Seit dem dritten Lebensjahr auf der Flucht

Von: Rauke Xenia Bornefeld
Letzte Aktualisierung:
6703378.jpg
In Sicherheit: Hayat Kader und ihre Tochter Sitra. Das Leben jungen Frau aus Eritrea war bislang geprägt von Verfolgung, Flucht und Tod. Seit ihrem dritten Lebensjahr ist sie auf der Flucht. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Weltweit befinden sich laut den Vereinten Nationen mehr als 45 Millionen Menschen auf der Flucht. Rund 100000 haben in diesem Jahr einen Asylantrag in Deutschland gestellt. Hinter jedem dieser Männer, Frauen und Minderjährigen steht eine ganz persönliche Geschichte.

Sie handelt oft von Gewalt, Armut und Tod. Aber auch von Hoffnung und neuem Lebensmut. In einer Serie stellt die Aachener Zeitung Einzelschicksale vor. Den Beginn macht Hayat Kader aus Eritrea. Seit ihrem dritten Lebensjahr ist sie auf der Flucht.

Es ist ein eigentümliches Bild: Sitra gibt genüssliche Schmatzlaute von sich, während ihre Mutter sie stillt. Die 26-jährige Frau und das drei Monate alte Mädchen bilden den Inbegriff von Sicherheit und Geborgenheit ab. Gleichzeitig erzählt Hayat Kader von Verfolgung, Flucht und Tod. Erfahren am eigenen Leib.

Es ist kaum zu glauben, wie viel Sterben die Eritreerin schon gesehen hat. Dennoch: Sie ist nicht sprachlos, nicht verzweifelt, nicht mutlos. „Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, waren die vergangenen sechs Monate besser als all‘ die anderen Jahre meines Lebens zusammen.“ Eine Erholung sei der Klinikumsaufenthalt wegen Schwangerschaftskomplikationen und Frühgeburt gewesen. Verständlich wird dies, wenn man ihre Lebensgeschichte hört.

Leben in Illegalität und Armut

Mit drei Jahren ist Kader das erste Mal auf der Flucht. Ihre Familie flieht vor dem Krieg, den ihr Land und Äthiopien führen. Wie 80 Prozent aller Flüchtlinge auf der Welt findet sie Schutz in einem Nachbarland: Sudan. Der Preis ist ein Leben in Illegalität und Armut. „Ich wollte wie alle Kinder zur Schule gehen. Das war aber nicht möglich.“ Mit 15 Jahren macht sie sich wieder auf den Weg – in eine ungewisse Zukunft. Nicht weil sie sich bessere Chancen erhofft, sondern weil ihr Bruder politisch aktiv war und Angst hatte, verhaftet zu werden. Mit dem Bruder geht es im Auto Richtung Libyen. In Ägypten bleibt der Wagen liegen. „Wir sind 28 Tage zu Fuß gegangen. Vier Menschen sind an Wassermangel und Erschöpfung gestorben“, erinnert sich Kader.

In Libyen greift die Polizei sie auf. Mit 350 US-Dollar erkauft sie sich die Freiheit und den Weitertransport. „Wer das Geld nicht gleich hat, muss das Doppelte aufbringen. Frauen können die Schulden auch mit Sex abarbeiten.“ Das bleibt ihr erspart. Nicht aber erneute Begegnungen mit dem Tod. Beim Transport auf einem Frachtschiff ersticken Mitreisende in Containern. Die Überlebenden werden wieder von der libyschen Polizei aufgegriffen. Die Bedingungen im Gefängnis sind katastrophal. Kader verbringt ein Jahr in dem Loch. Ohne Anklage.

950 Dollar bringen ihr die Freiheit. Sie hat Glück und wird nicht gleich wieder verhaftet. Sie kann sich sogar einrichten in der Illegalität. Mit dem Verkauf von Lebensmitteln in Bengasi sichert sie ab 2008 ihren Unterhalt – und die wöchentlichen „Schutzgelder“, die die örtliche Polizei immer freitags abkassiert. „Das war okay. Damit konnte ich gut leben. So war wenigstens alles geregelt und sicher“, erzählt die junge Frau mit den vielen kleinen Zöpfen. Sie geht sogar eine Partnerschaft ein.

2011 erheben sich die Libyer gegen den Diktator Gaddafi. Und eine schwarze Hautfarbe wird lebensgefährlich: Weil sich schwarzafrikanische Söldner an der Seite der Regierungstruppen verdingen, stehen auf Rebellenseite alle mit dunklerem Teint unter Generalverdacht. Kader versteckt sich, wird aufgespürt und beschossen. Mit Mann und Bruder beschließt sie, die Fahrt übers Mittelmeer in Richtung Italien zu wagen. Sie wissen genau, wie schlecht ihre Chancen stehen. „Jeder weiß, dass 60 Prozent sterben“, erklärt Kader. „Aber hinter uns lagen 100 Prozent Tod, vor uns 40 Prozent Hoffnung.“

Verwandte gehen grundsätzlich auf verschiedene Schiffe. „Dann besteht die Chance, dass die Familie die Nachricht vom Tod erfahren kann“, sagt die junge Mutter. Sie selbst muss so eine Nachricht entgegen nehmen: Ihr Bruder sticht mit 250 anderen auf einem „großen, guten Boot“ in See. Alle ertrinken. Auf dem Boot ihres Mannes gibt es auch Todesopfer, aber er kommt heil auf der italienischen Insel Lampedusa an. Über ihr Boot hat, wie sie meint, Gott eine schützende Hand gehalten, weil dort ein Baby zur Welt kam. „Er hat die Wellen besänftigt“, sagt sie.

Endlich Europa, die Rettung? „In Italien habe ich das erste Mal alles bereut.“ Ein bitterer Unterton ist auch in der fremden Sprache nicht zu überhören. Die italienischen Behörden sind mit den Flüchtlingen überfordert. Es gibt zu wenige Unterkünfte, keine Versorgung. Selbst Flüchtlinge mit geregeltem Aufenthaltsstatus leben auf der Straße. „Was ich in Italien erlebt habe, habe ich nicht im Sudan und nicht in Libyen erlebt.“

Von ihrem Mann weiß sie nichts

Kader schläft auf der Straße, wieder sterben Menschen, diesmal an Kälte. Erst als sie schwanger wird, kommt sie in einem Lager unter mit einem Schlafplatz auf dem Boden. Doch die schäbige, völlig überfüllte Unterkunft wird kurzerhand abgerissen, eine neue gibt es nicht. Eritreer in Italien sammeln Geld, um die Schwangere in einen Zug nach Deutschland setzen zu können. Das war die Rettung für Sitra und wohl auch für ihre Mutter: Nach dem Asylantrag in Dortmund und der Aufnahme in Würselen wird sie schnell ins Klinikum gebracht. Absolute Bettruhe, Kaiserschnitt und Intensivmedizin retten Mutter und Kind das Leben. „Ich bin sehr dankbar. Ich weiß, was solch ein Krankenhausaufenthalt kostet. In Italien hätte ich das alles nicht überlebt.“ Ihr Mann weiß nichts von seinem Vaterglück. Kader wurde in Italien von ihm getrennt und weiß im Moment nicht, wo er ist.

Dennoch: Sie ist wieder voller Hoffnung, möchte lernen, arbeiten, der deutschen Gesellschaft etwas zurückgeben. Wann sie das kann, steht in den Sternen. Zunächst muss geklärt werden, ob sie nach Italien zurück muss. Weil in Italien, ebenso wie in Griechenland und Ungarn, die Bedingungen für Flüchtlinge so katastrophal sind, stehen die Chancen für einen Aufenthaltsstatus in Deutschland ganz gut. Aber auch dann darf sie noch nicht arbeiten. Selbst Sprach- oder Integrationskurse bleiben ihr bis zur Entscheidung über einen Aufenthaltstitel verschlossen. Sie hat Residenzpflicht, ist von Sozialhilfe abhängig. Und zu Langeweile verdammt.

Sitra weiß von alldem noch nichts. Sie fühlt sich geborgen bei ihrer Mutter, die so viel Tod und Sterben gesehen hat. Vielleicht weil Kader trotz allem die Hoffnung nicht aufgibt.

In unserer Serie über Flüchtlingsschicksale lesen Sie am Samstag das Wochenend-Interview mit Christiane Berlin vom Café Zuflucht. In weiteren Folgen geht es um das Schicksal einer Roma-Familie aus Serbien und um die Aufnahme von Flüchtlingen im Rahmen einer „Save me“-Kampagne.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert