Schlechte Verbindung: Handy in der Klasse

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
5192751.jpg
Erst abgeben, dann austeilen: Vor Klausuren müssen in den Klassenzimmern die Handys und Smartphones der Schüler auf dem Lehrerpult liegen. Foto: imago/IPA Photo

Aachen. Schlechte Verbindung. Wenn Schüler im Unterricht zum Handy oder Smartphone greifen, dann haben es bald schon die Lehrer in der Hand. Denn in der Regel sind Mobiltelefone – ob internettauglich oder nicht – in der Schule verboten.

 Auch wenn das Schulministerium NRW dies nicht gesetzlich oder per Erlass regelt, formulieren die Schulen klare Vorgaben. „Handys und Smartphones sind auf dem Schulgelände gemäß Hausordnung verboten“, berichtet beispielsweise Renate van den Boom, Leiterin der Gemeinschaftshauptschule Burtscheid. Und so wie an der Malmedyer Straße ist es auch an den anderen Schulen geregelt – über die Hausordnung.

Laut einer Statistik des Schulministeriums verfügen mehr als 87 Prozent der 12- bis 19-Jährigen über ein eigenes Mobiltelefon und nutzen Multimediahandys zum Versenden von SMS und fürs Fotografieren oder Filmen. Das ist die Realität im Klassenzimmer. Dem müssen sich sich die Schulen stellen. „Die Handys müssen im Unterricht ausgeschaltet sein“, erklärt Arthur Bierganz, Leiter des Inda-Gymnasiums. „Grundsätzlich müssen Handys ausgeschaltet sein – wobei kaum zwischen lautlos und ausgeschaltet unterschieden werden kann – und in der Tasche – wegen Diebstahlgefahr in der Hosentasche – aufbewahrt werden. Dies gilt auch während der Pausen“, sagt Herbert Strohmayer, Leiter der Hugo-Junkers-Realschule.

Doch die Versuchung sitzt immer mit im Unterricht. Die schnelle Verbindung nach draußen oder ins Internet ermuntert. Die Konsequenzen liegen ebenfalls in der Gewalt der Schulen. „Bei Verstößen werden die Handys einbehalten und am Ende des Schultages zurückgegeben“, berichtet Strohmayer. „Geräte, die wir sehen, werden eingesammelt und bis zum Freitagmittag im Schultresor verwahrt“, erläutert Renate van den Boom. Auch am Inda-Gymnasium werden Handys und Smartphones in solchen Fällen eingesammelt und am Ende des Tages zurückgegeben. Zudem gibt es eine Mitteilung an die Eltern – und zwar eine richtige, keine SMS.

Von den Eltern unterstützt

Die Maßnahmen zahlen sich aus. „Bis auf wenige Ausnahmen sind die Schüler einsichtig. Wir werden bei der Einhaltung dieser Regel von den Eltern unterstützt“, sagt van den Boom. Und letztlich darf die Schule Mobiltelefone einkassieren. Paragraph 53, Absatz 2, des Schulgesetzes erklärt, dass die Wegnahme von Gegenständen als erzieherische Maßnahme ausdrücklich zulässig ist, wenn sie zur Aufrechterhaltung eines ordnungsgemäßen Schulbetriebs erforderlich ist. Eine prophylaktische Wegnahme ist dagegen nicht zulässig. „Die Störung muss entweder bereits eingetreten sein oder unmittelbar bevorstehen und auf andere Weise nicht zu beseitigen sein (Grundsatz der Verhältnismäßigkeit)“, heißt es.

Die sprichwörtliche lange Leitung in Sachen Verständnis für diese Vorgabe haben die wenigsten. „Es gibt vereinzelt immer wieder Verstöße, es hält sich in Grenzen, grundsätzlich wird die Regel befolgt“, betont Herbert Strohmayer. „Wir sorgen konsequent für das Einhalten dieser Regeln, weil dadurch Ruhe ins schulische Leben eingekehrt ist. Besonders das widerrechtliche Fotografieren kommt meines Wissens nicht mehr vor“, erzählt Renate van den Boom.

Wer sich ein Bild von den Geräten macht, die mittlerweile in Aachens Schultaschen liegen, der trifft in der Regel auf die aktuelle Generation Smartphones, auf Samsung Galaxy, Sony Xperia, HTC One oder das neue iPhone – und die Lösung der nächsten Klausur- oder gar Abituraufgabe ist damit in allen Schulräumen nur ein paar schnelle Bewegungen mit dem Zeigefinger auf dem Display entfernt. Deswegen gelten bei Prüfungen besondere Bedingungen: „Bei den Zentralen Prüfungen müssen die Handys abgegeben werden, ansonsten gilt dies als Täuschungsversuch“, sagt Strohmayer. Ebenso wird es an der Hauptschule Burtscheid geregelt. Wobei Renate van den Boom hinzufügt, dass Täuschungsversuche mit Handys ihr noch nicht bekannt sein.

Der Deutsche Philologenverband als Vertretung der Gymnasiallehrer rügte dagegen zuletzt, dass mittels Smartphone geschummelt werde. Stefan Menzel, Leiter des Gymnasium St. Leonhard, kann sich dies nicht vorstellen (siehe „Nachgefragt“). Arthur Bierganz auch nicht. Wie auch? „Vor Klausuren werden sie abgegeben, danach wieder ausgegeben“, erklärt er. Und bei den Abschlussprüfungen stellt die Abiturverfügung ohnehin klar: Alle technischen Geräte und vor allem alle Handys und Smartphones müssen ausgeschaltet auf dem Lehrertisch liegen. Weil Schüler manchmal mehr als ein Gerät besitzen, werden nicht nur am Couven-Gymnasium Toiletten, Spülkästen und alle möglichen Verstecke vor den Abiturprüfungen kontrolliert – wie früher, nur das es längst keine Zettel mehr sind, die verborgen sein wollen. Zudem gibt es Fluraufsichten, und Klogänge müssen protokolliert werden. „Nur Leibesvisitationen gibt es keine, und wir stellen auch keine Störsender auf. Ein Restrisiko bleibt also“, sagt Schulleiter Günther Sonnen. Das Risiko, erwischt zu werden, sei aber so groß, dass er nicht mit digitalem Schummeln rechne. Nur einmal, an einer ehemaligen Schule hat er erlebt, wie unterm Tisch nach Vokabeln gesucht wurde.

Gezielter Einsatz im Unterricht

Am Gymnasium an der Lütticher Straße ist der Weg auf die Datenautobahn ohnehin ein langer – der Empfang sei nicht allzu gut. Noch. Denn die Schule will Hotspots aufstellen, also den kabellosen Internetzugang verbessern. Denn es gibt auch eine andere Dimension der digitalen Welt in der Schule. „Es empfiehlt sich, die Schüler an den produktiven Umgang mit dem Smartphone zu gewöhnen“, erklärt Günther Sonnen. Im Englisch-Unterricht werden die Smartphones der Schüler bei der Recherche eingesetzt. Herbert Strohmayer lässt die Schüler in seinen Physikstunden die Handys als Stoppuhr, Taschenlampe oder zum Fotografieren von Versuchsaufbauten und Tafelbildern einsetzen. Und auch das Schulministerium betont: „In der Schulkonferenz müssen Maßnahmen beschlossen werden, um Eltern, Lehrerinnen und Lehrer zu sensibilisieren und die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler zu verbessern.“ Schon an Grundschulen können Kinder einen Handyführerschein machen.

Während in Strohmayers Physikstunde die Chemie trotz Technik stimmt, verschwinden die Handys und Smartphones anschließend wieder in der Tasche. Und falls die Schüler tatsächlich einmal telefonieren müssen, gibt es immer einen festen Apparat mit Hörer und Kabel, nach dem sie greifen können. „Die Schüler dürfen in dringenden Fällen kostenlos aus der Verwaltung zum Beispiel mit den Eltern telefonieren“, sagt Renate van den Boom. Die Verbindung nach Hause ist immer da – auch ohne Handy.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert