Schneerekord bringt tonnenweise Probleme

Von: Sarah Sillius, Robert Esser, Stephan Mohne, Matthias Hinrichs
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Spektakulärer Einsturz: Diese Halle eines Dachdeckerbetriebes hielt der Last der Schneedecke nicht mehr stand und krachte ein. Die Feuerwehr rückte aus, nahm den Schaden ins Auge. Es gab glücklicherweise keine Verletzten, die Firma hatte ihre Mitarbeiter in die Betriebsferien geschickt.

Aachen. Nein, auch am Tag nach dem flockenreichsten Fest der jüngeren Historie war vom ganz normalen Öcher Alltag kaum etwas zu spüren. Und gut beraten war am Montag, wer den Tücken von Väterchen Frost nicht nur auf eisglattem Untergrund mit größter Vorsicht begegnete.

Vor allem riesige Eiszapfen und mächtige Lawinen, die von Hausdächern herabzustürzen drohten, hielten Polizei und Feuerwehr auf Trab. Größere Einsätze gab es unter anderem in der Elsassstraße, wo Schneelawinen Fußgänger gefährdeten, und in der Zeppelinstraße, wo kiloschwere Eiszapfen für eine geradezu lebensgefährliche Lage sorgten.

Wobei es allerdings oft zu Kompetenzfragen kommt. Eigentlich müssen die Hausbesitzer für Sicherheit sorgen. Sie dazu anzuhalten, ist Sache des Ordnungsamts. Wenn Gefahr in Verzug ist, kommen Polizei und schließlich Feuerwehr ins Spiel. Aber wann ist Gefahr in Verzug? Schließlich können selbst kleinere Zapfen schwerste Kopfverletzungen verursachen. So sucht dann die Feuerwehr den Hausbesitzer, weil es hier auch um Kosten im dreistelligen Bereich geht. Erst, wenn es gar nicht anders geht, schreiten die Feuerwehrleute ein. An der Bismarckstraße durchschlugen indes abstürzende Eiszapfen die Markise einer Fleischerei und donnerten auf den Bürgersteig.

Dann krachte es richtig: An der Charlottenburger Allee kapitulierte eine 70 Meter lange und 30 Meter breite Halle eines Dachdeckerbetriebes unter den tonnenschweren Schneemassen. Das Dach stürzte großflächig ein. Die Feuerwehr rückte an, wahrte aber aus Sicherheitsgründen Abstand. Verletzt wurde letztlich niemand, die Firma hatte ihre Mitarbeiter in die Betriebsferien geschickt.

Reithalle gesperrt

Mehrere Flachdächer auf diversen städtischen Gebäuden, etwa am Marschiertor und an der Hackländerstraße, wurden zumindest teilweise per Schippe von der weißen Last befreit. Am Nachmittag musste eine Reithalle in Grüne Eiche bis auf Weiteres dichtgemacht werden. Ansonsten bestehe nach derzeitigen Erkenntnissen nirgends Einsturzgefahr, berichtete der Chef des Gebäudemanagements, Michael Ferber.

Totenstille herrscht weiterhin auf dem Waldfriedhof und dem Ostfriedhof. Sie bleiben gesperrt. Die Gefahr, dass alte Bäume unter den Schneelasten zusammenbrechen, sei zu groß, erklärte Karl Küpper, Abteilungsleiter Friedhöfe und Krematorien beim Stadtbetrieb. Beisetzungen würden dennoch vorgenommen, „so schnell und pietätvoll wie möglich”. Friedhofsvorflächen, Wege und Gräber müssten eben mit „großen Mühen” freigeräumt werden. „Das Personal muss sich noch mehr anstrengen”, sagte Küpper. „Zum Glück sind es zurzeit recht wenige Beisetzungen.”

Auch die Turnhallen sind - mit Ausnahme der Halle an der Neuköllner Straße, wo ebenfalls das Dach vom Schnee befreit wurde - bis zum Ferienende verwaist. An den Schwimm- und Sporthallen sowie am Rathaus wurden die Dachränder freigeschaufelt, damit Tauwasser abfließen kann. Dennoch: „Jeder sollte auch mal einen Blick nach oben werfen und im Fall der Fälle die Straßenseite wechseln”, empfahl Ferber. „Wir warnen dringend davor, selbst gegen Eis- und Schnee auf Dächern vorzugehen. Da sollte man Fachleute einschalten”, betonte Rita Klösges vom Presseamt.

Und während ungezählte Autofahrer ihr Blech aus der Parklücke herausbuddeln mussten, waren auch die Damen mit den Knöllchenblöcken keineswegs unterfordert - was so manchen angesichts der extremen Verhältnisse heftig in Rage brachte. Ein Leser aus der Kirchrather Straße am Königshügel berichtete der AZ am Montag empört von einem Knöllchenhagel in der Valkenburger Straße. Dort hätten Anwohner und Gäste aus der Nachbarschaft ihre Fahrzeuge notgedrungen geparkt, weil die Kirchrather Straße nicht geräumt war. „Die Kolleginnen entscheiden nach Ermessen, wann sie Verwarnungsgelder verhängen”, erklärte Klösges. „Sie sind aber angehalten, nach Möglichkeit ein Auge zuzudrücken.” Im Prinzip seien Halteverbote natürlich zu beachten, und Verstöße würden gegebenenfalls eben geahndet.

Apropos gesalzene Preise: Die sind zuweilen auch fürs Streugut in Baumärkten fällig. Die Bandbreite reichte bei Stichproben am Montag von 4,99 Euro für ein Vier-Kilo-Eimerchen bis 7,50 Euro für einen 25-Kilogramm-Sack. „Da machen sich einige jetzt ganz schön die Taschen voll”, sagte ein stellvertretender Filialleiter in Aachen. Er habe diesen Winter 17 Mal mehr Streusalz und Granulat als im Vorjahr verkauft - rund 200 Tonnen. Die letzten Schneeschaufeln und sogar die teuersten Schneefräsen seien bereits vor Tagen über die Ladentheken gewandert. Nur mit handelsüblichen Spaten könne man noch dienen. Die Vermietfirma Deubner Baumaschinen freute sich indes über sagenhafte Nachfragen bei Radladern. Nur mit großem Gerät seien die Schneemassen noch zu bewältigen, teilte Deubner mit. Alle Maschinen sind außer Haus.

Aushäusig unterwegs sind auch die mobilen Pflegedienste in der Städteregion. Allein das Deutsche Rote Kreuz (DRK) betreut mit sechs Pflegekräften täglich 90 Hilfsbedürftige. „Die Zustände waren chaotisch, aber wir lassen unsere Patienten nie im Stich”, sagte die stellvertretende Pflegedienstleiterin Heike Wacht. „Man kann nirgendwo parken. Und wenn man in zweiter Reihe steht, wird man von anderen Verkehrsteilnehmern ständig gemaßregelt - da wäre etwas mehr Gelassenheit angebracht”, appellierte sie. Zwei Stunden länger als üblich sind die Betreuer derzeit unterwegs.

Stau im Verteilzentrum

Noch länger unterwegs sind zahllose Weihnachtspäckchen und Briefe. Heiligabend ging gar nichts mehr, seit Montag stellen Aachens Briefträger und 45 Paketboten mit ihren schweren DHL-Transportern wieder zu. „Wir arbeiten mit Hochdruck. Aber wir kommen immer noch nicht überall hin”, erklärte Postsprecher Dieter Pietruck. Deswegen kann es wohl noch einige Tage dauern, bis der Päckchenberg im Verteilzentrum Brand zwischen den Schneemassen weggeschmolzen ist.

Transportprobleme haben auch andere - etwa Umzugsunternehmen. Ein „Tivoli”-Schwerlaster hing Montagmorgen in der steilen Elsa-Brändström-Straße fest. „Wir haben zwei Stunden geschaufelt, Schneeketten aufgezogen, dann hat´s geklappt”, erzählte Geschäftsführer Rolf Bergstein. „Wenn ganze Firmen umziehen, gelten feste Termine, das kann man nicht verschieben - also tun wir alles, was irgendwie möglich ist.” Mit viel Ausdauer gelang der witterungsbedingt noch kraftraubendere Transport.

Viele Autofahrer setzen in diesen Tagen nicht nur auf Winterreifen, sondern auf Allradantrieb. „Unsere komplette Geländewagen-Flotte ist vermietet”, sagte Hans Hirtz bei der Autovermietung Nardin. „Ich könnte jeden Tag 20 Allradler mehr vermieten.” Auch Sixt und Hertz bestätigten die enorme Nachfrage. Die gab es übrigens auch an Tankstellen. An vielen Zapfsäulen rund um Aachen gab es am Montag kein Super-Benzin mehr. Wer stattdessen auf die Deutsche Bahn setzte, brauchte ebenfalls viel Geduld. Am Hauptbahnhof herrschte nach den Weihnachtstagen Hochbetrieb. Viele Züge ließen auf sich warten - darunter zum Beispiel der „schnelle” Mittags-ICE von Aachen nach Frankfurt. Er rollte 140 Minuten zu spät auf Gleis 9 ein.
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