Aachen - So könnte Aachen familienfreundlicher werden

So könnte Aachen familienfreundlicher werden

Von: Thomas Hohenschue
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Utensilien, die für sich sprechen: Hella Fuchte mit einem Apotheker-Mörser und Informationsmaterial der kfd – Beruf, Familie und Engagement passen bei ihr zusammen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Sich selbst und anderen helfen, indem frau sich mit anderen zusammentut und etwas organisiert: Das ist ein roter Faden durch das Leben von Hella Fuchte. Die 62-jährige Apothekerin aus Brand engagiert sich folgerichtig auch in einem Verband.

Bei der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Thema groß geschrieben. Im Wochenendinterview erzählt Hella Fuchte, Mutter dreier Töchter, ihren persönlichen Weg. Und sie nennt Beispiele, was sich ändern muss, damit wir hier in Deutschland und in Aachen wirklich familienfreundlich sind.

1984 bekamen Sie Ihr erstes Kind. Wie sah es damals mit der staatlichen Unterstützung aus?

Fuchte: Die Bedingungen waren spürbar schlechter als heute. Es gab zum Beispiel keine Tagesstätten für Kinder unter drei Jahren. Für meinen Mann und mich bedeutete das viel Organisation. Wir waren, damals in Freiburg, weiter auf meinen Zuverdienst angewiesen, weil er noch promovierte und mit einer halben Assistentenstelle nicht viel verdiente. Die Frage war also, wie ich die Betreuung meines Kindes hinbekomme, denn wir kannten wenige Leute, die freie Zeit hatten und sie verlässlich für uns eingesetzt hätten.

Und wie lösten Sie das Problem?

Fuchte: In meinem Freundeskreis waren drei junge Mütter, die ebenfalls gerne wieder arbeiten wollten. Wir überlegten, wie wir uns gegenseitig helfen konnten. Dann hatten wir die zündende Idee. Wir engagierten eine Erzieherin, die auch einen kleinen Sohn hatte und gerne wieder ihren Beruf ausüben wollte. Eine Nachbarin stellte einen Raum kostenlos zur Verfügung. So konnten wir unsere Kinder an drei Tagen in der Woche betreuen lassen.

Und klappte das gut?

Fuchte: Grundsätzlich ja. Alle Seiten hatten etwas davon. Kritisch waren die Tage, an denen die Kinder oder die Erzieherin beziehungsweise ihr Kind krank waren. Großeltern gab es nicht vor Ort, so mussten wir Frauen uns gegenseitig unterstützen.

Diese Geschichte wiederholte sich, als Sie nach der Geburt Ihrer zweiten Tochter nach Brand gezogen waren?

Fuchte: So kann man das sagen. Es gab 1987 zu wenige Kindergartenplätze in Brand. Das ist leider auch heute wieder so, wie kürzlich öffentlich gemacht wurde. Damals waren wir Mütter froh, dass eine engagierte kfd-Frau im Stadtteil Spielgruppen organisierte. In denen übernahmen jeweils zwei Mütter an zwei bis drei Tagen die stundenweise Betreuung von zehn Kindern im Pfarrzentrum. Das hatte viele Vorteile für uns.

Welche Vorteile meinen Sie?

Fuchte: Kinder und Mütter hatten Kontakte untereinander und wir Mütter konnten die freien kinderlosen Vormittage nutzen. Über die Spielgruppen, eine der Mütter war meine heutige Chefin, gelang mir auch der Wiedereinstieg in den Beruf hier in Brand. Und wir gründeten schließlich auch die erste kfd-Untergruppe, die heute noch besteht und sich monatlich zu gemeinsamen Aktivitäten trifft.

Wie ging es dann weiter?

Fuchte: 1989 wurde meine dritte Tochter geboren und nach dem Erziehungsjahr war ich zunächst nur an Samstagen in der Apotheke, wenn mein Mann zu Hause war. Später war ich das auch an weiteren Tagen, mit Hilfe einer Kinderfrau. Mir ist bewusst, dass all das nur dank glücklicher Umstände möglich war. Zum Beispiel waren wir Frauen in Freiburg alle in akademischen Berufen und festen Beziehungen, so dass wir auch mit Teilzeitarbeit gut über die Runden kamen.

Bei vielen anderen Frauen sieht das ganz anders aus.

Fuchte: Ja, das ist eine Tatsache, die mich schon lange umtreibt. Deshalb engagiere ich mich seit Jahrzehnten bei der kfd. Inzwischen bin ich in diesem Frauenverband auch auf Bundesebene aktiv, konkret im Ständigen Ausschuss „Frauen und Erwerbsarbeit“. Je länger ich bei der Frauengemeinschaft bin, umso politischer wird meine Sicht darauf, wie Frauen und Männer bei uns leben und arbeiten. Da gibt es noch eine Menge zu tun, um die Rollenverständnisse nachhaltig zu verändern und die Bedingungen zu verbessern.

Wie würden Sie die Situation der Familien denn heute genau beschreiben?

Fuchte: Heute ist die beruflich bedingte Mobilität noch höher als früher. Die jungen Familien gehen dahin, wo Arbeit ist. Aber die älteren Generationen lassen sich nicht gerne verpflanzen. Also sind die jungen Familien alleine. In der Folge arbeiten viele Mütter in Minijobs. Und bleiben darin hängen, auch später oder wenn ihre Partnerschaft in die Brüche geht. Das beobachte ich mit großer Sorge, gerade unter dem Aspekt, dass auf diesem Weg viele Frauen sehenden Auges in die Altersarmut rutschen. Die geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse sind eine Sackgasse.

Was muss sich ändern?

Fuchte: Die Arbeitswelt ist noch nicht familienfreundlich genug. Sie muss aber dem Umstand Rechnung tragen, dass viele Familien nicht mehr von einem Gehalt alleine leben können. Durch flexiblen Umgang mit der Arbeitszeit können die Unternehmen den jungen Müttern und im Übrigen auch den jungen Vätern neue Räume für die Mitarbeit eröffnen. Ich denke da an Arbeitszeitkonten, die man entsprechend der familiären Situation gestaltet, auf kurze Sicht hin oder auch auf Lebensarbeitszeit hin. Und ich denke an die Chancen, die im Modell des Homeoffice liegen.

Sind Arbeitszeitkonten und Homeoffice denn eine realistische Option?

Fuchte: In vielen Branchen gibt es gute Möglichkeiten, auf diese Weise die schwierigen Familienphasen abzufedern. Das bezeugen so manche gelungenen Beispiele. Unternehmen binden so qualifiziertes Personal dauerhaft an sich. Arbeitszeitkonten kommen außerdem älteren Beschäftigten zu Gute, die ihre Angehörigen pflegen müssen. Auch hier lassen sich in einem weiteren Sinne Familie und Beruf miteinander vereinbaren.

Wie sieht das in der Stadt Aachen aus?

Fuchte: Ich höre auch von Aachener Unternehmen, dass sie solche Wege suchen und gehen. Gute Ideen gibt es zu Hauf, zum Beispiel einen Notfallservice einzurichten für familiäre Sondersituationen. Ich weiß von einem Kindergarten, der betriebsübergreifend finanziert ist und den Beschäftigten eines ganzen Gewerbegebietes zu Gute kommt. Das sind Mut machende Beispiele für unternehmerisches Denken, das nicht am eigenen Betriebstor halt macht und zugleich das soziale Wohl der Belegschaft im Auge hat.

Solche Beispiele sollen in Aachen Schule machen?

Fuchte: Ja, dafür werben wir. Am 9. März (siehe Zusatzbox) bringen wir eine Unternehmerin, eine Hochschulprofessorin und eine Landespolitikerin miteinander ins Gespräch. Und laden herzlich interessierte Frauen und auch Männer ein, mit uns zu diskutieren. Es gibt viele Ansatzpunkte, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hier in der Aachener Region zu verbessern. Das Thema ist für die Zukunft von entscheidender Bedeutung. Viele junge Frauen sind gut ausgebildet und wollen ihren Beruf ausüben. Und viele junge Männer wollen neben ihrer Erwerbsarbeit mehr Zeit für die Familie haben.

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