So sieht es aus, wenn ein Baum umzieht

Von: Stefan Herrmann
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Reibungsloser Umzug: Diplom-Forstwirt Bernd Küster und seine Kollegen haben den Amberbaum zunächst in der Hohenstaufenallee mit einer Rundspatenmaschine aus der Erde herausgeholt...
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... dann durch die City transportiert...
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... und anschließend im Stadtgarten wieder fachmännisch eingepflanzt. Fotos: Michael Jaspers

Aachen. Grün hinter den Ohren ist Günther Hohmann wahrlich nicht. Seit 30 Jahren organisiert er in ganz Europa sehr spezielle Umzüge, die nichts mit dem klassischen Kartons packen und Möbel schleppen zu tun haben.

Hohmanns „Kunden“ – genauer gesagt: seine Fracht – bestehen nämlich in großen Teilen aus grünen Blättern und jeder Menge Holz. Denn Günther Hohmann ist „Umzugsunternehmer“ für Bäume. Und das aus Leidenschaft. Zwei davon hat der Süddeutsche in den vergangenen Tagen nun in Aachen von ihrer alten zur neuen Heimat transportiert.

„Umtopfen“ im XXL-Format

Donnerstagmorgen, kurz nach 9 Uhr auf der Hohenstaufenallee: Dr. Bernd Küster wirft einen letzten Blick auf den gut neun Meter hohen und 17 Jahre alten Amberbaum, der auf der Verkehrsinsel mitten auf der Straße steht. Noch. Denn eine neue Heimat für den vitalen Baum ist längst ausgeguckt. Damit der Umzug problemlos klappt, kommen Diplom-Forstwirt Küster, Maschinenführer Hohmann und zwei Baumpfleger der Firma Opiz International aus dem fränkischen Heideck ins Spiel. „Es kann losgehen“, ruft Küster in die Runde. Mit reichlich Routine steuert Günther Hohmann daraufhin das 35 Tonnen schwere Spezialgefährt, das auf den Namen Rundspatenmaschine hört, an den Baumstamm heran. Mit einem Joystick bewegt er anschließend langsam den im Durchmesser drei Meter großen und kugelförmigen Spaten Zentimeter für Zentimeter auf das Gewächs zu.

Dann geht plötzlich alles flott. Die Schaufeln schließen sich um Stamm, Wurzelwerk und jede Menge Erde und hieven innerhalb weniger Minuten den gesamten Baum – immerhin knapp neun Tonnen schwer – auf das Gefährt mit dem Modellnamen Optimal 3000. „Eine Spezialanfertigung unserer Firma“, verrät Küster. Und deswegen sind die Dienste des Unternehmens international gefragt. Von Schweden bis Spanien, von der Türkei bis Tunesien habe er bereits große, ausgewachsene Bäume von Punkt A nach Punkt B transportiert, erzählt Hohmann.

Während der Privatmann das Umtopfen der heimischen Blumen im Kopf hat, denken Hohmann, Küster und Co. in deutlich größeren Dimensionen. Mehrere tausend Bäume stellen sie Jahr für Jahr um. Mal, da ein Golfplatz neu gestaltet werden muss und 100 Bäume umplatziert werden sollen. Mal, weil ein Unternehmen wie BMW in München (zu dem das Team von Aachen aus direkt hingefahren ist) sein Areal umplant. Mal, weil wie im Aachener Falle eine Straße neu gestaltet und Versorgungsleitungen ausgetauscht werden. Denn im Bereich der Hohenstaufenallee gleich hinter der Bahnbrücke ist derzeit die Stawag zugange, um den Kanal, das Fernwärme- und das Stromnetz zu erneuern und zu erweitern.

Spielplatz und Stadtgarten

Während das am Donnerstag umgepflanzte neun Meter hohe Exemplar nun im Stadtgarten nahe der Carolus Thermen eine neue Heimat gefunden hat, ist bereits am Vortag ein rund 11,5 Meter hoher und 20 Jahre alter Amberbaum umgezogen, und zwar zum Spielplatz auf der Hollandwiese nahe der Valkenburger Straße, wo er nun als Schattenspender fungiert.

Warum der ganze Aufwand? „Es wäre einfach viel zu schade gewesen, diese beiden Bäume einfach zu fällen“, erklärt Nino Polczek-Keilhauer. Der 26-Jährige ist Arbeitsvorbereiter Baumpflege und Baumkontrolle beim Aachener Stadtbetrieb. Und eben sein Fachgebiet – die Kontrolle – habe ergeben, dass die beiden Amber in bestem Zustand seien und noch ein langes Leben vor sich haben, wenn ihnen ein gutes Umfeld geboten wird. „An den neuen Standorten können sie nun bis zu 100 alt werden“, sagt Polczek-Keilhauer. Die Kosten für den Umzug trägt die Stawag im Rahmen der Baumaßnahme. Netter Nebeneffekt: Erboste Anrufe, wie es sie so häufig in der Vergangenheit von Menschen gegeben hat, die sich über die als rigoros empfundenen Baumfällungen des Stadtbetriebs empören, braucht man in der Verwaltung nun auch nicht zu fürchten.

Damit sich die beiden Bäume an ihre neue Heimat möglichst gut und schnell gewöhnen, erhalten sie von den Opiz-Experten unterdessen ein besonderes „Reha-Programm“. Mit Substraten, Nährstoffen, speziellen Pilzen, die in Symbiose mit dem Wurzelwerk leben, und natürlich jeder Menge Wasser werden die Amberbäume nach dem Umzug nun wieder aufgepäppelt.

Und wenn‘s den beiden Bäumen an alter Stelle aber besser gefiel? Folgt dann der Rückzug nach dem Umzug? Bernd Küster blickt bei solchen Fragen ganz gelassen drein. Gerade einmal ein Prozent der Bäume würden einen Ortswechsel nicht verkraften. Im Aachener Fall sei er sicher, dass alles bestens funktioniere. „Manchmal muss man auch einfach mal raus in die Welt und Neues kennenlernen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Er wird es womöglich auch noch einmal dem Baum in die Blätter geflüstert haben, denn schließlich galt diese Botschaft vor allem ihm.

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