Aachen - Schwerhörigkeit: Knopf im Ohr für die Normalität

Schwerhörigkeit: Knopf im Ohr für die Normalität

Von: Svenja Pesch
Letzte Aktualisierung:
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Neue Perspektive für Schwerhörige: Der technische Fortschritt erleichtert die Kommunikation. Ein offensiver Umgang der Betroffenen ist wünschenswert. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. „Entschuldigung, was hast Du gesagt? Hast Du das immer noch nicht verstanden? Du bist aber echt schwer von Begriff.“ Dialoge, die für Georg F. (Name geändert) alles andere als harmlose Blödeleien waren. Bisher.

Denn früher haben ihn solche Kommentare derart getroffen und verletzt, dass er das Essenzielle, was er zum Hören benötigt, einfach wegließ. Aus Scham. Er wollte eben dazugehören und nicht ausgelacht werden, weil er da „so ein komisches Ding im Ohr“ hat.

Georg F. ist schwerhörig. Seit seiner Kindheit fällt es ihm schwer, bestimmte Geräusche wahrzunehmen, wie er erzählt: „Es war schon eine Odyssee, die ich in puncto Hörgeräte mitgemacht habe. Früher waren die Geräte auch bei weitem nicht so dezent wie heute, weshalb ich sie aus Scham nicht getragen habe.“ In beiden Ohren trägt Georg F. die Hilfen, die dafür sorgen, dass er seine Umwelt in all ihren Facetten wahrnimmt. Sehen tut man sie fast nicht, lediglich zwei dünne Schläuche verbinden das kleine Mikrofon mit der Apparatur.

Auch seiner Frau fiel die Kommunikation mit ihrem Mann nicht immer ganz leicht: „Beim ersten Treffen hatte er kein Hörgerät an, weshalb die Unterhaltung sehr anstrengend war. Er hat mir dann zwar direkt von seiner Einschränkung erzählt, aber in unserem Alltag haben wir trotz Hörgerät oftmals Missverständnisse.“ Vor allem die hohen Töne kann er nicht hören, wozu früher auch das Sprechen seiner eigenen Kinder gehörte. In seinem Beruf spielt die Behinderung keine Rolle, vielleicht auch deshalb, weil er ganz offen und selbstbewusst damit umgeht, wie er betont: „Die Menschen denken leider immer, dass nur alte Leute schlecht hören, oder sie schieben es auf die Geräte, wie beispielsweise den Fernseher, der irgendwie immer leiser wird. Das ist das typische „Versteck-Verhalten“, das viele anwenden. Denn so selbstverständlich wie eine Brille sind Hörgeräte bei weitem nicht.“

Dem kann auch Marion Bergk, Projektleiterin der Initiative „Hören macht Verstehen“ beim Hörgeschädigten-Zentrum, nur zustimmen. Seit März dieses Jahres läuft das Projekt mit dem Ziel, aufmerksam zu machen und aufzuklären. „19 Prozent der Deutschen über 14 Jahre sind hörbeeinträchtigt, auf die Städteregion bezogen sind das mehr als 100 000 Betroffene. Es muss einfach bekannter gemacht werden, dass viele darunter leiden. Ein offensiver Umgang ist da ein wichtiger Schritt.“ Nicht nur die Tatsache, dass schwerhörig noch immer fälschlicherweise mit begriffsstutzig oder alt in Verbindung gebracht wird, hält Menschen von einem offensiven Umgang mit der eigenen Hörminderung ab.

Zum kostenlosen Angebot des Projekts „Hören macht Verstehen“ zählen Beratungsangebote für Schwerhörige und ihre Angehörigen sowie Seminare und Vorträge für zum Beispiel Eltern und Jugendliche. Neben der Tatsache, dass Schwerhörigkeit die zwischenmenschliche Kommunikation behindert und zu Verunsicherungen bei allen Beteiligten führt, sind oftmals auch Sprachprobleme mit einhergehend. Auch die Frau von Georg F. stellt bei ihrem Mann fest, dass er unakzentuiert spricht. Aber dank seiner neuen leistungsfähigeren Hörgeräte hat sich in ihrer gesamten Kommunikation vieles merklich verbessert.

Ob und in welcher Höhe die Kosten für solche modernen Hörsysteme von den Krankenkassen übernommen werden, muss für jeden Einzelfall geprüft werden. Auch dazu berät Marion Bergk in ihrer Sprechstunde.

In einem Punkt sind sich alle drei einig: Mit Schwerhörigkeit muss offensiver umgegangen werden. Es soll so selbstverständlich damit gelebt werden, wie auch mit einer Brille.

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