Aachen - „Schutzhütte” - gut oder nur gut gemeint?

„Schutzhütte” - gut oder nur gut gemeint?

Von: Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Gut gemeint, aber auch gut gemacht? An der „Schutzhütte” scheiden sich die Geister. Regelrecht entgeistert jedenfalls kommentiert Dr. Ulrich Deller die junge Initiative.

Der Mann ist immerhin Professor für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Aachen. Und der Verein „Schutzhütte” hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern und Jugendlichen, die auf der Straße in Notsituationen geraten, möglichst offensiv beizustehen.

Das Prinzip ist einfach: Mit dem deutlich erkennbaren Vereinslogo in den Schaufenstern und dem Versprechen „Du bist nicht allein!” signalisieren Gewerbetreibende: Unsere Tür steht immer offen, wenn du Zuflucht suchst vor (potenziellen) Übergriffen - sei es durch Gleichaltrige, die dir Gewalt androhen, oder durch Erwachsene, die sich dir allzu „vertrauensvoll” nähern.

Die Initiative hat ihrerseits inzwischen prominente Unterstützung auch aus dem politischen Raum - EU-Parlamentspräsident Martin Schulz ist ihr Schirmherr, auch die Aachener Grünen-Ratsfrau Karin Schmitt-Promny hat sich ihr angeschlossen.

„Dieser Ansatz ist in meinen Augen eine Katastrophe”, findet hingegen Deller. „Man sollte doch von jedem erwarten, dass er Kindern beisteht. Vor allem aber wird hier der Blick von den wirklichen Problemen weg gelenkt: Es ist belegt, dass rund 95 Prozent der Misshandlungen an Kindern auf häusliche Gewalt zurückzuführen sind.” Kurzum: „Sie müssen sich in den allermeisten Fällen nicht hinter Mülltonnen verstecken, sondern hinter dem Kühlschrank oder im Kleiderschrank - da ist keine ,Schützhütte.”

Letztlich, fürchtet der Professor, „wird hier vor allem Angst geschürt, was wirklich das schlechteste aller Rezepte ist”.

Derart hart formuliert Andrea Weyer, Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes, das zwar nicht. „Wir freuen uns über jede Initiative, die Kindern helfen will”, betont sie. „Aber wir sehen die Gefahr, dass derlei Angebote sie eher verunsichern. Viel besser wären positive Kampagnen wie kleine Straßenfeste, mit denen man Geschäftsleute aktiviert.”

Ebendies, unterstreicht hingegen Josef Kunze, Vorsitzender des Vereins, habe die Initiative etliche Male versucht. „Leider sind wir allzu oft abgewiesen worden.” Deshalb wolle man nun eben konkrete, nachvollziehbare Angebote machen.

Selbstverständlich würden alle Mitglieder im Vorfeld geschult, müssten zudem ein Polizeiliches Führungszeugnis beibringen. „Wir werden intensiv begleitet von der Kinder- und Jugendpsychologin Dr. Viola Rückfort. Wir haben unser Konzept mit Polizei, Jugendamt und der Opferschutzorganisation ,Weißer Ring besprochen. Uns geht es darum, Kindern bei Gewaltsituationen auf der Straße, auf dem Schulweg, ganz konkrete Hilfe zu signalisieren”, argumentiert Kunze.

So versuche man eben, eine Lücke im System der Solidarität für die Schwächsten effektiv zu schließen. „Es ist uns klar, dass die Schutzhütten kein Allheilmittel sind - aber sie können in ganz akuten Fällen Kinder vor Schlimmem bewahren”, ist Kunze überzeugt.

„Die Idee ist im Prinzip gut”, meint denn auch Polizeisprecherin Sandra Schmitz, „allerdings ist jeder Erwachsene sogar gesetzlich verpflichtet, Kindern in Not zu helfen.” Und die Aachener Ordnungshüter selbst setzten in intensiver Zusammenarbeit mit den zuständigen städtischen Stellen vor allem auf Prävention: „Wir wollen Kinder stark machen, ihnen zeigen, dass es Situationen geben kann, in denen sie deutlich nein sagen sollten.”

Anders als andere Kommunen der Städteregion habe sich die hiesige Verwaltung allerdings nicht direkt für das Projekt engagiert, erklärt auch Elke Münich, Leiterin des Fachbereichs Kinder, Jugend, Schule. „Dazu haben wir nicht die Ressourcen. Wir wollen uns auf vorbeugende Arbeit konzentrieren.” Und in der Tat sei die vor allem auf häusliche Gewalt fokussiert.

„Selbstverständlich unternehmen wir in dieser Hinsicht eine Menge, etwa mit unserem Programm PIA („Positiv aufwachsen in Aachen”). Natürlich nehmen unsere Mitarbeiter auch direkten Kontakt mit Familien auf, die Nachwuchs bekommen haben. Allerdings haben wir dabei vor allem bestimmte Stadtteile im Blick.” Das Projekt „Schutzhütten” verstehe sie daher durchaus als „Ergänzung zu dem, was die Stadt im Schulterschluss mit vielen anderen Institutionen anbietet”.

So sehe es eben auch der Verein, bekräftigt Kunze. „Und es ist schon enttäuschend, dass von den Kritikern bislang niemand das direkte Gespräch mit uns gesucht hat, um sich unser Konzept genau anzusehen.”
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