Rund 100 Helfer sind im Inda-Gymnasium im Einsatz

Von: Matthias Hinrichs
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Willkommen in Aachen: In etlichen Sprachen werden die Flüchtlinge im Inda-Gymnasium begrüßt. Foto: Andreas Steindl
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Rund 100 vielfach ehrenamtliche Helfer stehen am Dienstag teils bereits seit über 20 Stunden bereit, um den Asylsuchenden aus Albanien, Aserbaidschan, Syrien oder Nordafrika zur Seite zu stehen. Foto: Andreas Steindl
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In der Turnhalle müssen allein rund 120 Menschen in den ersten Nächten auf Etagenbetten oder Matratzen schlafen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Bashkim Begolli gehört zu den ersten ehrenamtlichen Helfern, die am Dienstagmorgen im Foyer des Inda-Gymnasiums bereitstehen, um die Menschen, die es nun so unversehens ins Dreiländereck verschlagen hat, willkommen zu heißen.

Auf seinem Hemd klebt ein Kreppstreifen mit der Aufschrift „SHQIP“, die albanische Bezeichnung für das Land auf dem Balkan, in dem Begolli vor 69 Jahren geboren ist. „Natürlich sind die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sehr aufgeregt und sehr erschöpft gewesen“, sagt der ehemalige Bauarbeiter und studierte Ökonom, der seit über 30 Jahren mit Ratsfrau Ellen Begolli verheiratet ist. „Aber sie waren sehr froh, dass sie erst einmal mit jemandem reden konnten, der ihre Sprache beherrscht.“ Auch seine Gattin spricht fließend Albanisch – und beantwortet die Frage nach ihrer Gemütsverfassung lachend mit einer Gegenfrage, auf Deutsch, versteht sich: „Ist es nicht faszinierend, wie fantastisch das alles hier klappt?“

Hilfsappell an alle Mitarbeiter

In der Tat: Viele der rund 100 Helfer, darunter zig Ehrenamtliche von Feuerwehr, Johannitern, DRK und Malteser Hilfsdienst, die in der Eingangshalle auf den nächsten Bus mit Asylsuchenden – Nordafrikaner, Syrer, Aserbaidschaner, Kurden – warten, sind an diesem Dienstagmittag bereits seit über 20 Stunden auf den Beinen. Trotzdem ist die Atmosphäre unter den zahlreichen Flaggen, die jetzt die Decke des Foyers schmücken, erstaunlich gelassen, fast heiter. „Wir haben am frühen Morgen sofort eine Rundmail an alle Verwaltungsmitarbeiter geschickt, um Dolmetscher und andere freiwillige Helfer zu aktivieren“, berichtet Evelin Wölk vom Presseamt. Mindestens ein Dutzend Übersetzer sorgen dafür, dass die ersten wichtigen Informationen auf Englisch, Französisch, Arabisch und Serbokroatisch problemlos übermittelt werden. In der Halle sind mehrere „Empfangstische“ aufgebaut, an denen die Ankömmlinge zunächst registriert werden – mittendrin studiert Sozialamtsleiter Heinrich Emonts die Listen mit Angaben über Namen, Geschlecht, Herkunftsländer, die erst vor wenigen Stunden aus dem Auffanglager in Dortmund übermittelt wurden.

Im Elternsprechzimmer gleich neben dem Schulportal werden die Flüchtlinge von Notärzten einem Gesundheitscheck unterzogen. „Wir haben dort auch eine kleine Quarantänestation eingerichtet“, erklärt Dr. Lothar Barth, der als städtischer Dezernent dafür Sorge tragen muss, dass der Notfallplan seit Montagfrüh möglichst reibungslos umgesetzt wird.

Notbetten aus Westfalen

Ein Kind sei mit Verdacht auf eine Hautinfektion sofort ins Klinikum gebracht worden. Dort konnten die Mediziner Entwarnung geben. Schon am Dienstag waren so zunächst 140 Flüchtlinge in den Klassenzimmern des Gymnasiums untergebracht worden – auf provisorischen Betten, die innerhalb weniger Stunden teils sogar aus dem Westfälischen herbeigeschafft wurden, wie Evelin Wölk berichtet. Weitere 160 Menschen werden bis zum späten Abend erwartet. Feuerwehr und zahlreiche Mitarbeiter des Studentenwerks haben schon am Montag in einer konzertierten Aktion hunderte Portionen mit Eintopf bereitgestellt und eine Küche vor Ort eingerichtet, um das erste Frühstück zuzubereiten.

Um 14.40 Uhr trifft der erste von drei Bussen aus dem Ruhrpott ein, die bis zum Abend am Gangolfsweg eintrudeln sollen. Barth empfängt die Passagiere, meist Afrikaner, darunter vor allem junge Männer, aber auch Frauen mit kleinen Kindern, mit einer kurzen Ansprache, bevor zunächst die Familien ins Haus geleitet werden. Bis zum Abend müssen rund 120 Menschen auf Matratzen oder in Drei-Etagen-Betten in der Turnhalle untergebracht werden, die übrigen werden in kleineren Zimmern der Schule einquartiert.

An einigen Tischen im hinteren Bereich des Foyers werden die ersten Kartenspiele ausgepackt, die von Anwohnern gespendet worden sind. „Die Hilfsbereitschaft ist schon jetzt enorm“, sagt Bezirksamtsleiterin Rita Claßen. „Jeder, der helfen möchte, kann sich an uns wenden, natürlich auch telefonisch über die Hotline 432-0.“ Inzwischen ist der Sitzungssaal des Amtes freigeräumt worden, um Platz zu schaffen für Kleider, Spielzeug, Decken. Nur Nahrungsmittel sind aufgrund von Infektionsgefahren tabu. „Schon Montagabend haben wir die direkten Nachbarn an der Haustür informiert. Es gab nicht die geringste Kritik“, erzählt Claßen. Auch der Nachbarschaftsverein Indella und die Pfadfinder hätten sich gemeldet, um zu helfen. Von einem kurzen, höchst unerfreulichen Zwischenfall berichtet indes Barth: Ein einzelner Mann habe vor dem Gymnasium gepöbelt und die Helfer beleidigt. Er wurde von der Polizei identifiziert und des Platzes verwiesen.

Bleibe im Bushof bald bezugsfertig

Nochmals versichert der Dezernent, dass die Schule zum Unterrichtsbeginn wieder voll zur Verfügung stehe. Allerdings sei man wohl gezwungen, erneut in die Turnhalle an der Barbarastraße auszuweichen, in der schon vor Monaten Flüchtlinge untergebracht waren. „Spätestens in 14 Tagen können wir 80 Menschen im Bushof aufnehmen, wo seit langem eigens Kapazitäten geschaffen worden sind“, erklärt Barth. Natürlich würden weitere Optionen jetzt mit Hochdruck ins Auge gefasst, etwa derzeit leerstehende Gewerbeflächen im Aachener Westen.

Über die akute Notlage, in welche auch die Stadt per Anordnung von höheren Ebenen gebracht worden ist, mag er sich offiziell nur mit einem Satz äußern: „Die europäische Politik ist in dieser Hinsicht auf jeden Fall stark reformbedürftig.“

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