Aachen - Sieben Kandidaten beim „politischen Speed-Dating“

Sieben Kandidaten beim „politischen Speed-Dating“

Von: Annika Kasties
Letzte Aktualisierung:
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Politisches Interesse früh fördern: Peter Blum (r.) vertritt beim „politischen Speed-Dating“ in der Gesamtschule Brand seine Positionen als Direktkandidat für die FDP. Foto: Michael Jaspers
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Die Kandidaten (v.l.): Bernd Reichert (AfD), Kai Baumann (Piraten) in Vertretung für Udo Pütz, Igor Gvozden (Linke), Peter Blum (FDP), Daniela Jansen (SPD), Jonas Paul (Grüne) und Guido Hitze (CDU) in Vertretung für Armin Laschet. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Ein wenig ramponiert ist das Wahlplakat schon. Unten links wellt sich das Papier. An der oberen Seite ist die Pappe mittig eingerissen; genau an der Stelle, an der das Konterfei von Peter Blum mit Kabelbindern an einem Laternenmast aufgehängt worden war. Doch der Aachener Direktkandidat der FDP für den Wahlkreis II (Süd) musste spontan sein.

Nur per Zufall habe er am Abend zuvor erfahren, dass er ein Wahlplakat zur Gesamtschule Brand mitbringen solle, als Hausaufgabe sozusagen. Also musste er improvisieren. „Das Plakat lag bereits heruntergerissen auf der Straße. Dann habe ich es gleich mitgenommen“, erklärt der 66-Jährige an jenem Donnerstagmorgen vor den Schülern und lacht kurz auf.

Den Sympathiebonus hat er dafür bei den Jungen und Mädchen schon mal sicher. Doch Blum ist nicht nur auf Wohlgefallen aus – sondern auf Wahlstimmen. Wenn nicht schon am 14. Mai, dann vielleicht in fünf Jahren. Schließlich gehe es nicht nur um den kurzfristigen Stimmenfang, sondern um die langfristige politische Bildung junger Menschen. „Das Interesse bei den jungen Leuten an Politik wächst“, sagt er. „Das muss man unbedingt am Laufen halten.“

Simulierte Landtagswahl

Somit traf es sich gut, dass die Gesamtschule Brand zum „politischen Speed-Dating“ geladen hatte. Das Konzept: sieben Klassenräume, sieben Direktkandidaten und rund 140 Schüler der Jahrgangsstufen 8 bis 13, die fünf Mal den Raum wechseln und den Kandidaten Löcher in den Bauch fragen. „Diese Informationsveranstaltung findet als Vorbereitung unserer Juniorwahl statt“, erklärt Michael Propers, der die Aktion federführend organisierte.

„Ich glaube schon, dass dieser Tag bei den Schülern Wirkung zeigen wird“, sagt der Lehrer für Geschichte, Englisch und Gesellschaftswissenschaften. Denn auch wenn die meisten Jugendlichen noch zu jung sind, um an der Landtagswahl teilzunehmen, werden die Schüler ab der achten Klasse in der kommenden Woche dennoch ihr Kreuz setzen, nämlich bei einer real simulierten Landtagswahl in der Schule.

Damit aus diesen fiktiven Stimmen eines Tages echte Prozentpunkte bei einer Land- oder Bundestagswahl werden, fanden sich Blum und seine Konkurrenten um die Erststimme im Wahlkreis II Daniela Jansen (SPD), Jonas Paul (Grüne), Igor Gvozden (Linke) und Bernd Reichert (AfD) bereitwillig in dem Schulgebäude an der Rombachstraße ein. Armin Laschet (CDU) und Udo Pütz (Piraten) schickten wegen Terminüberschneidungen jeweils einen Vertreter, Guido Hitze und Kai Baumann. Die einen kamen mit, die anderen ohne Plakat.

Daniela Jansen ist besonders gut vorbereitet. In dem Klassenraum, der für die nächsten drei Stunden ihr Wahlbüro sein wird, hat sie bunte Flyer und rote Kugelschreiber auf einem Tisch ausgebreitet. Ihr Wahlplakat lehnt an der Schultafel.

Doch die elf Schüler, die vor ihr im Stuhlkreis sitzen, interessieren sich nur wenig für die Werbegimmicks der SPD. Sie wollen Inhalte hören, zum Thema Kita-Beiträge, Inklusion, Bundeswehreinsätze. Und zu Themen, die ihnen besonders nah sind: die Bildungspolitik, vor allem die Wahlfreiheit für Schulen zwischen G8 und G9.

Die Schüler haben sich auf die Parteivertreter vorbereitet, die einen über den Wahl-O-Mat, die anderen, indem sie die Porträts der Aachener Kandidaten im Internet recherchiert haben. „Die Landtagswahl ist bei mir Zuhause ein wichtiges Thema“, sagt die 18-jährige Laura Wynands.

Am 14. Mai wird die Zwölfklässlerin eine von rund 18.500 Wählern sein, die zum ersten Mal ihr Kreuz auf dem Wahlzettel machen. Deshalb hört sie besonders aufmerksam zu und macht sich Notizen. Schließlich wolle sie ihren Eltern später berichten, welche Positionen die Politiker vertreten – und welchen Eindruck Jansen und ihre Kollegen dabei auf sie gemacht haben.

Im Raum nebenan setzt Igor Gvozden von der Linken vor allem auf eine entspannte Atmosphäre. Sein Wahlplakat lehnt schief auf einem Mülleimer. Ein DIN-A4-Ausdruck mit seinem Namen klebt an der Wand. Darunter guckt die Aufschrift „Das war mal Kultur“ hervor. Für eine Kultur der sozialen Gerechtigkeit und Solidarität plädiert dann auch Gvozden. Die Kernthemen seiner Partei allein reichen an diesem Tag aber nicht aus. Die Schüler wollen auch wissen, wie er es mit der Inneren Sicherheit halte, und was er zum belgischen Atomkraftwerk Tihange sagt.

Viel zu sagen haben die Schüler aber vor allem in einem Raum: dem vom AfD-Vertreter Bernd Reichert. Es ist kurz vor 11 Uhr, und für viele Schüler ist es die letzte Station beim „politischen Speed-Dating“ mit den Aachener Direktkandidaten – und eine Station, in der besonders kritisch nachgefragt wird. „Warum sollte ich eine Partei wählen, die sich selbst nicht darüber einig ist, was ihre Ziele sind?“, fragt ein Schüler und erntet dafür zustimmendes Gemurmel seiner Mitschüler. Die Atmosphäre ist angespannt. Skeptische Blicke und verschränkte Arme begegnen Reicherts Aussagen.

Politik des Demaskierens

Dass er überhaupt in die Gesamtschule Brand eingeladen worden war, gefiel nicht allen Teilnehmern. „Für dieses Konzept ist es vielleicht sinnvoll“, sagt Gvozden. „Doch wenn Politiker der AfD zu Podien eingeladen werden, suggeriert das meiner Meinung nach, dass deren Meinung in Ordnung ist.“ Doch Schülerin Laura sieht das anders: „Ich finde es wichtig, dass die AfD eingeladen wurde, einfach um Aufklärungsarbeit zu leisten.“ Eine Politik des Demaskierens sozusagen.

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