Schausteller: Ein Leben neben Karussell und Zuckerwatte

Von: Nicola Gottfroh
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Fasziniert von der  glitzernde
Fasziniert von der glitzernden Kirmeswelt statt vom großen Geld: Georg Adamczyk hat seinen neuen Lebensmittelpunkt auf den Rummelplätzen der Republik gefunden. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Einst jonglierte er mit Geld. In seinem früheren Leben als Bankkaufmann war Georg Adamczyks spezialisiert auf die Anlageberatung. Aber das war einmal. Zwar gehen ihm heute auch noch viele Scheine durch die Hand. Allerdings sind es jetzt nicht mehr die ganz großen Summen, sondern die Eintrittsgelder von Kirmesbesuchern.

Georg Adamczyks Arbeitsplatz ist das Kassenhäuschen des Event Centers „The Tower”, der sich derzeit auf dem Öcher Bend in luftige Höhen streckt. Adamczyk liebt dieses neue Leben und weiß ganz genau, warum er einen soliden, gutbürgerlichen Job mit dem anstrengenden und unsteten Kirmesleben getauscht hat.

„Ich hatte keine Lust mehr auf dieses Dasein, in dem sich alles nur ums Geld dreht. Das Kirmesleben ist viel ehrlicher als die Finanzwelt”, sagt der 58-Jährige. Nachdem er sich zunächst als Modellbauer selbstständig gemacht hatte und dabei auch das Modell des Eventtowers seiner heutigen Arbeitgeber, der Familie Blume, kreiert hatte, entschied er sich für ein Leben auf Achse.

Seit vier Jahren reist er nun gemeinsam mit seiner Ersatzfamilie, Charles und Carmen Blume und deren Kindern Marvin (22), Sissi (15) und Lilly (7), durch die Republik und viele Teile Europas. Er lebt ein Leben im Wohnwagen.

Zwischen Autoscooter, Kinderkarussell und Zuckerwatte residiert er die meiste Zeit des Jahres auf acht mal 2,6 Metern. Nur wenige Monate im Winter verbringen er und die Blumes in den jeweiligen Heimatstädten, wo dann eine feste Behausung wartet. „Auch wenn so ein Wohnwagen klein ist: Hier habe ich alles, was ich brauche. Und man geht als Schausteller ohnehin nur zum Schlafen in den Camper”, sagt er. „Für Schaustellerfamilien ist Freizeit ein Luxus. In den meisten Städten, in denen man einen Rummel-Halt einlegt, lernt man nur den Kirmesplatz kennen. Die Zeit fließt einfach so dahin”, sagt er und schaut auf ein Modell von Salvatore Dalis berühmter zerfließender Uhr, die allgegenwärtiges Thema ist in seinem geliebten Eventtower.

Leben und Geld verdienen auf dem Rummel - das heißt jede Menge Arbeit. Selbst dann, wenn die Lichter an den 125 Fahrgeschäften, Imbissbuden und Bars auf dem Bend schon lange aus - oder noch gar nicht erst an sind. „Ausschlafen gibt es in diesem Job nicht. Aber im Bankwesen auch nicht. Deshalb hat sich für mich eigentlich gar nicht so viel geändert”, sagt Georg Adamczyk und grinst.

Außenstehende, so erzählt er, könnten oft gar nicht nachempfinden, wie viel Arbeit der Rummel macht - selbst wenn die Tore noch verschlossen sind. „Es ist nicht so, dass wir in unseren Wohnwagen bis Mittags schlafen, wie sich manche Leute das vorstellen”, sagt er.

Denn neben dem Aufbau und dem Abbau zu Beginn und am Ende einer Rummelwoche steht auch noch die tägliche Arbeit an. „Es gibt immer was zu tun: Putzen, kleinere Ausbesserungsarbeiten, Gänge zur Bank - schließlich sammeln wir unsere Einnahmen nicht im Wohnwagen”, erklärt Adamczyk.

Und natürlich will auch schon der nächste Rummeljob vorbereitet sein. Schließlich ist nach der Kirmes vor der Kirmes. Und besonders bei der Planung ist die Familie Blume froh über Georg Adamczyks Händchen für das Organisatorische. Denn in seinem alten Job hat er die Sprache der Bürokratie zu sprechen gelernt - und er ist deshalb derjenige, der sich meist um Genehmigungen und Behördenangelegenheiten kümmert.

Wenn das geschafft ist, und die Bendtore am Nachmittag geöffnet sind, kümmert er sich dann um den Verkauf der Eintrittskarten. „Um das alles auf die Reihe zu kriegen, muss man jeden Tag um sieben Uhr aufstehen”, sagt der ehemalige Banker. Meist blieben nur sechs Stunden Schlaf, nachdem er am Vorabend um ein Uhr nachts todmüde in die kleine Schlafnische seines Hauses auf Rollen gefallen ist.

Um sieben Uhr aufzustehen, davon können Marion Gehlen und ihr Mann Hubert nur träumen. „Um die Uhrzeit sind wir schon auf dem Großmarkt unterwegs. Sonst ist die schönste Ware schon weg”, sagt Marion Gehlen. Die beiden sind die Besitzer eines Süßwarenwagens.

Ungefähr fünf Stunden Vorbereitung erfordert es jeden Tag, die süßen und fruchtigen Leckereien herzustellen und attraktiv in der Auslage zu drapieren. „Bei so viel Arbeit kann man sich nicht einfach mal einen Tag raustun - selbst wenn man krank wird”, sagt Marion Gehlen. Dabei sollte sie genau das derzeit tun - sich sechs Wochen raustun und gesund werden. Das hat zumindest der Arzt verordnet, der sie vor wenigen Tagen an den Augen operiert hat. „Aber ich kann meinen Mann ja nicht alleine alle Arbeit machen lassen”, sagt sie.

Deshalb steht sie kurz nach der Operation wieder im Süßwarenwagen. Doch ständig da sein zu müssen, immer mit der Angst im Nacken, krank zu werden, das sei die negative Seite ihres Rummellebens, erklärt sie. Und natürlich die mangelnde Zeit, die für die Familie bleibt. „Selbst wenn mein Mann und ich zusammen arbeiten - Zeit für Zweisamkeit, einen schönen Ausflug oder einen langen Grillabend mit der Familie und dem kleinen Enkel bleibt kaum”, bedauert die 60-Jährige.

Trotzdem habe das Leben auf dem Rummel einen besonderen Reiz, sagt Marion Gehlen, die schon als Schaustellerkind aufgewachsen ist und nun seit 40 Jahren mit ihrem eigenen Wagen mit gebrannten Mandeln, Zuckerwatte, Lebkuchenherzen und Schokoladenobst durch die Lande zieht.

Ihre beiden Söhne, die im Rahmen ihrer Ausbildungen derzeit die Sesshaftigkeit ausprobieren, stehen bereits in den Startlöchern, um den Laden einmal zu übernehmen. Spätestens in fünf, sechs Jahren will sich Marion Gehlen mit ihrem Mann zur Ruhe setzen. Doch ob sie dann tatsächlich die Füße stillhalten kann? „Ganz sicher”, sagt die 60-Jährige voller Überzeugung. „Mein Mann will den Jungs an den Wochenenden immer helfen. Aber ich habe lange genug auf dem Rummel gelebt und will dann mal die Füße hochlegen.”

Dass Schaustellerkinder die Wege ihrer Eltern einschlagen, so wie es die Söhne von Marion Gehlen geplant haben, ist keine Seltenheit. Auch die Kinder von Rolf Lentzen sind in seine Fußstapfen getreten. Lentzen reist mit einem Bierkarussell von Rummel zu Rummel. Eben noch Annakirmes, jetzt halt Öcher Bend. Seine schon verheiratete Tochter Ilona Goeke mit ihrem Mann Jacky und dem fünfjährigen Sohn Jacky Junior sind mit ihrem eigenen Geschäft, einem Kinderautoscooter, stets dabei.

Das lange, harte Arbeiten und das moderne Nomadenleben im Wohnwagen führen dazu, dass Schausteller meist unter sich bleiben. Man trifft sich auf den Festen immer wieder, lernt sich kennen und wie im Fall von Ilona und Jacky auch lieben. Und natürlich bekommt man auch Nachwuchs, der dann mit durch die Lande reist.

Für Schaustellerkinder wie Jacky Junior ist das Leben auf der Kirmes wie ein riesengroßer Spielplatz. Sie finden Freunde, die auch in einem Zuhause auf Rollen wohnen und nur einen Katzensprung entfernt parken. Und natürlich ist das Karussell stets in Reichweite: „Die Schaustellerkinder dürfen natürlich kostenlos die Fahrgeräte nutzen. Und wer auf die Idee kommt, dass ihnen das irgendwann mal zum Hals raushängt, der irrt”, sagt Rolf Lentzen.

Doch ein Wehmutstropfen für viele der Kirmeskinder ist und bleibt die Schule. „Wenn man ständig die Bundesländer wechselt, die sich in den Lehrplänen und Ansprüchen unterscheiden, dann ist das für viele Kinder schon hart”, erklärt Georg Adamczyk. Er erlebt das bei den Kindern seiner Ersatzfamilie, insbesondere bei der siebenjährigen Lilly, häufig mit.

„Es gehört halt eben Leidenschaft zum Schaustellerleben dazu. Aber wer es einmal kennen- und liebengelernt hat, der will es nicht mehr missen”, sagt der ehemalige Bankkaufmann Adamczyk. Er muss es wissen - schließlich hat er schon ein „Ottonormalverbraucher”- und ein Schaustellerleben gelebt.
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