Sie helfen in der „Rush Hour“ des Lebens

Von: Carolin Cremer-Kruff
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Familiengerechte RWTH: Für diese Maxime sind Gleichstellungsbeauftragte Dr. Ulrike BrandsProharam Gonzales und Väterbeauftragter Thomas Queck im Einsatz. Foto: Michael Jaspers
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Väterbeauftragter Thomas Queck und Gleichstellungsbeauftragte Dr. Ulrike Brands-Proharam Gonzales

Aachen. 45.000 Studierende und 8000 Beschäftigte. Die RWTH ist die größte Hochschule in Aachen und die größte Arbeitgeberin. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bzw. Studium ist auch hier ein großes Thema. Als „Familiengerechte Hochschule“ ist die RWTH bereits zertifiziert. Aber wie sieht’s in der Praxis aus?

Im Wochenendinterview erzählen die Gleichstellungsbeauftragte Dr. Ulrike Brands-Proharam Gonzalez und der Väterbeauftragte Thomas Queck von ihren Erfahrungen im Hochschulbetrieb. Und, ob sich Unterschiede zwischen Frauen und Männern in dem Bereich so einfach wegdiskutieren lassen.

Beim Thema Gleichstellung werden meist nur Frauen bedacht. Stimmt das?

Brands-Proharam Gonzalez: Natürlich liegt ein Schwerpunkt im Gleichstellungsbüro der RWTH auf der Förderung von Frauen. Aus gutem Grund: Denn nur so kann eine Annäherung der Lebenssituationen von Frauen und Männern erreicht werden. Auch an unserer Hochschule sind Frauen in Führungspositionen in starkem Maße unterrepräsentiert. Zudem besteht gerade an einer Technischen Hochschule ein erhöhter Handlungsbedarf, da Frauen in MINT-Fächern traditionell unterrepräsentiert sind und wir die wenigen auf ihrem Karriereweg nicht verlieren wollen.

Im Hochschulbereich stellt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zudem eine besondere Herausforderung dar. Warum?

Brands-Proharam Gonzalez: Das liegt in der Natur der Sache. An einer Uni ist das Durchschnittsalter der Beschäftigten durch eine Vielzahl an Promovierenden und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern sehr niedrig. In der Altersspanne von 30 bis 40, in den „Rush Hours of Life“, passiert nicht nur beruflich sehr viel, oft steht auch die Gründung einer Familie an. Die Herausforderung besteht darin, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelingen kann und gleichberechtigte Karrierewege möglich sind.

In dem Zusammenhang haben Sie auch Väter als Zielgruppe entdeckt.

Brands-Proharam Gonzalez: Die RWTH ist deutschlandweit eine der ersten Hochschulen gewesen, die sich dem Thema Beratung von Frauen mit Kindern im Beruf gewidmet hat. Daraus ist der Familienservice entstanden. Ein großes Anliegen ist uns aber auch, die Männer mitzunehmen. Das machen wir schon seit einigen Jahren, z. B. im Rahmen unseres Projekts „Väterarbeit“. Auch hier haben wir in der bundesweiten Hochschullandschaft eine Vorreiterrolle übernommen. Mittlerweile ist das Thema „Väter“ ja in aller Munde und – zum Glück – kein exotisches Thema mehr.

Das Paradebeispiel: Der Väterbeauftragte an der RWTH. Wie wird man das?

Queck: Ganz einfach. Ich bin vor gut einem Jahr vom Gleichstellungsbüro gefragt worden, und zwar weil ich das Beratungsangebot des Familienservice als Vater einer Tochter zuvor mehrfach genutzt hatte. Für mich war sofort klar, dass ich diese Aufgabe neben meiner eigentlichen Stelle an der RWTH übernehmen möchte.

Was macht ein Väterbeauftragter?

Queck: In erster Linie: Zuhören! Denn keine Biografie gleicht der anderen und keine Familie gleicht der anderen. Es geht zunächst darum, die ganz konkrete Situation im Beratungsgespräch zu erfassen. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass ich oft meine eigenen Erfahrungen weitergeben kann. Das schafft Vertrauen und zeigt: Schau mal, es geht! Melden kann sich jeder RWTH-Mitarbeiter, die Beratung ist vertraulich.

Brands-Proharam Gonzalez: Ergänzt wird dieses Beratungsangebot im Bereich der Väterarbeit übrigens durch einen Väterstammtisch, Seminare und regelmäßige Vater-Kind-Aktionen.

Wie können Männer von Ihnen als Väterbeauftragten profitieren?

Queck: Im persönlichen Gespräch kann ich darstellen, dass es in puncto Vereinbarkeit von Familie und Beruf verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten an der RWTH gibt, z. B. flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und diverse Betreuungsformen. Häufig ist es so, dass zuvor nur in eine Richtung gedacht wurde. Ich mache aber auch klar, dass in letzter Konsequenz immer ein offenes und ehrliches Gespräch mit dem Partner geführt werden sollte, um herauszufinden, was jeder einzelne möchte und wie man die Vorstellungen bestmöglich in Einklang bringen kann.

Brands-Proharam Gonzalez: Insofern profitieren ja nicht nur Männer von dieser Beratung, sondern auch Frauen. Und gerade hier wollen wir ein neues Bewusstsein schaffen, auch über den Väterbeauftragten. Traditionell wurde die Kindererziehung immer als Aufgabe der Frauen gesehen, wohingegen engagierte Väter in der öffentlichen Wahrnehmung eine relativ junge Erscheinung sind.

Nach wie vor beobachte ich jedoch die Tendenz, dass emanzipierte Paare plötzlich wieder in die 50er-Jahre zurückfallen, wenn ein Kind auf die Welt kommt. Unser Ziel ist es, Paare dabei zu unterstützen und dazu zu ermutigen, auch nach der Geburt ihres Kindes gleichberechtigt zu bleiben.

 

Was soll werdenden Vätern im Idealfall denn mit auf den Weg gegeben werden?

Queck: Viele Männer wissen gar nicht, was die Väterrolle beinhaltet. Sie stehen zwischen dem alten traditionellen Rollenbild als Familienernährer und dem neuen Idealbild des perfekten Vaters. Das sind natürlich zwei Extreme. Dazwischen gibt es noch viele andere Nuancen. Ich muss allerdings zugeben: Viele Männer warten zu lange, bis sie sich konkrete Gedanken machen. Da hätte man vieles entspannter regeln können. Aber wenn man dann weiß, dass es jemanden gibt, der berät, ist zumindest die Chance da, dass jemand nicht resigniert.

Und wie ist die Resonanz?

Queck: Bislang ist die Nachfrage sehr gering. Wir arbeiten daran, das Angebot noch bekannter zu machen. Denn der Bedarf ist definitiv da.

Brands-Proharam Gonzalez: Ich denke aber auch, dass sich mit der Schaffung des Väterbeauftragten indirekt die Anzahl der Männer bei der allgemeinen Beratung durch den Familienservice des Gleichstellungsbüros erhöht hat. Unsere Beratung wird inzwischen gleichermaßen von Frauen und Männern wahrgenommen. Leider liegt jedoch der Anteil der Männer, die Elternzeit nehmen, an der RWTH Aachen noch unter dem bundesdeutschen Durchschnitt.

Welche Fragen beschäftigen werdende Väter?

Queck: Das ist ganz unterschiedlich. Wissenschaftliche Mitarbeiter z. B. interessiert häufig, wie sie diesen Lebensabschnitt mit ihrer Karriere in Einklang bringen können. Ich habe gemerkt, dass es sehr vom jeweiligen Chef abhängt, wie familienfreundlich ein Arbeitsplatz de facto ist. Wenn ein werdender Vater zum Beispiel Angst hat, dass eine längere Elternzeit einen Karriereknick bedeuten könnte, dann verzichtet er mit großer Sicherheit auf diese Option.

Wie war es bei Ihnen?

Queck: Meine Frau lebt und liebt ihren Beruf. Es war von Anfang an klar: Das wollen wir gleich behandeln. Nach der Geburt unserer Tochter habe ich zwei Monate komplett Elternzeit genommen und dann 22 Monate Elternzeit mit Teilzeitbeschäftigung, sodass meine Frau wieder recht schnell beruflich einsteigen konnte. Ich gebe allerdings zu: Es ist eine Extraherausforderung, wenn beide Partner ihren Beruf lieben und dann eine Familie gründen.

Gehen Männer und Frauen in so einer Situation unterschiedlich vor?

Brands-Proharam Gonzalez: Es gibt nach wie vor traditionelle Rollenbilder, mit denen sich sowohl Frauen als auch Männer auseinandersetzen müssen. Frauen müssen sich oft gegen das Bild der „Rabenmutter“ verteidigen, wenn sie relativ früh nach der Geburt des Kindes wieder in den Beruf einsteigen. Und Väter, die länger als die klassischen zwei Monate Elternzeit nehmen oder mit ihrem Kind in der Krabbelgruppe auftauchen, werden teilweise misstrauisch beäugt. In der Wissenschaft kommt hinzu, dass Frauen sich noch einmal ganz anders durchbeißen müssen. Nur 16 Prozent der Professuren an der RWTH werden von Frauen besetzt. Dabei sind Führungskräfte ganz wichtige Stellen, um Gleichberechtigung zu fördern, z. B. indem sie sie vorleben: Die Professorin, die hochschwanger im Hörsaal steht, oder der Professor, der früher nach Hause geht, weil er sein Kind von der Kita abholt sind Vorbilder, von denen wir gerne noch mehr hätten!

Queck: Die meisten Frauen planen langfristig alles um die Familie herum. Männer neigen dazu, erst zu reagieren, wenn konkreter Handlungsbedarf besteht. Daher ist es ja gut, dass es einen Väterbeauftragten gibt, der zuhört und frühzeitig Fragen beantworten kann. Durch die Beratung können Gespräche innerhalb der Familie auch in eine andere Richtung gelenkt werden, da sich neue Möglichkeiten auftun.

Dennoch bleibt die Erziehung häufig Frauensache.

Brands-Proharam Gonzalez: Ich denke, dass gerade das erste Jahr mit Kind wesentlich ausgeglichener gestaltet werden könnte. Oft ist es ja so, dass beide Elternteile sich in ähnlichen Lebenssituationen befinden, sodass es für Frauen genauso schwierig ist wie für Männer, für längere Zeit beruflich auszusteigen. Viele Paare entscheiden sich jedoch nach wie vor für das „klassische“ Modell: Männer nehmen recht schnell wieder eine Vollzeitstelle an, Frauen hingegen nehmen oft mindestens ein Jahr Elternzeit und arbeiten anschließend in Teilzeit.

Wie lässt sich das erklären?

Queck: Trotz aller Gleichberechtigung denke ich, dass sich Unterschiede zwischen Frauen und Männern nicht einfach wegdiskutieren lassen. Frauen bekommen die Kinder, Frauen stillen – da sind wir Männer raus. Aus Gesprächen höre ich oft heraus, dass viele Frauen sich gar nicht vorstellen können, sehr schnell nach der Geburt wieder zu arbeiten. Für mich stand von Anfang an fest, dass ich möglichst dasselbe mit meinem Kind tun und erleben möchte wie meine Partnerin. Aber das ist mit Sicherheit auch eine Typsache.

Was muss sich Ihrer Meinung nach denn noch dringend verbessern?

Brands-Proharam Gonzalez: Kurz- und langfristig finde ich den Vorschlag der Familienarbeitszeit sehr gut. Wir müssen auch dahin kommen, dass verantwortungsvolle Tätigkeiten und Karrieren in Teilzeit möglich sind, und Teilzeit nicht zur Karrierefalle wird. Außerdem müssen wir uns als Gesellschaft klar machen, dass in vielen Bereichen immer noch unbewusst die traditionellen Rollenbilder vorherrschen. Hier steht noch viel Bildungs- und Bewusstseinsarbeit an.

Queck: Ganz einfach: Familie darf die Berufsausübung nicht verhindern. Und: Männer und Frauen mit Kind müssen in der Berufswelt genauso akzeptiert werden wie Männer und Frauen ohne Kind.

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