Aachen - Schlägt Volleyball in der Jahrhunderthalle auf?

Schlägt Volleyball in der Jahrhunderthalle auf?

Von: Robert Esser
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Auch der Flächennutzungsplan 2030 wird die Nachfrage nicht befriedigen können. Darum stehen „Revitalisierungen“ wie die Jahrhunderthalle an der Jülicher Straße oben auf der Tagesordnung. Foto: Andreas Steindl
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Gefragt: Zwölf Hektar – das entspricht etwa 15 Fußballfeldern – stehen noch im Gewerbegebiet Avantis zur Verfügung. Foto: Michael Jaspers
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Gebaut: Der Pflegemittelhersteller Arion hat auf Avantis rund acht Millionen Euro investiert, bis zu 200 Arbeitsplätze entstehen. Foto: Jaspers

Aachen. Stell‘ Dir vor, es gibt Jobs – aber keiner geht hin. Weil Gewerbeflächen fehlen. Im großen Stil. „Die Nachfrage nach Gewerbeflächen wird in den nächsten zehn Jahren das Angebot übersteigen“, sagt Oberbürgermeister Marcel Philipp.

72,3 Hektar Land hat die Stadt Aachen von 2007 bis 2016 an Unternehmen verkauft. 50 Hektar – das entspricht etwa 70 Fußballfeldern – hält man noch in Reserve, jedenfalls wenn man alle Parzellen zusammenzählt. Besonders rar sind nämlich große zusammenhängende Flächen. Insgesamt viel zu wenig, sagen Experten. Denn der Standort Aachen boomt.

Der Lösungsansatz von OB Philipp und dem Leiter des Fachbereichs Wirtschaftsförderung, Dieter Begaß, lautet: „Dreiklang“. Was jetzt harmonisch klingt, verursachte vormals durchaus Dissonanzen. Die Stadt forciert nun ein klares Konzept – konsequent. Es geht erstens um die „Neuausweisung von Gewerbeflächen“ (also einen neuen Flächennutzungsplan), zweitens um interkommunale Gewerbeflächen (zum Beispiel „Avantis“) und drittens um die Revitalisierung alter Industriebrachen.

Letzteres ist besonders spannend, wie man am Beispiel der sogenannten Jahrhunderthalle an der Jülicher Straße zwischen historischen Krantz- und Talbot-Arealen in Aachen-Nord erkennt. Die Halle wurde 1899 gebaut, könnte bis zu 60.000 Quadratmeter Geschossfläche beherbergen (das ist etwa das Doppelte der Verkaufsfläche der Einkaufsmall Aquis Plaza) und steht auf dem ehemaligen „Garbe, Lahmeyer“-Gelände. 118 Jahre später könnte die gewaltige Halle mit neuem Leben gefüllt werden.

Sie stand zuletzt knapp 30 Jahre leer, wirkt entsprechend heruntergekommen und wird derzeit teilweise von Streetscooter als Lager genutzt. Doch sie besitzt einzigartiges industrielles Flair. Und das ist in Mode. So existiert nun die Idee, den hinteren, deutlich höheren Teil der Halle in eine Art Multifunktionsraum zu verwandeln und dort etwa die „Ladies in Black“ des PTSV in der Volleyballbundesliga aufschlagen zu lassen. Studenten und Projektentwickler sind darauf gekommen. Denn die jetzige Spielstätte, die Sporthalle an der Neuköllner Straße, ist für den regulären Volleyball-Spielbetrieb viel zu niedrig. Notwendig wären mindestens neun Meter. Und Platz für bestenfalls bis zu 2500 Sportfans.

Der Haupttrakt der Jahrhunderthalle mit ihren zwei flacheren Seitenflügeln – alles in Privatbesitz – könnte nach Einschätzung von Wirtschaftsförderern zum Beispiel zu einer „urbanen Produktionsstätte“ für den „Streetscooter 2.0“ weiterentwickelt werden. Denkbar wären eine zentrale Produktionsstraße für den Elektrotransporter der Post – made in Aachen. Denkbar wären aber auch andere Modelle sogenannter „Hybrider Start-up Fabriken“. Denn an eine – dann revitalisierte – Fabrik mitten in der Stadt stellt der moderne Mensch heute andere Anforderungen als früher. Neben Produktionsflächen und Werkstätten wären Kitas, Cafés etc. vor Ort genauso wichtig – alles eingebettet in „schäbigen Chic“ aufgepeppter industrieller Altlasten.

Erhebliche Investitionen

„Ja, wir prüfen verschiedene Möglichkeiten“, lässt OB Philipp auf Nachfrage unserer durchaus Sympathien für eine kombinierte Volleyball-/Gewerbenutzung in der riesigen Jahrhunderthalle erkennen. „Die Höhe würde zweifellos passen. Man muss sehen, ob genug Platz für Zuschauertribünen bleibt“, sagt der OB. Entschieden ist noch nichts.

Bedeutend sei ein großer gewerblicher Partner, der dann den größten Teil der riesigen Immobilie „bespielt“, erklärt Philipp. Zumal vorab erhebliche Investitionen zur Ertüchtigung der Jahrhunderthalle notwendig sind. Gerade an der Jülicher Straße könnte damit aber zwischen dem „Digital Hub“ in der Elisabethkirche und dem fortschrittlichen Unternehmenspark auf dem Gelände des Alten Schlachthofs ein weitere Initialzündung positive Folgen für das Umfeld in Aachen-Nord auslösen. „Wir werden zudem neue Gewerbeflächen ausweisen müssen, und wir müssen den Fokus auf die ganze Region lenken – Aachen allein kann die notwendigen Flächen nicht bereitstellen“, erläutert Philipp.

Mit dem neuen Flächennutzungsplan 2030 – der wegen langer politischer Debatten und diverser Einwände aus der Bürgerschaft immer noch nicht verabschiedet wurde – sollen rund 100 Hektar neue Gewerbeflächen ermöglicht werden. Allerdings fallen gleichzeitig andere weg.

Trotzdem erhofft man sich mehr Flexibilität – zum Beispiel durch ein immerhin 13 Hektar großes Gelände an der Eilendorfer Straße. „Die unternehmerischen Anfragen nach Flächen kommen derzeit meist aus dem Bereich Produktion und Verarbeitung – sie reichen von 100 bis 450.000 Quadratmeter“, rechnet Wirtschaftsförderer Begaß vor.

Gewerbegebiete in Brand laufen gerade voll, und sogar das frühere Stiefkind Avantis zwischen Aachen und Heerlen entwickelt sich zum Musterschüler. Gerade erst errichtete der Pflege- und Waschmittelhersteller Arion auf dem grenzüberschreitenden Gewerbegebiet eine „Swash-Fabrik“. Bis zu 200 Arbeitsplätze bringt allein diese Ansiedlung. Es geht in den kommenden Jahren um viele tausend neue Arbeitsplätze – vor allem in der Produktion, aber auch bei wissenschaftsnahen Dienstleistungen.

Dass all dies an fehlenden Gewerbeflächen scheitern könnte – eigentlich unvorstellbar.

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