Aachen - „Shared Space“ kommt unter die Räder

„Shared Space“ kommt unter die Räder

Von: Robert Esser
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Massive Aufwertung: Der Templergraben wird mit 16 Zentimeter dicken Basaltblöcken gepflastert, die Bordsteinkante schrumpft auf drei Zentimeter. So soll die Fahrbahn – zunächst ohne generelle Geschwindigkeitsbegrenzung – eindeutig vom Gehweg getrennt werden. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Ausgebremst? Von „Shared Space“ – ein gemeinsamer Verkehrsraum für gleichberechtigte Autofahrer, Passanten und Radler in Schrittgeschwindigkeit – ist am Templergraben keine Rede mehr.

Stattdessen stellt Regina Poth, Leiterin der Abteilung Straßenbau der Stadt Aachen, am Mittwoch beim Ortstermin an der Baustelle vor dem Super C klar: „Wir bauen hier eigentlich eine ganz normale Straße mit Fahrbahn und Bürgersteigen – allerdings aus einem Guss und erstmals mit geschnittenem Basaltpflaster statt herkömmlicher Asphaltdecke.“

Ein schmuckes Teilstück der rund 200 Meter langen Strecke von der Kreuzung Wüllnerstraße bis zur Schinkelstraße haben die Bauarbeiter bereits mit 16 Zentimeter dicken Steinquadern bestückt. Der edle Charakter des insgesamt 3,5 Millionen Euro teuren Umbaus (inklusive Kanalsanierung) lässt sich erahnen. Ebenso die Straßenführung: Helle Granitbordsteine – behindertengerecht taktil und kontrastreich – teilen den Verkehrsraum zwischen Fußgängern und Auto- sowie Radfahrern auf. Drei Zentimeter hoch ist die Bordsteinkante, früher waren es zwölf.

Zugeständnis an Hochschule

Wenn das 11 000 Quadratmeter große Areal im September in alle Richtungen für den Verkehr freigegeben wird, soll zunächst nichts auf einen „Shared Space“ hinweisen: kein Schild, keine Bodenmarkierung. „Den Begriff verwenden wir nicht mehr“, sagt Poth. Dabei hatte die Ratsmehrheit das – durchaus umstrittene – „Shared Space“-Konzept zwischen RWTH-Hauptgebäude und Kármán-Auditorium als Zugeständnis an die Hochschule abgesegnet. Die hatte sich ursprünglich eine reinrassige Fußgängerzone am „Campus Templergraben“ gewünscht – so entstand der Kompromiss.

Baulich wird der Straßenabschnitt erheblich aufpoliert: mit schickem Straßenpflaster, acht schlanken Straßenleuchten, modernen Bänken, einer neuen Grünfläche anstelle des RWTH-Parkplatzes an der Ecke Templergraben/Eilfschornsteinstraße und mit sogenannten „Science Lines“ auf angrenzenden Gehwegen und Plätzen. Die 13 „Wissenschaftslinien“ – drei bis zehn Meter lang – zitieren markante Sätze profilierter Wissenschaftler. Zum Beispiel die erste Frauenbeauftragte der RWTH, die Psychologie-Professorin Brigitte Gilles: „Ich möchte den Frauen die Augen öffnen für all ihre Chancen“, hatte sie 1991 formuliert. Dieser Satz wird nun in Edelstahl in den Granitboden gebettet. Auf die für das Super C typische stahlblaue Beleuchtung verzichtet man allerdings. „Die LED-Leuchtlinien im Boden vor dem Super C und auch die Lichtinstallationen im Vorplatz des Hauptbahnhofes funktionieren nicht zuverlässig“, räumt Poth ein. „Auf so etwas verzichten wir künftig.“

Apropos: Verzichten will die Verwaltung nicht nur auf den „Shared Space“-Begriff, sondern auch auf alternative Einschränkungen. Sie möchte den Templergraben weder als verkehrsberuhigte Spielstraße, als Tempo-30-Zone noch mit einem Schild á la „Bitte fahren Sie Schrittgeschwindigkeit“ kennzeichnen. Aus gutem Grund, wie Poth erläutert: „Wenn tausende Studierende zu den Stoßzeiten den Templergraben überqueren, gehen die Autofahrer automatisch vom Gas. Da braucht man kein Schild zur Geschwindigkeitsbegrenzung, das den Verkehr auch zu Zeiten ausbremst, wenn es gar nicht nötig ist.“ Der Templergraben sei niemals als Unfallschwerpunkt aufgefallen.

Trotzdem: Nach dem Umbau blieben der Stadt – auch dank der flachen Bordsteine – für die Zukunft alle Optionen, betont Poth. Sogar eine Fußgängerzone wäre denkbar. Zunächst will man aber beobachten, wie es in der Praxis auf dem neuen Templergraben läuft. Oder fährt – und wer bremst.

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