Seffenter Weg: Wenn der Bus die Wände wackeln lässt

Von: Albrecht Peltzer
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Verkehrsberuhigte Hauptverkehrsstraße: Der Seffenter Weg ist einer der Haupterschließungswege zum TH-Campus. Was weder der Straße und ihrem Mobiliar, noch den Anliegern gut bekommt. Die Experten im Institut für Schienenverkehr sehen sich nach modernem ÖPNV – auf Schienen. Foto: Jaspers
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Verkehrsberuhigte Hauptverkehrsstraße: Der Seffenter Weg ist einer der Haupterschließungswege zum TH-Campus. Was weder der Straße und ihrem Mobiliar, noch den Anliegern gut bekommt. Die Experten im Institut für Schienenverkehr sehen sich nach modernem ÖPNV – auf Schienen. Foto: Jaspers
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Unkonventionell. Ein Stützpfeiler musste bereits im IFS wegen der Erschütterungen aufgebaut werden. Foto: Michael Jaspers
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Institutsleiter Professor Christian Schindler: „Am Seffenter Weg herrscht das Chaos.“ Auf seinem Rechner sieht er schon die Alternativ-Trasse – für einen schienengebundenen TH-Shuttle.

Aachen. Wenn Professor Christian Schindler einem Studenten im Übungsraum am Seffenter Weg über die Schulter schaut, muss er sich auf einige Erschütterungen gefasst machen. Was nichts mit einer potenziellen wissenschaftlichen Unfähigkeit des angehenden Ingenieurs zu tun hat. Der Grund ist ein anderer, auf den ersten Blick ziemlich banaler: Aachens Öffentlicher Nahverkehr.

Christian Schindler leitet das Institut für Schienenfahrzeuge und Transportsysteme (IFS) an der RWTH. Und das Institut ist an einer Straße angesiedelt, die sinnbildlich für die Misere des ÖPNV und des Verkehrs in Aachen steht: zu geringe Kapazitäten, überkommene Technologie, hohes Konfliktpotenzial zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern, Lärm, Unfallgefahr. Anfang des Jahres übernahm Schindler Lehrstuhl und Institut.

Vor 25 Jahren hat er die TH nach Studium und Promotion verlassen, hat viele Jahre in der Industrie moderne Verkehrssysteme auf die Schiene gesetzt. Jetzt, nach seiner Rückkehr, lässt ihm die Situation vor der Haustüre im Speziellen und des ÖPNV im Allgemeinen keine Ruhe. Und die Unruhe bringt Bewegung in eine fast abgeschlossene Diskussion: Hat die Schiene in Aachen doch eine Zukunft?

Zurück zu den Erschütterungen: Unmittelbar vor dem Institut am Seffenter Weg, an der Einmündung der Mies-van-der-Rohe Straße, hat die Aseag zwei Haltestellen eingerichtet. Nicht versetzt, sondern exakt auf gleicher Höhe. Was dazu führt, dass es in regelmäßigen Abständen zu Staus in beiden Richtungen kommt, weil auf dem schmalen Weg keinerlei Ausweichmöglichkeit ist.

Direkt im Anschluss an die Haltestellen wiederum hat die Stadt aufgepflastert. Um den Verkehr – der in Richtung und aus Richtung Campus Melaten und Klinikum durchaus enorme Ausmaße auf der engen Straße einnimmt – zu bremsen. Wenn nun die Aseag mit 18 Meter langen Gelenkbussen im Drei- bis Sechs-Minuten-Takt über Schwellen rumpelt, dann ruckelt es im Institut für Schienenfahrzeuge ganz gewaltig. Schindlers Vorgänger Professor Torsten Dellmann soll dies auch mit Baugrößen der Stadtverwaltung erörtert haben, doch ohne durchschlagenden Erfolg.

Nun sind Techniker nicht auf Verwaltungsvorgänge angewiesen, man weiß sich zu helfen. Mitten im Computerraum des IFS steht nun ein Stützpfeiler – damit den Akademikern im wahren Wortsinn nicht die Decke auf den Kopf fällt.

„Es geht gar nicht um Kritik an der Aseag“, betont Schindler. Dem Schienenverkehrsfachmann geht es vielmehr um Kritik daran, wie dem stark gewachsenen Verkehrsaufkommen nach Melaten nachgegangen wird. „Gelenkbusse sind für die engen Straßen im Bereich des Campus Mitte und der Hörn ungeeignet.“ Die Verbindung zwischen der Kernuniversität rund um den Templergraben und den stetig wachsenden Campus-Arealen sei schlicht und ergreifend „katastrophal“.

Der Seffenter Weg als eine der Hauptachsen für den ÖPNV? Eher ein Witz denn zukunftsfähiges Konzept. Dass zwischen den vielen Bussen auch noch Radfahrer (Schindler: „Die fahren ja auch wie die Henker“) und Fußgänger herumwuseln müssen – es gibt weder Ampeln noch Fußgängerüberwege –, unterstreicht Schindlers Eindruck von einem „ziemlichen Chaos“. Nur als Randnotiz: Der stadtauswärts führende Radweg endet – genau an der Bushaltestelle. Und bisweilen ist es dann auch zu eng für alle Verkehrsteilnehmer. Vor Kurzem ging das Bushaltestellenhäuschen vor dem Institut bei einem Unfall komplett zu Bruch...

Es verwundert wenig, dass der Leiter eines weltweit führenden Instituts für Schienenfahrzeuge den ÖPNV lieber auf Gleisen denn auf Asphalt sieht. Die Diskussion um die Stadtbahn ist Schindler noch in Erinnerung, wenn er sie auch nicht hautnah miterlebt hat. „Vielleicht hat man zu viel auf einmal gewollt“, vermutet er. Und mit Blick auf den Bürgerentscheid gegen die Stadtbahn will Schindler auch keine alten Geschichten aufwärmen.

Aber: Die Idee eines schienengebundenen ÖPNV ist für ihn damit nicht endgültig vom Tisch. Er glaubt an eine kleinere, sozusagen „hochschulinterne“ Variante. Warum, so sagt Schindler, soll eine Bahn nicht vom Bereich Turmstraße/Westbahnhof bis zum Campus Melaten und dann zum Klinikum fahren? So wie es die ursprünglichte Idee der „Campusbahn“ war? „TH-Shuttle“ oder „Uni-Shuttle“ könnte man eine solche Bahn nennen. Und die fährt dann vielleicht sogar vollautomatisch, ohne Zugführer? Warum nicht. An Schindlers Institut wird auch in diesem Bereich geforscht.

„Unsere Forschungsmission ist die Erforschung und Weiterentwicklung von Methoden, Prozessen und Produkten zur Verbesserung der Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Schienenverkehrs inkl. seiner Schnittstellen zu anderen Verkehrssystemen“, heißt es in der Selbstbeschreibung des Instituts. Geht es nach Schindler, dann sollte die Mission auch in Aachen Früchte tragen. Dass dann auch am wirklich verkehrsberuhigten Seffenter Weg wieder erschütterungsfrei geforscht und gelernt werden kann, wäre ein willkommener Nebeneffekt.

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