Sie spricht Tabuthemen in Familien an

Von: Carolin Kruff
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Beratung für Familien ist ihr Hauptjob: Seit 2012 ist Andrea Valdivia das Gesicht von „AKisiA“, einem Angebot des Kinderschutzbundes Aachen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Andrea Valdivia leitet das Angebot „AKisiA“ vom Kinderschutzbund Aachen. Hinter der Abkürzung verbirgt sich eine klare Botschaft: Auch Kinder sind Angehörige. Gemeint sind Kinder, deren Eltern psychisch erkrankt sind. Die jüngsten Familienmitglieder werden meist vergessen und zu kleinen Statisten im Hintergrund.

Warum ist Mama so traurig? Warum wird Papa so schnell wütend? Wenn solche Fragen bei der Diplom-Sozialpädagogin Valdivia im Therapieraum ausgesprochen werden, hat eine Familie meist schon einen langen Leidensweg hinter sich. Psychische Erkrankungen sind noch immer ein Tabuthema, wie Valdivia im AZ-Interview sagt.

Seit 2012 sind Sie das Gesicht von AKisiA, ein Angebot, das vor sechs Jahren ins Leben gerufen wurde. Was machen Sie genau?

Valdivia: AKisiA ist ein Angebot für Kinder, deren Eltern psychisch erkrankt sind. Zwar gibt es Selbsthilfegruppen und Gesprächskreise für betroffene Familien. Diese sind aber meist für Kinder nicht geeignet. Oft werden dort Themen besprochen, die auf Kinder eher erschreckend wirken. Den Eltern kann ich dabei helfen, wie sie ihren Kindern kindgerecht erklären, was eigentlich zu Hause los ist.

Psychische Erkrankungen – darüber spricht wahrscheinlich niemand gerne.

Valdivia: Das stimmt. Psychische Erkrankungen sind immer noch ein Tabuthema in der Familie. Aber auch in der Gesellschaft. Man schweigt lieber. Die Angst davor, stigmatisiert und verurteilt zu werden, ist sehr groß. Häufig brauchen die Eltern gar nichts zu sagen, die Kinder wissen bereits instinktiv, dass sie außerhalb der eigenen vier Wände nicht über die Situation zu Hause reden sollen. Das sind Familiengeheimnisse, die die Kinder scheinbar wie selbstverständlich mit sich herumtragen.

Auch Kinder sind Angehörige – Ihre Botschaft sollte doch eigentlich selbstverständlich sein.

Valdivia: So langsam rücken Kinder von psychisch erkrankten Eltern mehr in den Fokus. Im Alexianer-Krankenhaus beispielsweise wird versucht, Patienten bei der Aufnahme zumindest zu fragen, ob diese Kinder haben und ob diese versorgt sind. Das ist leider nicht üblich, sollte aber selbstverständlich sein. Nicht nur im Sinne der Kinder, sondern auch der Eltern, die sich so besser auf eine Therapie einlassen können, da sie wissen, dass ihre Kinder gut versorgt sind.

Was kann passieren, wenn Kinder von psychisch erkrankten Eltern im Stich gelassen werden?

Valdivia: Die Möglichkeit, dass Kinder mit mindestens einem psychisch erkrankten Elternteil später ebenfalls erkranken, liegt bei 50 Prozent. Es geht darum, die Kinder zu stärken, mit der Situation umzugehen, damit sie verstehen, was zu Hause passiert. Es gibt ja auch Situationen, die Kinder nicht ändern können, trotzdem müssen sie damit klarkommen.

Von welchen psychischen Erkrankungen reden wir?

Valdivia: Überwiegend kommen Eltern mit Depressionen zu uns. Aber auch andere Krankheitsbilder sind vertreten: Borderline, Schizophrenie, Zwangserkrankungen. Es ist jedoch keine Voraussetzung, dass mir die Betroffenen ihre Diagnose mitteilen. Dann frage ich jedoch gezielt nach: Woran würde Ihr Kind merken, dass es Ihnen nicht gut geht? Oft entgegnen mir die Eltern, dass sie versuchen, die Krankheit vor ihrem Kind zu verbergen. Ein Kind bekommt das aber auf jeden Fall mit, es kann seine Gefühle nur nicht in Worte fassen. Miteinander reden ist ganz wichtig. Tierfiguren sind da wunderbare Helfer, da diese sowohl den Kindern als auch den Eltern das Reden über ihre Gefühle erleichtern.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Valdivia: Ich kann mich noch sehr gut an eine Mutter erinnern, die an Schizophrenie erkrankt ist. Sie wusste nicht, wie sie ihrer Tochter ihre Erkrankung erklären sollte. In diesem Fall war es so, dass die Mutter Angst hatte, die Nachbarn könnten ihr etwas antun. Wenn es ganz schlimm wurde, hat sie die Polizei gerufen. Das wirkt auf ein Kind natürlich sehr bedrohlich, da es ja nicht unterscheiden kann, ob es wahr ist, was die Mutter erzählt, oder nicht. In diesem Fall haben wir einen Notfallplan entwickelt. Immer wenn etwas passierte, wurde das Mädchen sofort von ihrer Oma abgeholt. Die Mutter konnte sich dann unbesorgt in die Klinik begeben.

Und wie konnten die Tierfiguren in dieser Situation helfen?

Valdivia: Später habe ich ein Gespräch mit Mutter und Tochter geführt. Zunächst habe ich die Tochter gefragt, was ihr Angst gemacht hat. Die Tochter hat daraufhin etwas ganz anderes gesagt als die Mutter vermutet hat. Sie sagte: ‚Wenn es der Mama nicht gut geht, dann liegt sie nur da und ist nicht ansprechbar. Davor habe ich Angst, wenn die Mama nicht reagiert.’ Und dann habe ich sie gefragt, welches Tier sie ihrer Angst zuordnen würde. Daraufhin hat sie sich die Schildkröte genommen. Und die Mutter saß daneben und sagte verblüfft: ‚Genauso ist das. Ich fühle mich wie in meinem Panzer gefangen und komme nicht raus. Ich weiß, wovon sie spricht.’ Somit hatten wir für die weiteren Gespräche eine gemeinsame bildliche Sprache gefunden.

Tierfiguren sind also ein elementarer Bestandteil Ihrer Arbeit.

Valdivia: Genau. Das Zuteilen von Tieren zu unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen nennt sich Teilearbeit. Die Persönlichkeit eines Menschen besteht unter anderem aus Gefühlen, Verhaltensweisen, Wünschen und Bedürfnissen. Mit den Tieren kann ich Kindern zeigen, dass auch ihre Eltern verschiedene Anteile in sich tragen. Im übertragenen Sinne: Die Mama ist nicht nur die Schildkröte, die sich zurückzieht, sondern auch der Affe, der lustig sein kann, oder der versorgende (Teddy-)Bär. Sprich: Mama oder Papa bestehen nicht nur aus der Krankheit. So können vor allem kleine Kinder ihre Gefühle anders darstellen und wir haben eine gemeinsame Sprache über die Situation des Kindes in der Familie. Durch die Teilarbeit kann den Kindern die Situation der Eltern greifbarer gemacht werden.

Wie unterstützen Sie Familien sonst?

Valdivia: Beratung ist unser Hauptjob. Und die ist für jede Familie individuell. Manchmal arbeite ich mit dem Kind alleine, manchmal mit der ganzen Familie – was wesentlich effektiver ist. Denn es bringt nichts, dem Kind eine schöne Inselerfahrung zu bieten, die Eltern ändern aber nichts an der häuslichen Situation. Wir haben die AKisiA-Gruppe für Kinder und den Jugendtreff. In der Kindergruppe wird zum Beispiel kindgerecht erklärt, was eine psychische Erkrankung ist. Es geht aber auch darum, dass Kinder zusammenkommen, die sich in ähnlichen Situationen befinden. Vor allem sollen die Kinder in der Gruppe ganz viel Spaß haben. Ein weiteres Angebot sind die Psychodrama-Gruppen, in denen per Rollenspiel spielerisch nach Lösungen gesucht wird.

Wie versuchen Sie, Kindern ihre Ängste zu nehmen?

Valdivia: Eine ganz tolle Aktion, die wir den Kindern anbieten, ist eine Führung durch das Alexianer-Krankenhaus. Zuvor verkleiden sich die Kinder als kleine Reporter und überlegen sich Fragen. Die Führung selbst übernehmen eine Ärztin und eine Pflegerin. Anschließend setzen wir uns alle zusammen und die Kinder dürfen ihre Fragen stellen. Diese sind immer sehr spannend, weil man mitbekommt, was die Kinder bewegt. Manchmal kommen auch richtig süße Fragen wie ‚Warum laufen denn hier keine Ärzte mit Kitteln rum?’. Es kommen aber auch Fragen wie ‚Warum werden Menschen denn überhaupt psychisch krank?’ Häufig hören die Kinder nur, dass Mutter oder Vater in die Klinik gebracht werden. Darunter können sie sich nichts vorstellen. Wenn sie dann merken, dass die Ärzte und die Pfleger dort ganz nett sind, und dass es in der Klinik gar nicht so schlimm ist, dann wird die Angst vor dem Unbekannten weniger.

Wie erklärt man einem Kind eine psychische Erkrankung?

Valdivia: Man steht zunächst vor der Aufgabe: Wie erkläre ich eine Krankheit, die man nicht sehen kann? Mittlerweile gibt es eine Reihe von Kinderbüchern, die kindgerecht beschreiben, was zum Beispiel eine Depression oder eine Borderline-Erkrankung bedeutet. Vergleiche sind sehr hilfreich. Ein erkrankter Vater hat mir einmal gesagt, dass es sich so anfühlt, als würde er in einen Kreisverkehr fahren und nicht mehr herausfinden. Wunderbar! Denn mit den medizinischen Fachbegriffen können Kinder nicht viel anfangen.

Wie kommt der Kontakt zu betroffenen Familien zustande?

Valdivia: Ich biete regelmäßig Informationsveranstaltungen im Alexianer-Krankenhaus und in der Tagesklinik des Uniklinikums Aachen an. Für viele betroffene Eltern ist es schon eine Entlastung, ein Informationsgespräch zu führen, in dem sie erfahren, dass es Hilfe gibt. Manche fragen nach Tipps, wie sie mit ihren Kindern über die Krankheit reden können und probieren es daraufhin erst einmal selbst.

Bei AKisiA sollen Eltern ja bewusst mit einbezogen werden.

Valdivia: In der Tat ist es am besten, wenn die ganze Familie das Angebot nutzt. Es reicht nicht aus, dem eigenen Kind zu sagen, dass man eine Depression hat. Es geht darum, wie sich das auf das Familienleben auswirkt. Viele Eltern sind mit ihrer psychischen Krankheit so beschäftigt, dass sie die Bedürfnisse ihrer Kinder nicht mehr wahrnehmen. Andere bekommen zwar mit, dass es dem Kind nicht gut geht, schaffen es aber nicht, etwas dagegen zu tun, bis irgendwann das Umfeld aufmerksam wird. Wir stellen die Frage: Wie geht es eigentlich dem Kind dabei? Da gibt es Unterschiede.

Welche genau?

Valdivia: Es gibt den Fall, dass ein Elternteil plötzlich in eine Depression verfällt. Dann bekommt das Kind mit, dass sich etwas verändert und es versteht nicht, warum. Es gibt aber auch viele Kinder, die von Geburt an nichts Anderes kennengelernt haben. Solche Kinder wissen gar nicht, dass das, was zu Hause passiert, nicht normal ist, dass es nicht in Ordnung ist, dass sie sich morgens alleine anziehen und sich das Frühstück selbst machen müssen. Viele solcher Kinder können ihre eigenen Gefühle gar nicht wahrnehmen und sind in ihrer sozialen Umgebung sehr auffällig, wenn niemand mit ihnen über diese Situation spricht. Wir helfen ihnen erst einmal dabei, Zugang zu ihren eigenen Gefühlen zu bekommen. Manche Kinder fallen jedoch über Jahre hinweg gar nicht auf, übernehmen wie selbstverständlich die Verantwortung zu Hause und fressen alles in sich hinein. Das ist fast noch schlimmer.

Stoßen Sie manchmal an Grenzen?

Valdivia: Ich bin Familientherapeutin und keine Psychotherapeutin. Ich kann nicht alles leisten. Das ist mir bewusst und auch ein Grundprinzip von mir. Ich kann Familien, die bei mir sind, nicht retten. Ich kann ihnen jedoch Hilfe anbieten oder Ängste abbauen.

Wie sind Sie eigentlich zu AKisiA gekommen?

Valdivia: Zuvor habe ich in der ambulanten Jugendhilfe und drei Jahre beim Jugendamt gearbeitet. Dann wurde diese Stelle hier beim Kinderschutzbund ausgeschrieben. Die Beratungsarbeit war schon immer ein Traum von mir und schließlich hatte ich das Glück, dass man sich für mich entschieden hat.

Trotz aller Schwierigkeiten. Was ist das schönste an Ihrem Beruf?

Valdivia: Das schönste ist der Kontakt zu den Menschen, die vielen Geschichten zu erfahren.

Und die größte Herausforderung?

Valdivia: Die größte Herausforderung besteht darin, den Eltern und Kindern, die zu mir kommen, die richtige Unterstützung zu geben. Ich bekomme ja nur einen Ausschnitt aus deren Leben mit. Eine Jugendliche hat mir einmal gesagt, dass es sie traurig macht, wenn sie sieht, dass ihre Freundinnen mit ihren Müttern Spaß haben und sie genau weiß, dass sie das mit ihrer Mutter nicht kann. Das ist so, das kann sie nicht ändern. Die Kinder und Jugendlichen können aber lernen, mit dieser Trauer und Wut umzugehen. Und hier schließt sich wieder der Kreis: Auch Kinder sind Angehörige, auch Kinder haben Bedürfnisse und Gefühle. Wenn ihnen dies bei uns ein stückweit wieder bewusst wird, dann haben wir schon viel geschafft.

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