel überflutet, die fili-grane Orchestrierung würde untergehen. Tödlich.

Vor allem, wenn diese Hauptmikofone wie üblich kugelförmig rundum alles inhalieren, was ein Geräusch ausatmet. Deshalb operiert der Professor – wie bei minimalinvasiver Chirurgie – erstmals mit Hauptmikrofonen, die er sogar während des Konzerts im Klangkörper fernsteuert. Würde man Ton mit Wasser vergleichen, formt Bergfeld quasi aus einem Highend-Kanalgully unterschiedliche Trichter oder dirigiert ein Saugrohr, das ganz präzise nur da Klangwellen abgreift und stützt, wo sie ohne elektronische Verstärkung im Sande verlaufen würden.

Was das bringt? Ein Beispiel: Normalerweise kommt sinfonischer Klang auf der Kurpark-Tribüne vorne wärmer und dunkler an, weiter entfernt von der Bühne hingegen heller und auf den Picknickwiesen schwächer. „Dieses Gefälle wollen wir nun ausgleichen, auch über zusätzliche Boxen in den Bäumen für die optimale Beschallung der Picknick-Wiesen“, erläutert Bergfeld. So genießen Max Herre und Roger Hodgson genügend Schalldruck (für den Band-Beat in der Magengrube), und bei klassischen Konzerten steigt die Wiedergabequalität etwa für Cello und Gesang – weil es die neuen „Bananen-Boxen“ im warmen Mitteltonbereich nicht krumm nehmen, wenn sie mehr leisten müssen.

Mehrleistung ist 2014 ohnehin angesagt. Nach der regenbedingten Schlammschlacht beim Aufbau von zig Tonnen Technik beginnen am Donnerstag, 11 Uhr, die Proben. Wegen Herre und Hodgson droht den Technikern ein Umbau-Marathon. Die komplette Mikrofonie muss jedes Mal ausgewechselt werden. Behutsam. Sonst geht‘s an die Nieren.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert