Rothe Erde verschönert: Gemeinsam gegen Schmuddelecken

Von: Annika Kasties
Letzte Aktualisierung:
15078485.jpg
Gemeinschaftsaktion: Bei der Umgestaltung der Außenanlagen an der Robert-Koch-Straße sind auch die Kinder und Jugendlichen mit Besen und Handkehrer aktiv.

Aachen. Die Bank steht auf ihren Stelzen noch etwas wacklig, und die Löcher auf der Wiese müssen noch gefüllt werden. Doch Marc Bosch ist mit der Arbeit, die er mit seinen Kollegen in der Robert-Koch-Straße bereits geschafft hat, durchaus zufrieden.

Die Terrassenplatten vor dem Nachbarschaftstreff Proko des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SkF) sind erneuert worden. Am Ende des Tages dürften auch der neue Sitzbereich und die Holzliege fertig sein. Für den 34-Jährigen ist das Gefühl, eigenhändig etwas geschaffen zu haben, keine Selbstverständlichkeit.

Noch vor wenigen Monaten habe er von Garten- und Landschaftsbau herzlich wenig Ahnung gehabt, sagt der Langzeitarbeitslose. Dass der ehemalige Lagerarbeiter seine Tage nun mit Schaufel und Hammer an der frischen Luft verbringt und die Robert-Koch-Straße in Rothe Erde verschönert, liegt an „Biwaq“ (Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier). Und dem Jobcenter, das ihn vor acht Monaten an das mit EU- und Bundesmitteln geförderten Projekt vermittelt hat.

Eine Aufgabe und Struktur

„Biwaq“ verbindet nämlich zwei wichtige Anliegen: Arbeitsmarktförderung und Stadtteilentwicklung. Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge erhalten bei „Biwaq“ eine Aufgabe und eine Tagesstruktur. Und sorgen zudem dafür, dass die Schmuddelecken in Aachen-Ost und -Nord verschwinden.

Unter dem Motto „All Eyes on Green Spots“ (zu deutsch: Alle Augen auf grüne Flächen) gestalten die „Biwaq“-Teilnehmer im eigenen Wohnviertel Grünflächen und öffentliche Aufenthaltsräume im Freien. So nun auch unmittelbar hinter dem Bahnhof Rothe Erde an den Außenanlagen rund um die Häuser an der Robert-Koch-Straße 5-15.

Dort sollen nicht nur neue Sitzgelegenheiten den Bereich aufwerten. Bis zum Sommer kommenden Jahres werde zudem eine Grillecke, eine Boulebahn und sogar ein kleines Amphitheater im Hang entstehen, berichtet Myriam Rawak, Quartiersmanagerin des Stadtteilbüros Aachen-Ost/Rothe Erde. Es ist ein willkommener Gegenentwurf zum sonst eher tristen Erscheinungsbild der Straße.

„Wir wollen die Straße positiv nach vorne bringen“, sagt Marion Stickelmann vom SkF-Nachbarschaftstreff. Rawak spricht sogar von einer „versteckten Perle“, die mit Unterstützung von „Biwaq“ sichtbar gemacht werden soll. „Wir haben hier viele verschiedene Biografien und Kulturen auf engstem Raum“, sagte sie am Mittwoch bei der offiziellen Vorstellung des Projekts. „Es gibt hier viel ehrenamtliches Engagement. Egal wohin man schaut, die Menschen stehen zusammen und unterstützen sich.“

Doch fest steht auch: Die soziale Situation im Bereich Rothe Erde und insbesondere in der Robert-Koch-Straße ist problematisch. Das dicht besiedelte Wohngebiet ist gezeichnet durch hohe Arbeitslosigkeit, ein unterdurchschnittliches Haushaltseinkommen und ein niedriges Bildungs- und Qualifikationsniveau. Nicht zuletzt hatten auch die politischen und sozialen Verantwortungsträger des Ostviertels in der jüngsten Stadtteilkonferenz fehlendes gestalterisches Engagement für das Ostviertel bemängelt.

Vor allem der Vorplatz des Bahnhofs Rothe Erde, der gestalterisch abgeschlossen ist, stößt nach wie vor auf wenig Gegenliebe. Allein: Die Deutsche Bahn hat dieses Thema zu den Akten gelegt. Insoweit dürfte die aktuelle Verschönerung bei den Bewohnern des Viertels auf Begeisterung stoßen.

Die Vorbereitungen dazu laufen bereits seit Februar. In regelmäßig stattfindenden Workshops wurden Ideen gesammelt. Nun müssen diese nur noch von den Anwohnern angenommen werden. „Wir hoffen, dass hier ein neues Miteinander entsteht und die Menschen nicht mehr nur allein in ihren Wohnungen sitzen“, sagt etwa Biwaq-Projektleiterin Sabine Will.

Diesen Wunsch hat auch Wolfgang Offermann, der bei der Caritas für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. „Wir können soziales Lernen nicht erproben, wenn es keine Begegnung gibt“, sagt er insbesondere mit Blick auf die Bewohner der Notunterkünfte und des Don-Bosco-Hauses. „Wir betreuen Menschen, die Nachbarschaft zum Teil noch nie gelebt haben.“

Projekte wie „Biwaq“, in denen Anwohner ihr Umfeld aktiv selbst gestalten, geben den Menschen laut Offermann zudem „den Glauben an sich selbst zurück“. Deshalb werde sich auch das Don-Bosco-Haus im Rahmen der tagesstrukturierenden Maßnahmen mit ihren Bewohnern unterstützend um die nachhaltige Pflege des neu gestalteten Bereichs kümmern.

Jeder hat seinen Anteil

Aktiv beteiligt sind auch die Kinder und Jugendlichen rund um die Robert-Koch-Straße. Zumindest noch während der Sommerferien. So wie die zwölfjährigen Freundinnen Ehsan und Isha. Beim Befestigen der neuen Sitzgelegenheiten hätten die Mädchen den „Biwaq“-Teilnehmern zwar nicht helfen dürfen. „Aber wir haben auf der Terrasse Sand zwischen die Löcher der Steine gekehrt, damit sie nicht verrutschen“, sagt Isha, sichtbar stolz über ihren Anteil an der Verschönerung der Robert-Koch-Straße.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert