Schauspielerin Lara Beckmann „zwitschert und krächzt“

Von: Jenny Schmetz
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„Wenn ich rede, passiert viel in meinem Gesicht“: Stimmt! Schauspielerin Lara Beckmann geizt auch abseits der Bühne nicht mit ihren Ausdrucksmitteln. Der Nagellack gehört übrigens zur Nora-Rolle. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Dieser Vogel spuckt keinen Zwitscherton mehr. Die Krallen zum Himmel gereckt, steckt das grün-rote Federvieh zwischen den „Krallen“ einer jungen Frau, die den Betrachter selbstbewusst anschaut. Sehr symbolisch, dieses Werbemotiv zu Henrik Ibsens Eheknatsch-Klassiker „Nora oder ein Puppenheim“.

Am Ende des Seelendramas will Nora nicht mehr das „Singvögelchen“ für ihren Mann Torvald spielen, nicht mehr gehorsam zwitschern, sondern ausbrechen aus dem Ehe-Käfig.

Die junge Frau, die da so offensiv in die Kamera guckt, ist die Schauspielerin Lara Beckmann. Seit dieser Saison neu im Ensemble des Aachener Theaters, kann man sie ab Freitag in der Titelrolle erleben (siehe Kasten). Klein, zart und zerbrechlich wie ein Vögelchen wirkt die 28-Jährige auf den ersten Blick. Aber wenn sie den Schnabel aufmacht, ändert sich der Eindruck schnell: Da ertönt manch irritierendes Krächzen, Schnarren, Quietschen. Klingt eher wie ein ungeölter Rabe oder ein Singvögelchen, dem man den Hals umgedreht hat. Das verspricht für diese etwas muffigen Szenen einer Ehe aus dem 19. Jahrhundert schon mal schön viel Reibungsenergie.

Muffig? Da widerspricht Lara Beckmann sofort. Schließlich hat sie sich mit „Nora“ schon für ihr Schauspiel-Diplom an der Hochschule in Stuttgart intensiv beschäftigt. Sie sieht in dem Drama nicht das „Paradestück weiblicher Emanzipation“, sondern allgemeiner eine spannende psychologische Studie über Rollenbilder und den Kampf, sich da herauszuschälen. Und es wird ja auch eine Fassung in heutiger Sprache gespielt. Da greift Nora etwa nicht zum Makrönchen, sondern zur Zigarette.

„Darf ich mir erst mal eine drehen?“, fragt die Nora-Darstellerin passenderweise zu Beginn des Gesprächs. Nach dem Knall-Orange bei der Probe erscheint sie nun ganz in Schwarz: vom Flauschmantel bis zu den getuschten Wimpern. „So fühle ich mich am wohlsten“, sagt sie. „Wenn jemand bunt wie ein Kanarienvogel angezogen ist, dann sieht man ihn nicht mehr.“ Bei ihr sieht man also in glühend braune Augen und auf einen Mund in Bewegung. Den Filter zwischen die Lippen geklemmt, streut sie Tabakkrümel aufs Blättchen, sitzt im Wind vorm Theater und gibt sich kurz vor der Premiere „aufgeregt, aber guter Dinge“: „Ich bin nicht allein“, sagt sie. „Da sind ja meine Kollegen, mit denen ich gemeinsam den Abend rocke.“

Zwar meint sie im Laufe des Gesprächs: „Ich bin eine liebe und nette Person“, aber bei der Proben-Stippvisite zuvor hat man gemerkt: Sie kann auch Klartext reden. Etwa wenn ihr eine Idee „zu konstruiert“ erscheint oder die Diskussion über eine Kleinigkeit eine gefühlte Ewigkeit dauert, dann stoppt sie die mit einem: „Lasst uns doch einfach mal machen!“

„Ich hatte schon als kleines Kind meinen Willen“, erinnert sie sich. Schon mit vier wollte sie Ballettunterricht nehmen, der Opa spendierte ihn. Ungefähr in diesem Alter hatte sie auch ihren ersten großen Auftritt: mit dem Stern von Bethlehem. Beim Krippenspiel zog die Kinderschar durch die Kirche in Asperg, in der Kleinstadt bei Stuttgart wuchs sie auf. „Und wer stand in der Mitte mit dem Stern?“ Klar, die kleine Lara. Dabei haben sie die Eltern – beide Hauptschullehrer – gar nicht zum Theater verführt. Die Theater-AG im Gymnasium in Ludwigsburg besuchte sie, weil sie es „cool“ fand, „mit den Freunden Quatsch zu machen“. Aber sie brachte ihr schon einschneidende darstellerische Erfahrungen als Götterbotin, Cowboy oder Wackelpudding.

Da Ludwigsburg auch eine bekannte Filmakademie beherbergt, suchten Studenten Jugendliche für ein Casting – und wurden in der Theater-AG fündig: So drehte Lara Beckmann mit 16 ihren ersten Kurzfilm: eine Liebesgeschichte im Skate-Park. „Und dann war ich in der Kartei der Filmakademie“, kurz darauf auch als Nachwuchs in der einer Kölner Agentur. Einige Film- und Fernsehrollen folgten, vor allem Krimis. „Ich glaube, ich habe sämtliche Sokos durch“, sagt Lara Beckmann und lacht. Dabei reifte ihr Plan: „zuerst eine klassische Ausbildung, dann will ich Kinofilme drehen“. Aber der hat sich nach ein paar Monaten auf der Schauspielschule komplett gewandelt. Denn in Stuttgart wurde sie zur begeisterten Theatergängerin. Besonders Inszenierungen von Karin Henkel haben sie „geflasht“.

Das Leben als Kino-Star muss also erst mal warten. Aber auch Lara Beckmanns Theater-Karriere steht unter einem ganz guten Stern – sogar wortwörtlich. Bei ihren ersten Auftritten in Aachen – im furiosen Ich- und Stil-Hopping „Orlando“ und in der Mann-Novelle „Mario und der Zauberer“, die sie mit einem Song von Adriano Celentano röhrend startet – konnte man ihn schon hervorblitzen sehen: den Stern hinter ihrem rechten Ohr. Nein, kein Teil der Maske, sondern eine private Tätowierung. „Ein Liebesbeweis zwischen meinen zwei besten Freundinnen und mir“, erklärt sie. Kurz nach dem Abi gestochen. Damals begann auch die Beziehung zu ihrem Lebensgefährten, dem schwäbischen Rapper und Musikproduzenten Maeckes. „Im Mai sind wir acht Jahre zusammen“, rechnet Lara Beckmann vor. Wie Nora und Torvald? „Oh, Gott! Nein, nein!“, wehrt sie jede mögliche Parallele zu Ibsen schon im Ansatz lachend ab. Sie lebt ohne Trauschein, jetzt eine Fernbeziehung. Ihr Freund wohnt in Berlin, sie in Aachen.

Hier hat sie nicht ihr erstes Engagement, von 2011 bis 2013 war sie bereits im Ensemble der Württembergischen Landesbühne Esslingen, wurde mit Klassikern wie Effi Briest oder Schillers Luise zum Publikumsliebling. Aus dieser Phase stammt auch eine Selbstcharakterisierung: „Ich bin einfach ein sehr körperlicher Typ“, hat sie in einem Interview gesagt. Heute kann sie mit diesem Satz nicht mehr viel anfangen. Irgendwie bringt ein Schauspieler ja immer seinen Körper mit – oder? Aber sportlich ist sie jedenfalls: Ob Judo, Volleyball oder Snowboard, ihr Lebenslauf hat alles zu bieten, dazu neun Jahre Ballettausbildung. „Ich liebe Tanz!“, seufzt Lara Beckmann. Aber für Elektro-Partys im Autonomen Zentrum in Aachen hat sie nur selten Zeit. Und statt Zumba im Fitness-Studio trainiert sie für „Nora“ nun Samba.

An den „körperlichen Typ“ muss man auch denken, wenn man ihre Nacktszenen im Internet entdeckt, aus den Filmen „Küss mich tiefer“ und „Kirschrot“. Da knutscht sie mit Männern und Frauen. Mit bloßer Haut hat sie „kein Problem“, solange sie inhaltlich begründet sei. „Nackt auf der Bühne war ich aber noch nie“, meint sie. Auch als Nora nicht.

Und dann guckt sie plötzlich auf die Uhr. „Wir müssen auf die Ruhezeiten achten“, sagt sie. „Weil man – bei aller Leidenschaft für den Beruf – sehr viel Energie hergibt.“ Also, bevor sie mit ihrem Fahrrad in die sehr kurze Ruhezeit klappert, schnell noch eine Zigarette. Das Rauchen ist übrigens nicht Ursache für ihre Stimme, betont die Schauspielerin. „Schon als Kind klang die so rau.“ Das sei auch untersucht worden. „Meine Stimmlippen – oder waren es die Bänder? – schließen sich nicht komplett.“ Aber sie kann das professionell steuern, betont Lara Beckmann. Ein sehr reizvolles Switchen zwischen Zwitschern und Krächzen.

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