Römisches Forum unter dem Hof

Von: Oliver Schmetz
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So ähnlich hat das römische Forum in Aachen ausgesehen: Stadtarchäologe Andreas Schaub erklärt anhand von Fotos aus Pompeji die jüngsten Aachener Ausgrabungen im Hof. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Wie gut, dass die Stawag unter dem Hof ihre Kanäle saniert. Und das nicht nur, weil die alten Schätzchen aus dem Jahr 1890 eigentlich schon lange museumsreif waren, sondern auch, weil man im Zuge dieser Baumaßnahme so langsam, aber sicher Museen mit noch viel älteren Schätzen füllen kann.

Denn der technische Sanierungsfall ist ein historischer Glücksfall für die Stadtarchäologie – schließlich dürfen die Forscher bereits seit mehr als einem Jahr nach Herzenslust mitten in einem eingetragenen Bodendenkmal buddeln.

Und das mit Erfolg: Nach den jüngsten Funden ist sich Stadtarchäologe Andreas Schaub mehr denn je sicher, dass Aachen in römischer Zeit „kein kleines Kaff, sondern durchaus nicht unbedeutend war“. Tief unter dem Hofpflaster hat man nämlich deutliche Spuren eines riesigen Platzes entdeckt, genauer gesagt eines „Forums“. Schaub geht davon aus, dass der Platz mit mehr als 6000 Quadratmetern Fläche größer als der heutige Katschhof war und neben einer Therme und einem Tempel, deren Spuren man schon lange kennt, auch politisch-administrative Einrichtungen beherbergte. Ausgegraben hat man außerdem Reste von Ladenzeilen, deren Wandverputz teils sehr hochwertig mit Mustern und Blattornamenten bemalt war, sowie tausende von Dachziegelbrocken.

Markanteste Fundstücke sind jedoch zwei knapp 400 Kilo schwere Steinblöcke, die einst als Bogensteine in den Säulenarkaden gedient haben, deren Kopie heute noch den Hof ziert. Schaub ist begeistert davon, an dieser Stelle zum ersten Mal seit 50 Jahren wieder solche Relikte ausgegraben zu haben, und erhofft sich viele weitere Erkenntnisse: „Wir können jetzt herausfinden, wann diese Architektur zerstört wurde und ob Karl der Große das vielleicht noch gesehen hat.“ Schließlich wisse man mittlerweile, dass die Karolinger noch einige römische Gebäude genutzt haben.

Hauptort einer „civitas“?

Die deutlichen Spuren eines großen römischen Forums unter dem Hof werfen aber auch ein neues Licht auf das römische Aachen. Denn dieses war offenbar nicht nur ein kleines Entmüdungsbad für ermattete römische Legionäre. Der große Platz, dessen frühere Eckpunkte Schaub heute ungefähr vor dem Domkeller, vor der Mayerschen Buchhandlung, bei Nobis am Münsterplatz und Moss an der Krämerstraße verortet, deute eher darauf hin, dass Aachen Hauptort einer „civitas“ gewesen sei, was man mit einem heutigen Regierungsbezirk vergleichen könne. „Zwischen Maas und Rhein dürfte Aachen so ziemlich der größte Ort gewesen sein, gleich in der Kategorie unter den großen römischen Siedlungen wie Xanten, Köln oder Trier“, meint Schaub.

Der bedeutsamste Einzelfund, den die Archäologen in den vergangenen Wochen unter dem Hof gemacht haben, ist allerdings winzig klein – und wurde sogleich ins Bonner Landesmuseum gebracht, wo er im Oktober als „Fund des Monats“ ausgestellt ist: Es handelt sich um eine sogenannte „Gemme“, ein nur wenige Zentimeter großes ovales Schmuckstück, das wohl einmal einen Ring verziert hat. Abgebildet ist auf der Miniatur eine winzige Gottheit des guten Gelingens. „Wahrscheinlich war das eine Art Glücksbringer“, vermutet Grabungsleiter Joachim Meffert. Einen solchen könnte man im Gegensatz zu den rundum glücklichen Archäologen mittlerweile eher der Stawag wünschen, deren Sanierungsprojekt wegen der vielen archäologischen Funde ziemlich in Verzug geraten ist.

Wolfgang Raabe, bei der Stawag verantwortlich für Netzplanung und Bauleitung, bleibt gleichwohl gelassen – auch wenn man von den 160 Metern Kanälen, die in fünf Metern Tiefe verlaufen, in bergmännischer Manier – also unterirdisch – gerade einmal zehn Meter saniert hat. „Wir hoffen, dass es jetzt etwas zügiger voran geht“, sagt Raabe, „und rechnen noch mit elf bis zwölf Monaten Bauzeit.“ Dann wären die museumsreifen Kanäle nach mehr als zweijährigen Arbeiten Geschichte – und nebenbei wäre auch noch ganz viel Geschichte ans Tageslicht gekommen.

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