Schlecker-Pleite: Wut, Tränen und Zukunftsängste

Von: Oliver Schmetz
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Schlecker
Das Aus für die insolvente Drogeriekette Schlecker ist besiegelt: Der Gläubigerausschuss habe keine Perspektive für eine wirtschaftlich vertretbare Fortführung oder die Veräußerung des Gesamtkonzerns an einen Investor mehr gesehen, hieß es nach der entscheidenden Sitzung des Gremiums am Freitag in Berlin. Foto: dpa

Aachen. Die Frau hat 16 ihrer 50 Lebensjahre bei Schlecker verbracht, das kann man wirklich so sagen. Neuneinhalb Stunden hat sie pro Tag gearbeitet, war meist alleine in ihrer Filiale.

In der Mittagspause hat sie den Flur geputzt, nach Feierabend noch über die Fenster gewischt. Für viele Kunden war sie so etwas wie „Frau Schlecker”, mit ihr stand und fiel die Filiale. Jetzt ist sie endgültig gefallen, die Filiale, und „Frau Schlecker” steht - auf der Straße.

Andris Gulbins, Bezirkssekretär der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), schildert diesen Einzelfall. Zusammen mit anderen Vertretern des „Aachener Netzwerks Kirche und Betrieb” hat er am Donnerstag mit Betroffenen der Pleite des Drogeriemarkt-Riesen gesprochen - just an dem Tag, an dem alle Hoffnungen der Beschäftigten auf die Finanzierung einer Transfergesellschaft am harten Widerstand der FDP zerplatzt sind. Diese aktuelle Entwicklung hat das Gespräch geprägt, zum Beispiel hat die 50-jährige Frau „eigentlich von Anfang bis Ende nur geweint”, erzählt Gulbins. Sie ist Hauptverdienerin in ihrer Familie, ihr Mann berufsunfähig. Bisher war man gerade so zurechtgekommen. Und jetzt? Schon ein Job in 50 Kilometer Entfernung ist wohl kaum drin, weil die Fahrtkosten einfach zu hoch wären für das knappe Familienbudget. Hinzu komme das demütigende Gefühl, abserviert zu werden, erzählt Gulbins. „Die Frauen haben den Eindruck, ähnlich verramscht zu werden wie der letzte Drogerieartikel in ihren Filialen.”

Für das Aachener Netzwerk ist nach dem Gespräch mit den Betroffenen klar, dass eine Transfergesellschaft im Falle Schlecker für viele hilfreich wäre. „Das war eine Chance”, sagt Gulbins, „die Menschen hätten sechs Monate Zeit gehabt, sich neu aufzustellen und zu orientieren.” Nun stünden sie von einem Tag auf den anderen auf der Straße. Natürlich gibt es nicht nur Härtefälle: Da ist auch die 24-jährige ausgebildete Verkäuferin, die optimistisch in die Zukunft blickt - weil sie Perspektiven hat. Doch Gulbins erzählt auch die Geschichte der 40-Jährigen, zehn Jahre bei Schlecker in leitender Funktion, die sich fragt, „warum es sie traf und nicht eine andere?”.

Beim Netzwerk hegt man dazu die „Vermutung”, dass vor allem die teuren Mitarbeiter gehen müssen. Diejenigen, die am längsten dabei sind, die ältesten. „Wir wollen uns über die Redlichkeit des Sozialplans sachkundig machen”, sagt Gulbins, vieles sei da „undurchsichtig”. Und man will mit Rat und Tat helfen: Ein zweites Treffen soll am 17. April um 18.30 Uhr stattfinden, Betroffene der Schlecker-Pleite können sich bei der KAB unter 0241/4001860 oder 0157/85436889 melden. Wie schon zuvor bei den Schließungen etwa bei Philips oder Walmart bietet das Netzwerk zum einen Seelsorge und ein offenes Ohr, zum anderen aber auch handfeste Beratung in punkto beruflicher Zukunft. Was in vielen Fällen nicht einfach sein wird. Die 50-Jährige etwa - ungelernt, aber Hauptverdienerin - weiß, dass sie kaum große Perspektiven hat. Für „Frau Schlecker”, deren Einzelfall für Tausende steht, wird es schwer.
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