Aachen - Sensationeller Aufwand für 41 Sekunden Tour de France

Sensationeller Aufwand für 41 Sekunden Tour de France

Von: Robert Esser und Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
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Abgeschirmt auf dem Markt: Thomas (10) und Annika (8) sind buchstäblich waschechte Fans der Tour de France. Foto: Michael Jaspers (6), Harald Krömer (1)
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Trotz Regenwetter harrten Tausende zwischen Absperrgittern stundenlang aus – für nicht mal eine Minute Profisport. Foto: Michael Jaspers (6), Harald Krömer (1)
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Erst Dusche, dann Regen: Extrem sicher angegurtet turnten Animateure auf Sponsorenfahrzeugen, die teils extrem schnell vorbeirauschten. Foto: Michael Jaspers (6), Harald Krömer (1)
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Party über Aachens Dächern: Hoch über dem Marktplatz trotzte diese Gruppe dem strömenden Regen und beklatschte die Sportler. Foto: Michael Jaspers (6), Harald Krömer (1)
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Jeder kriegt sein Fett weg: Dieser gelbe Bolide warb – vor den Radfahrern – für Pommesproduzenten. Foto: Michael Jaspers (6), Harald Krömer (1)

Aachen. Sein gepunktetes Renntrikot steckt schon unterm Anorak. Innen trocken, außen klatschnass. Als der zehnjährige Thomas neben Schwester Annika (8) in vorderster Front auf dem Aachener Markt am Absperrgitter klebt und mit großen Augen und offenem Mund den knapp 200 besten Radfahrern der Welt zujubelt, schüttet es wie aus Eimern.

 Trotzdem sind Zehntausende an den 12,4 Kilometer langen Aachener Streckenteil geströmt, Wogen der Begeisterung begleiten die Helden der Tour der France. Stimmung himmelhochjauchzend – trotz trüben Regens. Um 15.53 brettert am Sonntag das erste Ausreißer-Grüppchen vor dem Rathaus übers Kopfsteinpflaster, zweieinhalb Minuten später das Peloton – letzteres immerhin 41 Sekunden lang. Es klatscht von oben und unten. Dann ist alles vorbei.

„Klasse, mindestens so gut wie der Karnevalszug“, sagt Thomas und strahlt. Papa und Mama Kühn hatten ihre Sprösslinge am Vortag schon nach Düsseldorf an die Strecke gekarrt, doch in der Heimat, in der Kaiserstadt Aachen, ist alles zwar genauso feucht, aber natürlich umso schöner. Auch wenn der Werbetross, der knapp zwei Stunden vorher in teils atemberaubender Geschwindigkeit in kaum 45 Minuten vorbeigerauscht war, in Sachen Wurfmaterial nicht mithalten konnte.

Da fliegen von bunten, teils skurril überschmückten Fahrzeugen ein paar Wasserflaschen, Mützen, Madeleine-Gebäck und Gummibärchen. Wobei die Werfer allesamt in Hochsicherheitsgurten festgeschnallt sind – weil die Karawane eben nicht, wie am Rosenmontag, sechs Kilometer in fünf Stunden, sondern auf der 2. Etappe von Düsseldorf nach Lüttich 203,5 Kilometer in vier Stunden, 37 Minuten und sechs Sekunden schafft. Mit Oche, ohne Alaaf.

Etwa genauso lang waren schon am Vorabend Ordnungsamt und viele Einsatzkräfte damit beschäftigt, die Rennstrecke autofrei zu kriegen. Zum Leidwesen des städtisch exklusiv unter Vertrag stehenden Abschleppunternehmens landeten nur 39 Fahrzeuge am Haken. Noch am frühen Morgen hatte das Team von Ordnungsamtschef Detlev Fröhlke fast 350 Autohalter aus dem Bett geklingelt – und denen, die im Schlafanzug noch schnell ihr Karossen aus der Sperrzone holten, damit reichlich Kosten erspart. Die Ordnungshüter sind – ebenso wie die vielen Absperrungshelfer aus Reihen des Stadtbetriebs – schon morgens um sieben an den Straßen unterwegs. „Läuft alles prima“, sagt eine Ordnungskraft an der Alt-Haarener Straße zu früher Stunde.

Für Blechpiloten entlang der zweigeteilten Strecke kommt es zuweilen trotzdem knüppeldick. Mit der Streckensperrung ab 13 Uhr ist Aachen von Haaren bis Bildchen zweigeteilt. Kein Seitenwechsel möglich. „Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, weil viele gar nicht mehr durchkamen“, bekennt Oberbürgermeister Marcel Philipp über Lautsprecher oben auf der Rathaustreppe. Aber die Freude überwiegt dann doch. „Das sind tolle werbewirksame Bilder, die wir mit der Tour de France aus unserer Stadt in alle Welt schicken“, erklärt der OB den allein rund 3000 Zuschauern auf dem Marktplatz. Die verfolgen das Geschehen über eine Großbildleinwand, was in erster Linie den Hauptsponsoren der Aachener Tour-Etappe – Sparkasse Aachen, Stawag und NetAachen – zu verdanken ist.

50.000 Euro kosten die Lizenzen, 100.000 Euro die Organisation. Und darum wird hier am Rathaus auch stolz gestrahlt, als die Stimme des ARD-Sportkommentators die Stadt Aachen deutschlandweit einem Millionenpublikum in den höchsten Tönen vorstellt: Die Stadt sei wahnsinnig jung mit über 50 000 Studenten, sagt der Reporter, sie habe einen historischen Dom, die RWTH, den Streetscooter, den Karlspreis; und – ja, tatsächlich – sogar Alemannia Aachen kommt hier ohne Negativ-Schlagzeilen aus. Wunderhübsche TV-Bilder, perfekte PR-Botschaft. Applaus vom Publikum vor dem riesigen Außenbildschirm hinter Kaiser Karl, der an diesem denkwürdigen Tag oben auf seinem Brunnen im Gelben Trikot Hof hält.

Volkes Stimmung ist ausgelassen, in Vierer- bis Achterreihen stehen die Tour-Fans an der Strecke. In Hauseingängen und Toreinfahrten wird gegrillt, aus manchem Fenster schallt Karnevalsmusik, wahlweise auch der Queen-Hit „Bicycle race“.

Die andere Seite der Medaille: Absperrungen, Ordner und Polizei soweit das Auge reicht. Einige Beamte kontrollieren auf dem Adalbertsteinweg sogar noch Fahrzeuge in einer eigens aufgebauten Sicherheitsschleuse, als der Tourtross längst durch Belgien rollt. Noch deutlich mehr Lastwagen als zu Karneval werden als Blockaden eingesetzt. Selbst ein ganzes Stück entfernt von der Tour-Strecke wie etwa an der Kleinmarschierstraße. Da stehen auch die beiden Hauptkommisare Matthias Mertens und Roland Bergmann – mit Maschinenpistolen und dicken Schutzwesten. Der Aufwand aller Behörden ist bis zu und an diesem Tag enorm. So ist das heute eben.

Apropos: Heute würden Mama und Papa Kühn am liebsten ins Auto für die Heimfahrt flüchten. Aber Thomas und Annika bestehen aufs Zweirad. Und so radeln sie, zwischen all den Fußgängern auf Aachens autofreier Rennstrecke, nach der Tour nach Hause. Und sammeln weiter Punkte...

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