Aachen - RWTH-Labor prüft: Was ist im Glühwein drin?

RWTH-Labor prüft: Was ist im Glühwein drin?

Von: Robert Esser
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Rein wissenschaftlich: Experte Andreas Bednarz nippt vor der Laboranalyse am Glühwein. Foto: Michael Jaspers
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Wie viele Milliliter Glühwein fließen in den Becher? Andreas Bednarz (links) und Christoph-Maximilian Seidel messen auf dem Weihnachtsmarkt genau nach. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Alles Geschmackssache? Da schluckt der Wissenschaftler erst einmal, schüttelt den Kopf – und traut seinem Gaumen nicht. Nur die Labor-Analyse beweist, was wirklich im Glühwein steckt. In weißen Kitteln, mit Schutzbrillen und allerlei Messgeräten im Köfferchen zogen deswegen jetzt zwei Experten des Lehrstuhls „Aachener Verfahrenstechnik – Thermische Verfahrenstechnik der RWTH (AVT)“ in Begleitung der AZ über den Weihnachtsmarkt.

An jedem Glühweinstand flossen Stichproben in die Gerätschaften von Ingenieur Andreas Bednarz und Mitarbeiter Christoph-Maximilian Seidel. Überraschende Erkenntnis: Während der Preis für 0,2 Liter Glühwein bei sieben traditionellen Anbietern auf Markt, Krämerstraße, Münsterplatz und Katschhof seit Jahren stabil bei 2,50 Euro steht, schwanken Temperatur, Zuckergehalt, Kalorien und Alkoholgehalt erheblich. „Alle Proben lagen über dem gesetzlichen Mindestwert von sieben Volumenprozent Alkohol für Glühwein. Das ist erfreulich“, sagt Bednarz. Aber: „Die Bandbreite von 8,2 Prozent Alkohol in den Glühwein-Terrassen bis zu 12,4 Prozent ist schon erstaunlich“, fügt der Forscher hinzu. Dazwischen liegt immerhin pro Tasse der Alkoholgehalt eines Extra-Bierchens.

Wichtig zu wissen: Alkohol verdampft ab 78 Grad Celsius. Wenn der Glühwein also länger zu heiß im Kessel köchelt, geht‘s bergab – auch mit dem Geschmack. Und: Nach Messungen der RWTH verliert ein mit 70 Grad Celsius servierter Glühwein bei Außentemperaturen um den Gefrierpunkt in der Keramiktasse nach fünf Minuten schon zehn Grad, im Plastik-Thermobecher hingegen nur sechs.

Schneller zu trinken hilft da letztlich selten. Denn ganz abgesehen von der Menge: Glühweingenuss führt – entgegen manchem Vorurteil – keineswegs zwangsläufig zu Kopfschmerzen. Alles eine Frage der Qualität. „Zuweilen versucht man, den muffigen oder säuerlichen Geschmack von billigem Glühwein durch die Beigabe zusätzlichen Zuckers zu übertünchen“, erklärt Mitarbeiter Seidel. Eigentlich soll sonst nur Zimt, Zitronenschale, Sternanis oder Kardamon den glutroten Klassiker veredeln. So etwas kann das heiß geliebte Getränk (im Test zwischen 62 und 76 Grad Celsius Ausschanktemperatur) zu einer echten Kalorienbombe machen.

Die Laborergebnisse vom Aachener Weihnachtsmarkt sind diesbezüglich nach Auskunft der RWTH-Experten unauffällig. Nur im Glühwein der „Heißen Hütte“ stecken deutlich mehr als 200 Kilokalorien pro 0,2-Liter-Tasse – das entspricht etwa einem halben Cheeseburger.

Die „Diät-Variante“ serviert der Hexenhof auf dem Münsterplatz: Gerade mal 169 Kilokalorien zählen die zwei Spezialisten der Thermischen Verfahrenstechnik im Keramik-Teststiefel. „Bemerkenswert ist hier aber, dass der Stiefel nicht immer die versprochenen 200 Milliliter Glühwein enthielt“, sagt Bednarz.

Einige Glühwein-Anbieter – darunter Ratskeller-Gastronom Maurice de Boer, Hexenhof-Chef Alwin Fiebus und Marcel Schmitz vom Oecher Glühweintreff – setzen auf ganz individuelle Rezepturen. Neu in diesem Jahr und damit beim Labortest außer Konkurrenz geht der Bio-Glühwein von Schmitz über die Katschhof-Theke. Er erklärt: „Der stammt von über 20 Jahre alten Reben, wird nicht nachgezuckert oder aromatisiert.“ Die RWTH-Analyse zeigt, dass der Bio-Glühwein (3,50 Euro) bei einem Alkoholgehalt von 10,5 Volumenprozent tatsächlich nur 71 Gramm Zucker pro Liter aufweist – so wenig wie sonst keiner im Test. Die rekordverdächtige Stichprobe der Glühwein-Terrassen offenbarte über 125 Gramm Zucker auf 1000 Milliliter.

Am Rande des vorweihnachtlichen Testgeländes stach den Prüfern noch der mit 1,49 Euro spottbillige Glühwein am Sausalitos auf dem Markt ins Auge. „Die Laborwerte zeigten keine Auffälligkeiten“, erklärt Bednarz. „Der Rest ist eben Geschmackssache“, meint er. Um Massenware aus dem Discounter von feinen Köstlichkeiten auf dem Aachener Weihnachtsmarkt zu unterscheiden, muss man übrigens nicht unbedingt Experte sein. „Manchmal genügt schon ein Blick hinter die Theke. Wenn da ein plumper Plastikkanister steht, wird‘s wahrscheinlich kaum ein edler Tropfen aus eigener Herstellung sein“, sagt der Wissenschaftler. Statt dem Gaumen darf man dann ganz einfach seinen Augen trauen.

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