Roter Chip für eine Mahlzeit in der Wärme

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:
13642581.jpg
Ein Frühstück im Warmen: In der Franziska-Schervier-Stube sind Bedürftige immer willkommen. „Bezahlt“ wird mit einer ganz eigenen Währung – dem „Schervier-Taler“, der vor zehn Jahren eingeführt wurde. Foto: Harald Krömer
13642589.jpg
Früher eine Münze, heute ein Plastikchip: der „Schervier-Taler“. Foto: Harald Krömer

Aachen. Vorsichtig nippt der junge Mann an seinem Kaffee. Die weiße Porzellantasse umfasst er mit beiden Händen und führt sie langsam an seinen Mund. Nach dem ersten Schluck macht sich ein Lächeln auf seinem Gesicht breit.

„Wenn man morgens einen heißen Kaffee trinken kann, ist das Gold wert“, sagt er und lacht. Der Mann, nennen wir ihn Toni, sitzt an diesem Vormittag in der Franziska-Schervier-Stube an der Kleinmarschierstraße in der Aachener Innenstadt. Mütze und Schal hat er sich tief in sein leicht eingefallenes Gesicht gezogen.

Seit elf Jahren ist die Stube im zweiten Stock des Klosters, die Anfang der 2000er Jahre noch zur Ausbildung der Schwestern genutzt wurde, für ihn ein zweites zu Hause. „Hier kann man essen und sich mit anderen austauschen“, sagt Toni während er sein Brötchen mit einer Scheibe Käse belegt. Toni gehört zu den insgesamt 15,5 Prozent der Menschen in Aachen, die von Armut betroffen sind.

Ein Frühstück oder ein warmes Essen kann er sich nicht leisten. Die Mahlzeit in der Franziska-Schervier-Stube bekommt Toni allerdings nicht geschenkt. Er muss dafür zahlen: mit dem sogenannten Schervier-Taler, der jüngst seinen zehnten Geburtstag feierte.

Für 50 Cent können Aachener diesen in den Innenstadt-Filialen der Bäckerei Nobis erwerben. Menschen, die den roten Plastik-Chip erhalten, können dafür in der Franziska-Schervier-Stube frühstücken. Neben einer Tasse Kaffee gibt es auch Brötchen und Aufschnitt. Mittags wird zudem noch eine warme Suppe angeboten. Unter den Gästen sind Menschen ohne Arbeit oder einen festen Wohnsitz, Menschen, die einsam sind oder ein Suchtproblem haben. Mittlerweile gehören auch immer mehr junge Menschen zu den Gästen, sagt Schwester Veronika.

Täglich nehmen rund 70 Menschen das Frühstück in der Stube, deren Träger die Armen-Schwestern vom Heiligen Franziskus sind, wahr. Zu Spitzenzeiten waren es zwischen 100 und 120 Besucher pro Tag. Ist die Zahl der Bedürftigen in den vergangenen Jahren also zurückgegangen? Keineswegs, sagt Schwester Veronika. „Die Leute, die Hilfe brauchen, werden nicht weniger. Wir haben vermehrt das Problem, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich einfach nicht helfen lassen wollen.“

Vor zehn Jahren entstand die Idee zum Schervier-Taler. Bei einem Tag der Offenen Tür fragten Besucher die Schwestern, was sie den Menschen auf der Straße geben könnten. Geld komme für viele nämlich nicht in Frage, sagt Schwester Veronika.

Zunächst gaben die Schwestern Papier-Gutscheine für ein Frühstück im Kloster aus. Doch diese Idee wurde schnell wieder verworfen. „Zu dieser Zeit kamen die ganzen Copy-Läden in der Innenstadt auf und viele Obdachlose haben die Gutscheine dann dort einfach kopiert“, sagt Schwester Veronika.

In Zusammenarbeit mit der Bäckerei Nobis entwickelten die Schwestern die Idee, Taler prägen zu lassen. Auf der Vorderseite ist zu lesen: „1 Frühstück“. Auf der Rückseite ist das Klostertor abgebildet. Dort habe man bis vor zehn Jahren die Bedürftigen mit einer warmen Mahlzeit versorgt.

Nachdem sich jedoch immer weniger Frauen für ein Leben im Kloster entschieden, wurden die Räume in der zweiten Etage umfunktioniert. Vor den hellgelben Wänden finden rund 30 Bedürftige Platz. Doch nicht nur das Kloster hat sich in den vergangenen Jahren verändert, sondern auch der Schervier-Taler. Die silbernen Münzen wurden in einer zweiten Auflage dünner und in einer dritten Auflage golden.

Die Taler kamen zwar bei Spendern und Bedürftigen gut an. Es gab jedoch auch ein Problem: Denn nicht jeder verkaufte Taler fand auch den Weg zurück ins Kloster an der Kleinmarschier-straße. „Die Leute haben zwar Taler gekauft, aber nicht jeder wurde eingelöst.

Viele haben sie als Sammler-Stücke betrachtet“, sagt Schwester Veronika und fügt hinzu: „Unter den Obdachlosen wurde deshalb auch reger Handel damit betrieben. Sie haben die Taler gegen Zigaretten oder andere Dinge getauscht und das war nicht der ursprüngliche Sinn der Aktion.“ Mittlerweile sind die Münzen roten Plastik-Chips gewichen. Aber warum müssen die Bedürftigen in der Franziska-Schervier-Stube überhaupt zahlen? „Das hat etwas mit Menschenwürde zu tun. Viele denken, wenn es nichts kostet, dann ist es auch nichts wert“, sagt Schwester Veronika.

Toni findet das Konzept gut. „Wenn man Geld bekommt, dann verwendet man es oft für die falschen Sachen“, weiß er aus eigener Erfahrung. Mehrere Jahre hat er auf den Straßen Aachens gelebt und vor Bäckereien in der Innenstadt gebettelt. Den Schervier-Taler habe er durch einen Zufall kennengelernt. „Als ich vor einer Bäckerei gesessen habe, hat mir auf einmal jemand diesen Taler in die Hand gedrückt, und dann bin ich einfach mal hier hingegangen“, sagt Toni.

Dass sich das Angebot schnell in Aachen herumspricht, weiß auch Schwester Veronika. Es sind jedoch nicht nur Bedürftige, die die Stube aufsuchen. „Bei uns muss man nicht nachweisen, dass man bedürftig ist“, sagt Schwester Veronika.

Auch Studenten oder Berufstätige hätten schon versucht, ein Frühstück zu bekommen. „Ein oder zwei Mal habe ich das durchgehen lassen, habe mich zu den Leuten gesetzt und herausgefunden, dass sie gar keine Hilfe brauchen. Als sie dann ein weiteres Mal kamen, habe ich sie darauf angesprochen und ihnen gesagt, dass sie den Platz eines Bedürftigen belegen. Das haben sie dann auch verstanden“, sagt Schwester Veronika.

Zum zehnjährigen Geburtstag des Talers wird es keine besondere Aktion geben. Einen Wunsch hat Schwester Veronika dennoch: „Es gibt noch immer viele Menschen, die noch nie vom Taler gehört haben. Das muss sich ändern.“

Und Toni? Er hat sein Frühstück beendet und gönnt sich noch eine Tasse Kaffee. Im Winter sei eine Anlaufstelle wie die Franziska-Schervier-Stube besonders wichtig, sagt er während er seinen dicken Schal noch ein wenig enger um den Hals schlingt und nach draußen schaut, wo der Regen langsam über die Fensterscheiben rinnt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert