Shakespeare das Happy End genommen

Von: Eckhard Hoog
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Neun Darsteller des Aachener Das Da Theaters spielen in fantasievollen Kostümen bis zu drei Rollen: in William Shakespeares Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ auf der Burg Frankenberg. Foto: Mona Deus

Aachen. Die rote Sonne versinkt gemächlich hinter den Zinnen der Burg, Musik hebt an – das Spiel beginnt. Wie zauberhaft romantisch ist doch wieder einmal die Atmosphäre beim Open Air des Das Da Theaters auf Burg Frankenberg in Aachen.

Hoch oben, wie vom Himmel herab, ertönen Stimmen – der Prolog findet auf dem Bergfried statt zu Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung.“ Die Premiere endete am Donnerstagabend mit viel Beifall eines offenbar rundum zufriedenen Publikums.

Die Kostüme sind ein Gedicht. So prächtig, so glitzernd, so farbig strahlend, so pfiffig geschnitten – Frank Rommerskirchen, Michaela Gabauer und Kornelia Müller haben mit viel Fantasie und verblüffend perfekter Ausführung geradezu gezaubert. Ein Zirkuszelt nebst Wohnwagen bildet die Bühnenszenerie, von Frank Rommerskirchen gleichfalls trefflich entworfen. Die Inszenierung – ja, die Inszenierung, da gibt es ein bisschen etwas auszusetzen.

Gewalt gegen Frauen

Zu Shakespeares Zeiten gab es weder eine Frauenbeauftragte noch eine Quotenregelung – im Gegenteil: Die Männer spielten die Frauenrollen gleich mit. Shakespeare heute Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, ist zumindest unfair. Im Kern der Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ zwingt Petruchio der selbstbewussten Katharina mit einiger Gewalt seinen Willen auf. Das Mädel unterwirft sich – allerdings, weil die Liebe in ihr aufkeimt und sie das im Grunde gute Herz des Mannes erkennt. Shakespeare war ja schließlich kein brutales Schwein. Bei Regisseur Tom Hirtz indes gibt es kein Happy End – und aus der heiteren Komödie wird unversehens ein düsteres Stück über Gewalt gegen Frauen. Und das kommt so:

Zwei Rahmenhandlungen

Während die Rahmenhandlung mit dem betrunkenen Kesselflicker sonst kaum gespielt wird, erfindet die Regie hier stattdessen gleich zwei ganz neue Rahmenhandlungen auf einmal, die etwas miteinander kollidieren. Ein Engel und der Teufel schließen auf dem Bergfried im Prolog eine Art Wette über das Gute und Schlechte im Menschen ab – eine wunderschöne Szene hoch oben auf dem Turm mit Michelle Bray und Mike Kühne, die wie alle anderen der insgesamt neun Darsteller bis zu drei verschiedene Rollen spielen.

Den zweiten Rahmen bildet die Vorstellung eines kleinen Provinzzirkus – die im schönsten Moment der Nummern immer wieder in die Hose geht. Gelegentlich aber auch bestens funktioniert: Phänomenal, wie perfekt Stephan von Zedlitz und Tom Schreyer das Jonglieren gelernt haben – mit brennenden Keulen!

Der „starke Mann“ (Christoph Kubica) scheitert allerdings zum Vergnügen der Zuschauer an seiner Hantel und fällt um. Der Bär hat keine Lust zu tanzen. Aber Michelle Bray, eben noch Engel, jetzt Seiltänzerin, hätte ihre atemberaubende Balance-Nummer garantiert zu Ende geschafft – aber die Das-Da-eigene Geschichte will es anders: Nach so viel Pleiten, Pech und Pannen beschließt der Zirkusdirektor (Bernhard Schnepf), dem verehrten Publikum etwas anderes zu bieten: eben das Stück eines gewissen Shakespeare. Und flugs verwandeln sich die Artisten in die Figuren „Der Widerspenstigen Zähmung“.

Bis dahin sind immerhin 20 von 90 Minuten Aufführungszeit schon vorbei. Aber das munter-lustige Zirkustreiben passte ja noch bestens zu diesem lauschigen Open-Air-Abend. Allein: Der Engel und der Teufel, die auf dem Turm eben noch beschlossen haben, hier unter den Menschlein selbst inkognito kräftig mitzumischen, die wirken ja jetzt nur noch auf ein Spiel im Spiel ein, und nicht ins wirkliche Leben. Das nimmt dem Ganzen logischerweise die Spannung – ist aber leicht zu verschmerzen. Vor allem angesichts der weiterhin munter eingemischten artistischen Nummern der Akteure.

Katharinas Schwester Bianca (die Darstellerin ist namenlos), die bekanntermaßen nach dem Willen von Vater Baptista (eben noch der Zirkusdirektor) erst heiraten darf, wenn die große Schwester endlich auch einen Mann abbekommen hat, überrascht mit einer gewissen Ausdruckslosigkeit. Katharina dagegen (Rebecca Selle, als Zirkusattraktion die tänzelnde „Frau mit Bart“) pfeffert den Männern gnadenlos die Meinung um die Ohren.

Dann kommt der herbe Bruch: Petruchio (Philip Butz), eben noch der Strahlemann, der selbst eine Conchita Wurst geheiratet hätte, sofern nur die Mitgift stimmte, schlägt unvermittelt um in ein brutales, menschenverachtendes Schwein – eindimensional, platt, ohne Zwischentöne. Unverständlich. Schleift seinen Diener am Zaumzeug über den Boden, reißt der verdreckten, zugerichteten Katharina an den Haaren und schreckt selbst vor Vergewaltigung nicht zurück. Kein gutes Herz, kein Happy End und auch kein Shake-speare mehr. Gelacht wird auch nicht mehr im Publikum, selbst nicht über das Verwechslungsspektakel in der angesichts der Härte ziemlich untergehenden, nur mehr verwirrenden „lustigen“ Nebenhandlung.

In der Schlussszene müpft die vermeintlich Gezähmte unverhofft auf und triumphiert über ihren Peiniger, der ziemlich bedröppelt und einsam dasteht. Ein unversöhnliches, gar nicht mehr lauschiges Ende, zumal die Rahmenhandlung des Zirkus nicht mehr aufgelöst wird.

Das Programmheft sekundiert mit Aufsätzen wie „Glückserwartung“, „Rationale Entscheidungen“, „Die Schmerzensmänner“ und „Gewalt gegen Frauen: Sie passiert täglich und in allen Kontexten“. Da geht die Leichtigkeit des Abends noch mal flöten . . .

Mit viel Spielfreude dabei

Von den Darstellern sind Rebecca Selle (Katharina/Frau mit Bart), Philip Butz (Petruchio/Dompteur), Tobias Steffen (Weißclown/Lucentio), Mike Kühne (Teufel/Blauclown/Hortensio) und Bernhard Schnepf (Zirkusdirektor/Baptista) wegen ihrer besonders ausgeprägten Bühnenpräsenz hervorzuheben.

Ihnen kaum nach stehen an Spielfreude Christoph Kubica, Michelle Bray, Stephan von Zedlitz und Tom Schreyer. Die Bianca-Darstellerin, ein wirklich lustiger Besetzungs-Einfall der Regie, wird vermutlich nicht zum Leben erwachen . . .

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