Aachen - Schwein gehabt: Schlachthof weg!

Schwein gehabt: Schlachthof weg!

Von: Robert Esser und Thorsten Karbach
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Einzigartig: An den Seiten des
Einzigartig: An den Seiten des historischen Kraftversorgungsturms wachsen Bürogebäude, davor bald Bäume einer Allee. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Schwein gehabt, hier passt der Begriff Revitalisierung perfekt. Zehn Jahre, nachdem auf dem Alten Schlachthof in Aachen das letzte Tier abgestochen wurde, leben (nahezu) alle Flächen und Gebäude des historischen Areals wieder auf. Und wie!

Im Sommer 2013 zieht die Ingenieurgesellschaft P3 mit knapp 300 Mitarbeitern in den denkmalgeschützten Kraftversorgungsturm und zwei Neubauten, die jetzt angedockt werden. Dann bleibt höchstens ein Bruchteil des 37.000 Quadratmeter großen Schlachthof-Areals übrig. Insgesamt 2,6 Millionen Euro hat die Stadt bislang von Investoren für die Filetstücke kassiert, 1,4 Millionen flossen in die Infrastruktur - Straßen, Kanäle, Begrünung.

Demnächst soll unter die Vermarktung des ehemals schmuddeligen, maroden Quartiers, auf dem man locker sechs Fußballplätze unterbringen könnte, ein Schlussstrich gezogen werden. Zuletzt verkaufte das Immobilienmanagement unter der Leitung von Edmund Feiter einen riesigen Querriegel an den Projektentwickler Michael Specht, der bereits einen Teil der benachbarten Dreifingerhalle - wo vormals tausende Rinder im Akkord geschlachtet wurden - mit viel Feingefühl fürs historische Ambiente zum echten Glanzstück aufpoliert hat.

Seine Event-Hallen im „industrial style” kann man mieten. Einen Steinwurf entfernt entsteht ein Elektronik-Betrieb. Nebenan will ein Investor in die 1200 Quadratmeter große Bogenhalle von 1928 einen Büro-Komplex integrieren - der Vertragsabschluss steht nach Angaben der Stadt kurz bevor. Inklusive Uhrenturm wäre dann - bis auf eine kleine Freifläche, auf die ein Kfz-Betrieb eine Option hat - alles weg. „Wir können nichts mehr anbieten”, sagt Feiter. Was viele überraschen dürfte.

Früher zog es - neben Metzgern - vor allem Nachtschwärmer zum Schlachthof, in die urige Kantine am Haupteingang. Die kleine Kneipe mit Küche genießt bis heute Kultstatus - geöffnet von 5 bis 15 Uhr. Fleischer gönnten sich hier ihr Frühstück, wenn alles erledigt war. Und das Feiervolk am Nebentisch - auch ziemlich erledigt - schlürfte das finale Bierchen.

Heute trifft man hier Publikum aus allen Schichten. Viele arbeiten auf dem Gelände oder haben es als Kunden ansässiger Unternehmen entdeckt. Musikproduzent Frank Stumvoll hatte sein Studio hier schon etabliert, als vor der Tür noch die Schweine auf dem Weg zur Schlachtbank quiekten. „Seitdem hat sich unglaublich viel verändert”, sagt er. Ein Fotostudio, ein Weiterbildungsinstitut, Schreiner, Fensterbauer, Inneneinrichter, das Automobilzentrum von Porsche-Spezialist Uwe Niermann, ein Großküchen-Anbieter und eine Sonnensegelmanufaktur beleben - unter anderem - den Schlachthof. Die Adresse macht Eindruck.

So ging es auch den Chefs der Ingenieurgesellschaft P3. Noch residiert man im Technologiezentrum am Europaplatz - und platzt aus allen Nähten. 16 Jahre ist die Firma dort gewachsen, zählt weltweit 1300 Mitarbeiter, darunter viele Wissenschaftler. Warum baut man also nicht auf dem neuen RWTH-Campus? „Der wird in den nächsten 20 Jahren Baustelle sein”, erklärt einer der fünf P3-Geschäftsführer, Professor Thomas Prefi. „Der Schlachthof liegt verkehrsgünstig, hat Charme und weckt mit dem imposanten Kraftversorgungsturm enorme Kreativität, die perfekt zu uns passt”, sagt er. Der Turm steht wie ein Fels in der Brandung, die Sanierung ist ein Kraftakt. Aus zwei hunderte Tonnen schweren Eisenkesseln unterm Dach floss früher Kalt- und Warmwasser für den Schlachtbetrieb.

Prefi kann sich vorstellen, die armdicken Wände nun aufzuschweißen - um dort Raum für Kreative zu schaffen, in echten „Think Tanks”. Flexibilität ist Trumpf. Auch dafür lobt Prefi das städtische Immobilienmanagement als „perfekte Lotsen durch den bürokratischen Dschungel”. Sogar ein Vogelkundler, der sich im Kraftversorgungsturm einnisten durfte, um ein 2000 Euro teures Gutachten zu verfassen, konnte weder Sanierung noch Anbau stoppen. Er fand zentnerweise Taubenkot. Sonst nichts. Schwein gehabt.
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