Schutz vor Radioaktivität: Tabletten verteilen, bevor es zu spät ist

Von: Marie Eckert
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Aachen. Gibt es einen Unfall in einem Kernkraftwerk, wird radioaktives Jod freigesetzt. Die menschliche Schilddrüse nimmt ständig Jod auf – folglich auch das unerwünschte radioaktive.

Nimmt die betroffene Person rechtzeitig Jod über Tabletten ein, ist die Schilddrüse gesättigt, es wird kein weiteres, möglicherweise gefährliches Jod aufgenommen. Umgekehrt drohen Schäden bis zum zum Schilddrüsenkrebs.

So viel zum medizinischen Hintergrund. Konkret hat die Fraktion der Grünen im Rat der Stadt Aachen beantragt, dass die Verwaltung beauftragt wird, dass an alle Haushalte, Betriebe und öffentliche Einrichtungen der Stadt, wie etwa Kitas oder Schulen, Jodtabletten verteilt werden – schließlich ist das Atomkraftwerk „Tihange“ in Belgien ungefähr 60 Kilometer Luftlinie von Aachen entfernt. Wegen Rissen in den Druckbehältern ist „Tihange 2“ seit März 2014 abgeschaltet.

Das Thema ist nicht neu, schon im Juni dieses Jahres wurde der Antrag im Umweltausschuss von allen Fraktionen abgelehnt. Laut der Katastrophenschutzpläne in NRW werden die Tabletten erst nach einem etwaigen Unglück verteilt, ob die Tabletten dann von der Bevölkerung abzuholen sind oder tatsächlich verteilt werden, ist laut Helmut Ludwig, Geschäftsführer der Grünen Fraktion im Rat, nicht klar. Im Falle eines Unfalls sei die Anweisung des Katastrophenschutzes allerdings, drinnen zu bleiben sowie Fenster und Türen geschlossen zu halten. „Da wäre es ja ein Widerspruch, wenn die Jodtabletten abgeholt werden sollen“, merkte Ludwig an.

Dazu käme, dass im Unglücksfall die radioaktive Wolke in zwei, spätestens drei Stunden in Aachen angekommen wäre. „Die Menschen haben ein Recht darauf, die Jodtabletten zu bekommen“, betonte Ludwig. „Das ist allerdings nicht möglich in der Zeit.“ Schließlich bleiben maximal drei Stunden, minus der Zeit, die es dauert, bis man in Aachen vom Unglück erfährt, bis die Wolke da ist. Dazu kommt laut Antrag der Grünen, dass die Tablette nur dann wirkt, wenn sie zwei bis drei Stunden vor dem Eintreffen der radioaktiven Wolke eingenommen wird. „Das ist momentan vollkommen unrealistisch“, sagte Ludwig. Bestätigt werde diese Einschätzung von den Leitern der Berufsfeuerwehren in Deutschland.

Auf reichlich Gegenwind sind die Grünen bisher gestoßen, auch Panikmache wurde ihnen vorgeworfen, erzählte Sabine Göddenhenrich, umweltpolitische Sprecherin der Grünen Fraktion im Rat der Stadt Aachen. „Wir sehen das ganz im Gegenteil als eine einfache Maßnahme, die im Notfall helfen kann.“ Außerdem sei es deutlich einfacher, die Tabletten im Vorfeld zu verteilen als dann im Katastrophenfall. Dass man mit Jod nicht den Folgen eines Fallouts entgegenwirken könne, sei ihnen bewusst, so Göddenhenrich, trotzdem können die Tabletten vor Schäden schützen.

Mit ihrem Ratsantrag will die Grüne Fraktion das Thema wieder auf die Tagesordnung bringen. „Die Augen werden davor verschlossen, dass so ein Unglück hier passieren kann“, merkte Göddenhenrich an. Und Ludwig ergänzte: „Wir wollen die Situation weder verharmlosen, noch dramatisieren.“

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