Aachen - Schwierige Rettung vor Krieg und sozialem Abstieg

Schwierige Rettung vor Krieg und sozialem Abstieg

Von: Peter Schopp
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Diskutierten auch unter dem Eindruck der Flüchtlingsprobleme: Bernhard Verholen (Caritasverband), Dr. Klaus Brülls (Vormund zweier geflüchteter Jugendlicher), Gerd Mertens (Bistum Aachen), Corinna Bornscheuer-Heschel (low-tec GmbH) und Stefan Graaf (Jobcenter Aachen, von links). Foto: Andreas Steindl

Aachen. Pro Arbeit, Dachverband der Träger für Bildung, Qualifizierung und Beschäftigung in der Städteregion, hat zum Jahresempfang geladen. Und die Gäste im Foyer des Theaters bekommen ganz schnell den Eindruck: Hier arbeiten die richtigen Menschen an der richtigen Stelle.

Seien es Flüchtlinge oder langzeitarbeitslose Mitbürger, die Hilfe benötigen – die Mitarbeiter von Pro Arbeit und den unterstützenden Firmen und Verbänden suchen nach Wegen, die Menschen in Arbeit zu bringen und ihnen somit ein normales Leben zu ermöglichen. Allen Beteiligten ist deutlich anzumerken, dass sie sich mit ihren Aufgaben und den momentan fast übermächtigen Problemen eingehend beschäftigen und an Lösungen interessiert sind. Mitarbeiter einiger Organisationen wie der Caritas, der Kirchen sowie einiger Firmen stellen im Theater ihre Arbeit vor und berichten von ihren täglichen Erlebnissen und Erfahrungen.

Peter Brendel von „low-tec“ macht in seinem Begrüßungswort deutlich, was an diesem Abend im Vordergrund steht: „Meistens wird über das geredet, was noch getan werden muss. Wir möchten aufzeigen, was bereits heute getan wird.“ Der Bereich der langzeitarbeitslosen Bürger sei ein grundsätzliches Thema bei Pro Arbeit, jetzt komme das Thema der Flüchtlingshilfe noch hinzu.

Gerd Mertens vom Bistum Aachen, der durch den Abend führt, stellt unmissverständlich klar: „Wir haben es mit zwei Gruppen von Flüchtlingen zu tun. Einerseits die deutschen langzeitarbeitslosen Mitbürger, die auf der Flucht vor dem sozialen Abstieg sind, und zum anderen mit den Flüchtlingen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen.“

Stefan Graaf, Geschäftsführer des Jobcenters Aachen, macht bei der Beurteilung seines momentanen Arbeitsalltags aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Mich nerven diese unsäglichen Kompetenz- und Zuständigkeitsgerangel, wenn es beispielsweise darum geht, Sprachkurse für Flüchtlinge zu ermöglichen oder Praktika in Unternehmen anbieten zu können.“ Für ihn ist die momentane Situation am Arbeitsmarkt, speziell unter dem Gesichtspunkt der immer größer werdenden Zahl auf den Arbeitsmarkt drängender Flüchtlinge, eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

Graaf findet es nicht erklärbar, dass die Bearbeitungsdauer eines Asylantrags bis zu zwei Jahre dauert. Zwischenzeitlich passiere dann: nichts! „Die Menschen dürfen keinen Sprachkurs besuchen, weder Praktikum noch Ausbildung machen und sitzen den ganzen Tag nur herum.“ Für ihn ist eine Neuaufstellung des Zuweisungssystems genauso dringend notwendig wie eine unbürokratischere Vorgehensweise bei der Sprachförderung. Den Menschen, meist unter 35 Jahre alt, sei nur schwer verständlich zu machen, dass zunächst der Sprachkurs bis zu zwei Jahre, die anschließende Ausbildung noch einmal drei bis vier Jahre dauert. „Diese Menschen kommen nach hier und möchten arbeiten und Geld verdienen. Sie haben Druck, zu Hause wartet sehr häufig eine Familie, der sie Geld schicken möchten oder müssen.“

Die Sprachförderung muss für Graaf intensiver mit dem Arbeitsmarkt verzahnt werden, um die Frustschwelle zu senken. Bei alldem vergisst er aber nicht, wie groß die Gefahr ist, einen Keil ins soziale Gefüge der Bevölkerung zu treiben. Man dürfe keinen Menschen mit seinen Problemen zurücklassen und nicht das Gefühl aufkommen lassen, irgendeine Gruppe würde bevorzugt behandelt, sagt er.

Noch greifbarer wird die Situation beim Bericht von Dr. Klaus Brülls, der ehrenamtlicher Vormund von zwei jugendlichen Flüchtlingen ist. Es treibt einem zwar ein Schmunzeln ins Gesicht, wenn er berichtet, wie einer seiner Schützlinge vom ersten Arbeitstag in einem Friseursalon nach Hause kommt und erstaunt ist, dass dort fast ausschließlich Frauen arbeiten und als Kundinnen auftreten. Gleichzeitig wird dadurch aber auch die Problematik der unterschiedlichen Kulturkreise deutlich, und es eröffnet sich die Dimension der kulturellen Hürden, die es zu überwinden gilt.

Bernhard Verholen, Geschäftsführer des regionalen Caritasverbandes Aachen, zeigt auf, wo es seiner Meinung nach noch fehlt: „Kindergartenversorgung, Traumabewältigung, aber auch Rückkehrberatung oder Hilfestellung für die ehrenamtlichen Helfer sind Bereiche, wo großer Handlungsbedarf besteht.“

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