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„Rock your Life!“: Coaches gucken, wo der Schuh drückt

Von: Stefan Herrmann
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Den Schulabschluss schaffen, kleine Alltagsprobleme lösen: Student Benedikt Heuer (r.) hilft „seinem“ Hauptschüler Samed Yikilmazdag in den kommenden zwei Jahren als Coach. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Bei Samed Yikilmazdag und Benedikt Heuer stimmt die Chemie. Dabei scheint es bei den beiden auf den ersten Blick gar nicht viele Gemeinsamkeiten zu geben. Der eine – Samed – ist 15 Jahre alt, geht auf die reformpädagogische Sekundärschule Dreiländereck, der andere – der 24-jährige Benedikt – studiert Maschinenbau an der RWTH. Das Projekt „Rock your Life!“ (RYL!) hat sie vor wenigen Wochen als Coaching-Paar zusammengeführt.

Eine echte Win-win-Situation, finden die beiden. Vor allem Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien sollen mit dem ehrenamtlich tätigen Coach an ihrer Seite den Sprung von der Schule ins Berufsleben schaffen. Und die Studenten sammeln schon im Studium eine Menge soziale Kompetenzen. Dafür steht „Rock your Life!“. Bei Samed und Benedikt funktioniert das bisher richtig gut – ganz unkonventionell zwischen Kaffee, Klettern und Gewichten stemmen.

Mentorenprojekte gibt es in Aachen eine ganze Menge. Ob für Grund-, Hauptschüler oder junge Erwachsene – die Angebotspalette ist groß. „JuTe – Jugend trifft Erfahrung“ des Caritasverbands richtet sich zum Beispiel an Grundschüler. Mit über 60 Mentoren ist JuTe derzeit an 22 Aachener Schulen aktiv. Das kann dann so aussehen, dass ein Mentor bei einem Schüler mit im Unterricht sitzt und individuell und anschaulich hilft, das kleine Einmaleins zu lernen. „Rock your Life!“ verfolgt ein anderes Konzept. Was alle gemeinsam haben: Sie sind Teil des im Sommer gegründeten Aachener Mentorennetzwerkes.

Beim Kaffeetrinken haben sich Benedikt und Samed besser kennengelernt. Beide interessieren sich für Fußball und Autos, gehen gerne ins Fitnessstudio. „Da wollen wir bald mal zusammen hin“, erzählt der Student. Ebenso sei ein Besuch in der Kletterhalle geplant. Samed nickt. Knapp zwei Jahre lang wird der Student nun als Coach in (fast) allen Lebenslagen für Samed da sein. Einmal pro Woche treffen sie sich, reden über Sameds Berufswunsch („Ich möchte Steuerberater werden.“), welche Praktika er dafür machen muss, wo es in der Schule gerade hakt. „Aber halt auch über andere Themen, zum Beispiel über Mädels“, sagt Benedikt mit einem Augenzwinkern.

Eines ist der Maschinenbaustudent aber nicht, betont er: ein reiner Nachhilfelehrer. „Ich möchte Samed helfen, damit ihm der Schritt von der Hauptschule in eine Ausbildung gelingt“, sagt der 24-Jährige. Mit diesem Ansatz ist die Initiative „Rock your Life!“ 2009 in Friedrichshafen an den Start gegangen. Über 30 Standorte gibt es mittlerweile in Deutschland, seit Frühjahr 2011 auch in Aachen. Die studentischen Coaches werden für ihre Patenaufgabe im Vorfeld geschult. Es finden weitere Treffen und Seminare statt – ein Rundum-Paket für Studenten und Schüler gleichermaßen.

Heinz Zohren möchte den Wert von Mentorenprojekten stärker in den Köpfen der Aachener verankern. Der Austausch unter den verschiedenen Initiativen ist für den Familienbeauftragten der Stadt ein erster Schritt. „Die Mentoren sind so etwas wie ein persönlicher Coach. Sie schauen: Wo drückt der Schuh?“, ergänzt Koordinatorin Ingrid Deutz-Bergrath vom Büro für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement.

Gesucht werden Menschen, die sich gerne ehrenamtlich engagieren, die jungen Menschen unter die Arme greifen wollen. Die Lage sei so, betont Björn Gürtler vom städtischen Presseamt, dass der Staat im Bildungsbereich nicht jede (individuelle) Betreuung und Unterstützung leisten könne. Mentorenprojekte können da wichtige Hilfe leisten.

Demografischer Wandel als Chance

Doch was können solche Initiativen wie das von Studenten ins Leben gerufene Rock your Life oder JuTe leisten? Wo liegen möglicherweise noch ungenutzte Potenziale? Im demografischen Wandel, glaubt Zohren. Die Zahl der Über-65-Jährigen in Aachen ist von 36.000 im Jahr 1990 auf aktuell 44.000 gestiegen. „In dieser Gruppe sind viele Menschen dabei, die Lust haben etwas zu machen“, glaubt Zohren. Und damit meint der Familienbeauftragte der Stadt nicht nur pensionierte Lehrer. Man brauche Bildungspaten aus allen Bereichen: Handwerker, Ingenieure, Kaufleute. Aber ebenso junge Leute wie Benedikt.

Der macht zum ersten Mal als Coach bei Rock your Life mit. „Ich finde es richtig stark, wie engagiert die Schüler hier alle sind“, sagt er. An Neuntklässler Samed habe ihn direkt beeindruckt, dass er ein konkretes Berufsziel habe. Nun müsse Samed „nur“ noch ganz nach dem Projekt-Motto die Schule rocken, dann hat er keine schlechte Chancen, glaubt Benedikt Heuer.

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