RWTH-Studenten werfen einen kritischen Blick auf Karls Erbe

Von: Ines Kubat
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Zeigen, wie der Mythos Karl im Kriegsjahr 1914 einschlägig benutzt und auch missbraucht wurde: Manfred Sawallich, Leiter der Stadtbibliothek, und Sascha Penshorn vom Historischen Institut der RWTH Aachen (rechts) präsentieren die Ausstellung von Studenten im Medienzentrum an der Foto: Andreas Steindl

Aachen. Von großen Ausstellungen unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten über ein theatralisches Krimidinner im Marschiertor bis hin zu zahlreichen Vorträgen und musikalischen Darbietungen ist das Jahr 2014 in Aachen wahrlich von einer vielfältigen Erinnerung an das 1200. Todesjahr Karls des Großen geprägt.

Auch vor 100 Jahren wurde das Ende der ersten historischen Epoche des Deutschen Kaiserreichs anno 814 selbstredend gebührend gefeiert. Der Huldigung an Karl sollte der Beginn des Ersten Weltkrieges, der auch von Aachen aus seinen Anfang nahm, auf dem Fuß folgen. Doch noch Anfang 1914 gab es ein Festprogramm, bestehend aus einem Gottesdienst, einem großen Umzug durch die Stadt und einer besonderen Ausstellung.

Und da nun die Ereignisse des Karls-Jubiläums mit dem 100. Jahr nach Kriegsbeginn zusammenfallen, widmeten sich Studierende des Historischen Instituts am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der RWTH der Frage, inwiefern zur Zeit der Karls-Festlichkeiten bereits Vorboten eines drohenden Krieges spürbar waren.

Wird Karl ebenso dargestellt wie 2014? Oder werden ganz andere Eigenschaften und Taten des Frankenkönigs thematisiert? Antworten sind in Form einer Ausstellung unter dem Titel “...Mach unsere Zeit, wie deine zu herrlicher Tat bereit!” mit historischem Bildmaterial aus dem Jahr 1914 und einigen Texten ab sofort in der Stadtbibliothek an der Couvenstraße zu sehen.

Die Studenten haben dabei vor allem die „Lebenden Bilder“ aus dem Jahre 1914 untersucht – dies war eine besondere Art der Aufführung im Kurhaus in der Komphausbadstraße: Zu sehen waren vor einem aufwändigen Bühnenbild rund 30 Schauspieler in historischen Gewändern, die Szenen aus Karls Leben in Form eines Standbildes nachstellten. Zusätzlich schrieb Mundartdichter Will Hermanns zu dem jeweiligen Bild ein Gedicht, das bei den Aufführungen von Thea von Harbou rezitiert wurde.

Betreut wurde die „Performance“ von Stadtarchivar Albert Huyskens, für die Inszenierung war Herrmann Krahforst zuständig. Die Fotografien der „Lebenden Bilder“, die vier Mal präsentiert wurden, sind damals in einem Album festgehalten worden, das sich mittlerweile im Besitz der Universitätsbibliothek der RWTH befindet. Dieses Album diente den Studierenden als Hauptquelle für die jetzige Ausstellung in der Stadtbibliothek, die neben Fotografien und Gedichten zu den „Lebenden Bildern“ jeweils kurze Erklärungen und Interpretationen bietet.

Und obgleich die populäre Meinung noch immer sei, dass der Erste Weltkrieg so überraschend wie ein Unwetter hereingebrochen sei, wie der wissenschaftliche Mitarbeiter Sascha Penshorn erklärt, hätten die Untersuchungen der Studierenden in der Dokumentation der damaligen Karls-Darstellung ganz eindeutig eine aufkommende Kriegslust feststellen können. So sei Karl beispielsweise bei der Eroberung Pavias als brutaler und gnadenloser Anführer verherrlicht worden.

Aus dem dazugehörigen Gedicht stammt auch die Titelzeile der Ausstellung „Mach unsere Zeit, wie deine zu herrlicher Tat bereit!“, die Penshorn als besonderes Indiz für einen bevorstehenden Krieg liest. Auf einem anderen „Lebenden Bild“ wurde Karl als Diplomat dargestellt, der eine maurische Gesandtschaft empfängt und den Gästen in den Verhandlungen mit List und Verschlagenheit begegnet. Dies sei damals keineswegs kritisch betrachtet worden, sondern solle heute eher als Spiegel der damaligen wilhelminischen Realpolitik verstanden werden, erklärt Sascha Penshorn.

In einigen Gedichten werde Karl außerdem nicht mehr als Franke, sondern einfach als „Deutscher“ dargestellt, was geschichtlich falsch, nämlich in einer nationalistisch motivierten Vereinnahmung geschuldet sei, wie Privatdozent Rüdiger Haude betont. Dies deute auf einen Versuch hin, eine deutsche Kaisertradition zu konstruieren, die Wilhelm II. in seiner Herrschaft legitimiere, so Haude.

Von vielen Medien wie dem „Echo der Gegenwart“ wurden die „Lebenden Bilder“ vor hundert Jahren bejubelt. Aber es gab auch kritischere Stimmen, wie die Rheinische Zeitung, die die Inszenierung als eine zu starke Verherrlichung Karls beschrieb, die jegliche Kritik an den grausamen Taten des „Sachsenschlächters“ ausspare.

Die Ausstellung ist noch bis zum 12. April zu den Öffnungszeiten der Bibliothek frei zugänglich.

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