Sartre im Grenzlandtheater: Skurrile Perspektiven

Von: Svenja Pesch
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„Geschlossene Gesellschaft“: Im Grenzlandtheater beobachten die reiche Estelle, der Journalist Garcin und die Postangestellte Ines aus der Hölle das Gebaren ihrer Zeitgenossen. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Jetzt sind sie zusammen. Auf engstem Raum. Zu Lebzeiten sind sie sich nie begegnet, nicht einmal flüchtig. Und nun können sie nicht mehr raus. Aus einem Raum ohne Türen. Es ist die Hölle, allerdings nicht im christlichen Verständnis, viel mehr eine Hölle, von der man auf das Treiben der Erdenbürger und somit Hinterbliebenen blickt und merkt, dass man auch nach dem eigenen Tod keine Ruhe findet.

Mit dem Schauspiel „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre greift das Grenzlandtheater eine Thematik auf, die auch nach über 70 Jahren der Entstehung nichts an Aktualität verloren hat.

„Ehrliches Kammerspiel“

„Unsere neue Produktion zeigt ein sehenswertes und ehrliches Kammerspiel, in dem drei völlig verschiedene Leute nach ihrem Tod aufeinander treffen. Dabei geht es um Beziehungen und Verhältnisse, die wir mit anderen eingehen und hinterfragen“, erzählt Intendant Uwe Brandt. Für Regisseur Franz Mestre steht noch ein weiterer Aspekt im Vordergrund: „Das Stück ist deshalb aktuell, da die Frage, wie ich auf andere wirke und wie ich dementsprechend Beziehungen aushandeln kann, gerade in Zeiten von mitunter gestörter Kommunikation sehr präsent ist. In dem Stück entwickelt sich eine Dynamik und man erkennt sich in den Figuren und ihrem Handeln wieder.“

„Das ist kein Zufall“

Die reich geheiratete Estelle, der Journalist Garcin und die Postangestellte Ines beobachten nicht nur von der Hölle aus das Verhalten ihrer Hinterbliebenen, allmählich enthüllen sich ihre Lebensgeschichten, die all ihre Ängste, Sehnsüchte und Selbstlügen offen legen. Aber warum sind es ausgerechnet diese drei Menschen? Zufall? Schicksal? „Dieses Zimmer wartete auf uns, das ist kein Zufall“. Doch bevor die Plätze in dem kargen Raum verteilt werden, wird zuerst ein Blick auf die Erde geworfen. Gen auer: auf die eigene Beerdigung. „Wieso weint sie denn nicht? Sie war doch die beste Freundin. Die, die trotz größter Anstrengung keine Träne vergießt. Liegt bestimmt auch an der Wimperntusche“, so Estelles bittere Erkenntnis. „Die Hölle, das sind die anderen“, sagte Sartre einmal.

In der „Geschlossenen Gesellschaft“ wird das Resultat von verqueren und vergifteten Beziehungen deutlich. Doch wie kommt man aus dieser selbst geschaffenen Hölle raus, wenn einen die eigene Schuld quält? Fragen, die weitaus näher liegen, als man es zu Lebzeiten vielleicht vermutet.

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