Roncalli rollt auf Schienen nach Aachen

Von: Thorsten Karbach
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Auf viele Schultern verteilt:
Auf viele Schultern verteilt: Etwa 80 Arbeiter sorgen dafür, dass das große Zelt mit 36 Metern Durchmesser mitsamt dem Zirkusdorf bis Freitag auf dem Bendplatz bereitsteht. Der Umzug vom Blücherplatz war nötig, weil dort für Florian Richters Pferde kein Auslauf war. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Franz-Josef Oberhäuser ist nicht der Typ, der großen Zirkus veranstaltet. Besonnen blickt er über das alte Gütergleis am Westbahnhof, wo ein Zug in sein Blickfeld fährt. Oberhäuser ist kein Jongleur oder Artist, und doch ist er so etwas wie der erste große Künstler, der mit dem „Circus Roncalli” in die Stadt kommt.

Auch wenn er eigentlich Rangierer aus Stolberg ist. Denn mit seiner Fernsteuerung manövriert er die 80-Tonnen-Lokomotive so, das der Zug mit dem Dutzend Waggons, auf denen die nostalgischen Roncalli-Wagen stehen, sanft an die Rampe rollt. Mit einem leichten Ruck kommt die 1360-PS-Lok zum Stehen. Ohne Trommelwirbel, ohne Applaus. Dafür drückt Oberhäuser einen Knopf, und die Lok pfeift.

Es ist immer eine kleine Zeitreise, wenn Roncalli mit der Deutschen Bahn in die Stadt rollt. Denn die 80, 90 Jahre alten Zirkuswagen - einst gewiss nicht für die Autobahn gebaut - verleihen dem Zug den Charme eines rollenden Museums. Auch wenn der aus Bonn und nicht aus einer Ausstellungshalle kommt. 750 Meter ist der Zug lang, in drei Fuhren holt Oberhäuser dann die 35 Zirkuswagen an die Rampe. „Normale Arbeit” sei das. „Ist halt nur eine andere Ladung”, sagt er. Am Stolberger Bahnhof kommen in der Regel Schotter, Kupferplatten oder Eisen an. Am Aachener Westbahnhof ist es jetzt vor allem ganz viel Zirkusluft.

Am Freitagabend ist Premiere. Dann steht es in ganzer Pracht auf dem Bendplatz, das große Zirkuszelt. 36 Meter Durchmesser hat es, 1500 Sitzplätze zählt es. Über sechs Kilometer Elektrokabel und drei Kilometer Wasserleitungen werden verlegt, 100 Anker in den Boden gerammt, 10.000 klassische Glühlampen angeschlossen. Die hat Bernhard Paul nach dem EU-Verbot massenhaft gebunkert. Rundherum wächst das Zirkusdorf. Die Wagen - allesamt liebevoll in den Roncalli-Werkstätten in Köln restauriert - kommen an.

„Blücherplatz passt besser”

Praktisch für die Logistik ist der Bendplatz als Standort für Zelt und Manege ganz gewiss. Andernorts muss Roncalli 35 Kilometer zwischen Bahnhof und Bühne überbrücken. Auch zum Blücherplatz müsste der Tross einmal quer durch die Stadt. Vom Westbahnhof zum Bendplatz ist es kaum mehr als der sprichwörtliche Steinwurf. Doch Logistik ist nicht alles im Hause Roncalli. Pressesprecher Harald Ortlepp stemmt die Hände in die Hüften und sagt: „Der Bendplatz ist praktischer, aber der Blücherplatz passt besser zu Roncalli. Wir sehen unsere Zukunft auch wieder auf dem Blücherplatz.” Die Ausnahme wurde gemacht, weil das Programm mit Florian Richter um eine preisgekrönte Pferdenummer bereichert ist. Und für die Pferde reicht der Blücherplatz nicht aus. Die 16 edlen Vierbeiner kommen übrigens nicht per Bahn, sondern mit dem Laster.

Zirkuswagen um Zirkuswagen wird mit einem roten Traktor - Hanomag brillant 600 - von den Waggons gezogen. Oberhäuser verfolgt das Spektakel. „Ich könnte auch in der Lok eine Tasse Kaffee trinken, aber ich schau mir das mal an”, sagt er. Roncalli ist der einzige Zirkus in Deutschland, der immer noch mit der Bahn fährt. Das gehört zum nostalgischen Bild, das Bernhard Pauls Zirkus gern abgibt.

Keine Revolution

„Roncalli ist Roncalli und bleibt Roncalli. Ein Zirkus, den es so vielleicht nicht gegeben hat, aber den sich die Menschen so immer erträumt haben”, erzählt Ortlepp. „Es würde nichts bringen, Roncalli zu revolutionieren.” Und so laufen die Vorbereitungen in bewährter Manier. Weil Oberhäuser den leeren Zug mit der Fernbedienung wieder abfahren lässt und die letzten Zirkuswagen holt.
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