Risse in den Mauern, Löcher in der Kasse

Von: Thorsten Karbach
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Erstrahlt in frischem Glanz: Die Korneliuskapelle ist bereits saniert worden. das hat 240 000 Euro gekostet. Die Liste der anstehenden Arbeiten in der Propsteikirche ist freilich noch lang. Foto: Michael Jaspers

Kornelimünster. In den Häuptern der Engel hatten sich tiefe Risse gebildet, dem Heiligen Kornelius ist die rechte Hand abgefault, Paulus fiel das Schwert aus der linken und im Dachstuhl hat sich der gescheckte Nagekäfer mit roten, braunen und gemeinen Artverwandten eingenistet.

Unterm Strich steht ein massiver Sanierungsstau an der Propsteikirche St. Kornelius im historischen Ortskern an der Inde. Und vor Propst Ewald Vienken, Architekt Hans-Martin Lützenburg und Kirchenvorstand Andreas Wienand die Herausforderung, bis Juni 2014 möglichst viele Baustellen erfolgreich abgeschlossen zu haben – und das mit begrenzten Mitteln.

Denn im Juni 2014 wird nicht nur im Aachener Dom die Heiligtumsfahrt Pilger von nah und fern anziehen. Vor sieben Jahren zählte Dompropst Vienken rund 10 000 Gläubige, die den Weg ins Inde-städtchen fanden, um Schürztuch, Grabtuch und Schweißtuch Jesu sowie die Reliquien des Papstes Kornelius zu sehen. Die sollen nächstes Jahr nicht vor Bauzäune laufen. Und in Aachen wie in Kornelimünster ist es ein besonderes Jahr für die Heiligtumsfahrt. In Aachen wird groß das Karlsjahr zum 1200. Todestag des Kaisers gefeiert. In Kornelimünster zelebrieren sie den Nachfolger Ludwig den Frommen, der nämlich vor 1200 Jahren das Benediktinerkloster in Kornelimünster gründete – und damit die Grundmauern der heutigen Propsteikirche errichten ließ. „Was für Aachen das Karlsjahr ist, das ist für Kornelimünster das Ludwigsjahr“, sagt Vienken.

Zelebriert werden soll dies mit einer Ausstellung in der alten Reichsabtei und einer Aufführung des Paulus-Oratoriums von Felix Mendelssohn Bartholdy. Doch das muss bezahlt werden – während hunderttausende Euro in die alten Kirchenmauern und vor allem den Dachstuhl wandern müssen. So frisst die Sanierung ein tiefes Loch in die Kasse der 2300-Katholiken-Gemeinde und städtische Fördermittel für die 1200-Jahr-Feier der Kirche wurden bislang nicht zugesagt. Nächste Woche Mittwoch wird Vienken seine Pläne zum Fest in der Bezirksvertretung vorstellen –mit der Bitte um finanzielle Hilfe. „Bislang haben wir noch nicht mal eine vage Zusage – das ist schon ein bisschen traurig.“

An der fünfschiffigen Kirche kann nicht gespart werden. „Sie ist ein Schatz, den wir gerne öffnen“, sagt Vienken. Doch um im Bild zu bleiben: Dieser Schatz hat über die Jahrhunderte tiefe Kratzer erlitten. Jede Epoche hat dabei Spuren hinterlassen, immer wieder wurde an- und aufgebaut. Die Sakristei ist aus den 1960ern, der Zelebrationsaltar erst aus diesem Jahrtausend. Doch je älter die Substanz, umso größer ist die Herausforderung für Architekt Lützenburg.

Rechte Hand abgefault

Bereits saniert ist die Korneliuskapelle. Steine bröckelten, ein vier Meter langer gebogener Eichenbalken musste ausgetauscht werden. 240 000 Euro hat all das gekostet, 60 000 Euro hatte das Land übernommen, 108 000 das Bistum. Den Rest die Gemeinde. Seit September nun erstrahlt die Kapelle in frischem Weiß. Die Ochsenaugenfenster sind neu verglast. Auch dem Heilige Kornelius geht es wieder besser. Er war ganz blau im Gesicht geworden – kein gutes Zeichen. Schimmel. Seine rechte Hand war abgefault. Nun sieht er wieder prächtig hergerichtet aus. Doch auch das hat 25 000 Euro gekostet. Ein paar Meter weiter fiel Paulus das große Schwert aus der faulenden Hand. Nun hat er es wieder sicher.

Eine neue Heizung soll all dies in Zukunft verhindern. Die hohe Feuchtigkeit ist an der Inde Geschichte. Das hat die Gemeinde allerdings 200 000 Euro gekostet. „So etwas ist immer ein Kraftakt“, sagt Andreas Wienand. Der Bauingenieur zählt zur ehrenamtlichen Verwaltung der Gemeinde und hat die sprichwörtlichen Fäden in der Hand, wenn ein Gerüst in der Kirche gesetzt werden muss.

Die Liste der Ecken, die die Bauleute anpacken müssen, ist weiter lang. Der Blick geht zunächst nach oben. Kreuze in den Eichenbalken des Dachstuhls zeigen, wo der Nagekäfer – der auch schon im Dom wütete – seine Spuren oder besser Gänge hinterlassen hat. Die Statik ist laut Architekt gefährdet. Auch weil das Dach immer wieder verändert wurde. Im Hochmittelalter hatte es noch eine flache Kassettendecke. Doch schwerer wiegt der kleine Käfer. Wienand hat ein Stück Fußpfette, also einen waagerechten Träger in der Dachkonstruktion, gefunden, der komplett durchlöchert wurde. Und auf diesem – das ergab eine Messung – lasteten 8,5 Tonnen. „Ein gefährlicher Zustand. Statisch war dieses Holz nichts mehr wert“, sagt der Bauingenieur.

Es ist schon ein Kreuz mit diesem Schädling, denn es sind viele Kreuze in dieser Kirche. Dabei kommt er quasi aus Kirchenbeständen: aus dem Klauser Wäldchen, das ebenso wie Bergkirche, Antoniuskapelle, Klauserkapelle zum Besitz der Propstei zählt. Mangels totem Eichenholz im Wald wandert der Kilometer auf der Suche nach Nahrung. Und findet sie im Dachstuhl. Eine ganz eigene Art des Pilgertums.

Zigtausende selber stemmen

Noch im Frühjahr sollen die Arbeiten beginnen. 250 000 Euro wird die Sanierung des Dachstuhls wohl kosten. 50 000 Euro kommen dabei von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, weitere Mittel von Land und Bistum. Doch 60 000 Euro muss die Gemeinde am Dachstuhl selber stemmen. Und gleichzeitig die Reparaturen an der Heiligtumskapelle mitfinanzieren. Dort ist der Tuffstein derart aufgelöst, dass die Bleiverglasung keinen Halt mehr findet. Bauzäune schützen die Kirchgänger. Aktuell werden Angebote für die Steinmetzarbeiten geprüft, auch hier muss mit Kosten von 60 000 bis 80 000 Euro gerechnet werden. Und hinter dem Altar muss dringend ein Gerüst montiert werden. Dort sind Steine zu Boden gegangen.

Die Probleme werden nicht größer. Eigentlich müsste 2014 das Kircheninnere mit den hochgotischen Ausmalungen in den Fokus rücken. Doch das Bistum fördert nur die Erhaltung der Bausubstanz und das Land hat angekündigt, 2014 keine Kirchen mehr zu unterstützen. „Wenn wir nichts mehr bekommen, dann weiß ich nicht, wie wir das Innere angehen wollen. Das wäre eine Überforderung“, erklärt Lützenburg.

Gerne würde sich Vienken im Bistum eine Sonderposition wünschen, wie sie der Dom, aber auch Kloster Steinfeld in der Eifel innehat. „Da müsste es eine andere Einordnung geben“, sagt er. Doch die ist nicht in Sicht. Und die Bauarbeiten müssen unter den aktuellen Umständen gemeistert werden.

Das Ziel ist dabei klar: 2014 zur Heiligtumsfahrt, wenn die 1200 Jahre alten Mauern mehr denn je wie ein Magnet auf Pilger und Wallfahrer wirken, soll keiner vor ein Baugerüst laufen. Und keine Schwerter und Steine auf Gläubige fallen.

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