Schießerei auf offener Straße: Rockerkrieg zurück in Aachen

Von: Claudia Schweda
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ARCHIV - Mitglieder des Motorradclubs «Bandidos» am 11.06.2012 in Bottrop. Sie galten als verwildert, aber harmlos - bis die Rockerbanden in den vergangenen zehn Jahren zu einer eigenen Macht in der organisierten Kriminalität wurden. Die Justiz wachte zu spät auf, wie es nun ein Sachbuch beschreibt. Foto: Marius Becker/dpa (zu dpa 0021 vom 04.03.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Rocker
Nach ersten Ermittlungen der Polizei dürfte der Hintergrund der Tat in seit länger schwelenden Auseinandersetzungen im Rocker- und Türstehermilieu liegen. Foto: Symbolbild dpa

Aachen. Vor gut einem Jahr sind die „Bandidos“ in Aachen und die „Hells Angels“ in Köln von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) verboten worden. Doch Ruhe ist dadurch nicht eingekehrt. Ganz im Gegenteil. Kleinere Rocker-Gruppierungen kämpfen nun mit ungeahnter Brutalität um die Vorherrschaft: In der Nacht zu Dienstag kam es in Aachen zu einer Schießerei auf offener Straße. Der Rockerkrieg ist zurück in Aachen. Und die Region steht mit dieser Entwicklung in NRW nicht alleine da.

Es ist kurz nach 23 Uhr als in der Nacht zu Dienstag ein dunkler Wagen mit drei Männern aus Aachen die Jülicher Straße, eine der Haupteinfallstraßen nach Aachen, entlangfährt. Im Hintergrund der Häuserzeile liegt ein Gewerbegebiet; am Rande dessen das „Starfish“, eine Großdisco. An einer Straßenecke stehen 15 Männer. Plötzlich fallen mehrere Schüsse aus dem Auto. Zwei Aachener, die in der Gruppe der Männer stehen, werden leicht verletzt. Sie und einige Anwohner, die von den Schüssen aufgeschreckt werden, rufen die Polizei. Die ist sofort alarmiert. Auseinandersetzungen in der Nähe von Discos standen in der jüngeren Vergangenheit häufig in Zusammenhang mit Rockerkriminalität.

Erst im Oktober waren drei Rocker der „Bandidos“ wegen versuchter räuberischer Erpressung vor dem Landgericht Aachen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Sie hatten in Geilenkirchen versucht, das Türsteher-Geschäft einer Diskothek der verfeindeten „Hells Angels“ gewaltsam zu übernehmen. Und auch in der Nacht zu Dienstag sind nach Angaben der ermittelnden Aachener Staatsanwaltschaft einige der Beteiligten – auf Opfer- und Täterseite – als Türsteher tätig. Gesichert ist inzwischen laut Staatsanwalt Peter Jansen, dass Sympathisanten der „Bandidos“ darunter sind.

Die sofort eingeleitete Fahndung hat teilweise Erfolg: Auch mit Hilfe eines Sondereinsatzkommandos werden zwei der drei Autoinsassen an unterschiedlichen Orten in der Stadt festgenommen. Der dritte ist noch auf der Flucht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes, Verstoßes gegen das Waffengesetz und gefährlicher Körperverletzung.

Seit Monaten schaukeln sich in NRW die Konflikte zwischen Rockergruppen hoch. Es geht um Macht und Einfluss und um lukrative Geschäftsfelder im Rotlichtmilieu und Sicherheitsgewerbe. Nach Angaben des Innenministeriums beherrschten die Rocker mit dem Türsteher-Geschäft vor Clubs und Diskotheken den Drogenverkauf in den Nachtclubs und nähmen Schutzgeld von den Betreibern ein. Seit einigen Monaten mischen mit „Satudarah“ auch noch Rocker aus den Niederlanden mit. In Duisburg lässt sich mit dem „Gremium MC“ jetzt die vierte Rockergang nieder, die sich selbst außerhalb des Gesetzes sieht. Und von Baden-Württemberg kommend fassen die „Black Jackets“ in NRW Fuß.

„Wir stellen fest, dass die Situation im Rockermilieu eher unübersichtlicher geworden ist“, sagt Frank Scheulen, Sprecher des Landeskriminalamtes. Die Szene sei stark in Bewegung. Man beobachte Übertritte einzelner Gruppierungen, Neugründungen und auch Schließungen. Und immer, wenn der eine im Hoheitsgebiet des anderen auftaucht, wird das als Provokation verstanden. In unserer Region war es nach dem Verbot der beiden Rockergruppen im vorigen Jahr offenbar zu einem Machtvakuum gekommen. Solange es die beiden großen Gangs gab, sei in ihrem Schatten keine der kleinen zum Zuge gekommen, sagt Paul Kemen, Polizeisprecher. „Doch nun versuchen viele kleinere Rockergruppierungen, im Bereich der organisierten Kriminalität Fuß zu fassen.“ Und die Ermittler gehen davon aus, dass auch niederländische und belgische Rocker darunter sind.

„Vor Wochen“, sagt Kemen, sei die Entwicklung in der Szene der Region erkannt worden. Sofort seien massive Maßnahmen ergriffen worden, etwa Platzverweise für Kuttenträger. Auch die große Kontrollaktion Anfang Mai auf einer Bundesstraße kurz vor der A4 bei Düren, die zu kilometerlangen Staus geführt hatte, ging auf ein mögliches Rockertreffen in Düren zurück. „Sie sollen sehen, dass wir sie ganz genau im Auge haben“, sagt der LKA-Sprecher.

Doch bei Problemen ging es bisher in der Region um Schlägereien oder Erpressung. Die Schüsse in Aachen haben eine neue Qualität in die Auseinandersetzung gebracht. „Das ist ein Alarmsignal“, sagt Kemen. Ermittelt wird deswegen so, wie etwa in einem Mordfall: mit einer sofort eingerichteten 15-köpfigen Ermittlungskommission.

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