„Ride of Silence“: Beeindruckende Mahnung zur Rücksicht

Von: Matthias Hinrichs
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Ungewöhnlicher Moment der Trauer: Nach dem Korso durch die Stadt versammelten sich rund 400 Radfahrer am Hansemannplatz, um der vor drei Wochen tödlich verünglückten jungen Frau – und mit ihr den zahlreichen Opfern im täglichen Verkehr – zu gedenken. Foto: Andreas Herrmann
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Weiße Luftballons und klare Botschaften: Auch die Jüngsten verliehen den Forderungen der radelnden Demonstranten am Mittwoch Nachdruck. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Normalerweise transportiert Dr. Jan van den Hurk auf seinem Rad allerlei gewichtige Dinge des Alltags. Platz für ein paar Limokisten oder diverse Pakete Blumenerde bietet die kleine Ladefläche des ziemlich speziellen Gefährts, made in Kopenhagen locker.

Diesmal allerdings chauffiert van den Hurk einen symbolischen Miniatursarg durch die City. „Aachener Fahrradfahrer“ liest man darauf – traurige Erinnerung an die schlimmsten von hunderten Radunfällen, die sich alljährlich auf den Aachener Straßen ereignen.

Nach dem tragischen Tod einer jungen Frau, die vor drei Wochen am Hansemannplatz mit ihrem Velo unter einen Bus geraten ist, hat der 37-Jährige allein über die Sozialen Medien rund 130 Anmeldungen zur Premiere des „Ride of Silence“ im Dreiländereck erhalten.

Am Startpunkt vor dem Hauptbahnhof parken rund doppelt so viele Drahtesel. Viele Demo-Teilnehmer tragen weiße T-Shirts, um ihre Trauer zum Ausdruck zu bringen. „Wir wollen ein Zeichen setzen für Sicherheit und Rücksicht“, sagt van den Hurk. So wie es Abertausende in mittlerweile 440 Städten auf dem Globus am dritten Mittwoch im Mai tun.

Nachdem sich die Drahtesel-Kolonne pünktlich um 19 Uhr in Bewegung gesetzt hat, werden sich ihr noch viele anschließen. Rund 400 Menschen strampeln schließlich mit, schätzt die Polizei. Am Marschiertor vorbei steuert der Korso, permanent gesichert durch Beamte in Streifenwagen und auf Motorrädern, über Boxgraben, Karmeliter- und Franzstraße den westlichen Grabenring an bis hoch zum Ponttor.

Über Turm- und Junkerstraße geht es weiter zur Vaalser Straße und zur Schanz. Dort wurde ein 57-jähriger Radfahrer am 11. September 2016 von einem Autofahrer erfasst, der die Vorfahrt missachtet hatte. Der Radfahrer erlag seinen schweren Kopfverletzungen eine Woche später. Einen Helm hatte er nicht getragen.

An der Unfallstelle legt die ungewöhnliche Trauergemeinde die erste Gedenkminute ein. Noch immer erinnert, ebenso wie am Hansemannplatz, ein weiß gestrichenes Fahrrad – ein „Ghostbike“ – an das tragische Geschehen jenes Nachmittags. Ob es mehr Eindruck macht auf den einen oder anderen hektischen Pkw-Lenker als der Blechpolizist und die Stoppschilder, die dort inzwischen zur besonderen Vorsicht mahnen?

„Leider hat die Polizei festgestellt, dass die Beschilderung bislang nicht viel bewirkt“, hatte van den Hurk kurz vor Beginn des „Ride of Silence“ erzählt. Mittlerweile ist daher auch eine asphaltierte Schwelle auf die Fahrbahn gesetzt worden, um Autofahrer zum Tritt auf die Bremse zu bewegen.

Plötzlich weicht die Stille dem Klang von zig Fahrradklingeln, unheimlich und bewegend zugleich, ein letzter Gruß an einen Toten, der wohl leider nicht zum letzten Mal ertönen wird. Auch nicht an diesem wunderschönen Mai-abend. Weiter geht es nämlich zur meist befahrenen Kreuzung der Stadt. Über Boxgraben, Franzstraße, Kapuzinergraben, Theaterstraße und Oppenhoffallee führt die Route tief ins Ostviertel bis zum Europaplatz, schließlich über die Jülicher Straße zum Hansemannplatz. Mitten auf der Kreuzung formiert sich der Zug zu einer breiten Phalanx, während auch das Blech ringsum zwangsläufig stillsteht.

Nach einer Minute des Schweigens geht es schließlich zum Elisenbrunnen. Abermals erklingen hunderte von Fahrradklingeln wie ein bizarrer letzter Gruß an die jüngsten Opfer im Aachener Straßenverkehr. „Diese Resonanz hat mich – und sichtlich viele andere – sehr bewegt“, resümiert Jan van den Hurk. „Wir sehen die Aktion vor allem als Anlass, miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Und: „Es wäre schön, wenn es im nächsten Jahr keinen Grund mehr gäbe, den ,Ride of Silence‘ fortzusetzen. Aber ich fürchte, das wird nicht der Fall sein.“

 

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde von 800 Teilnehmern gesprochen. Die Polizei berichtete jedoch von 400 Teilnehmern.

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