Richterich: Wenig Wind um große Projekte

Von: Albrecht Peltzer
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Zwischen Modernität und Tradition: Schloss Schönau ist das kulturelle Zentrum des Stadtbezirks. Foto: Michael Jaspers
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Zwischen Modernität und Tradition: An der Grünenthaler Straße könnte sich eine weitere Ortsmitte etablieren. Foto: Michael Jaspers
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Noch Hinterhofatmosphäre: Unmittelbar in der Nähe zum Bezirksamt soll der Bahnhaltepunkt gebaut werden. Foto: Michael Jaspers
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Ländliches Flair am Stadtrand: Auch Horbach soll sich als Wohnplatz weiter entwickeln. Foto: Michael Jaspers

Richterich. Der Stadtbezirk Richte-rich hat in seiner Geschichte das eine oder andere Mal dafür herhalten müssen, Gegenstand erheblichen politischen Disputs zu sein. Beispiel Gewerbegebiet Richterich-Horbach. Die CDU wollte auf den Äckern und Wiesen großflächig Betriebe ansiedeln – und verlor angesichts mächtigsten Gegenwindes mit Pauken und Trompeten die Kommunalwahlen im Jahr 1989.

Auch das Vorhaben, ein großes Kompostwerk nordwestlich von Vetschau in die Wiese zu setzen scheiterte – zum Glück, wie heute alle Verantwortlichen sagen. „Eine Schnapsidee war das“, urteilt Marlis Köhne, Bezirksbürgermeisterin in Richterich, heute. Und jetzt? Neubaugebiet Richte-rich-Dell und Ausbau des Windparkes lauten zwei große Themen. Vom vehementen Disput der Vergangenheit ist man da aber weit entfernt. Richterich stellt sich der Diskussion, doch der Bezirk kommt im Jahr 2017 mit großer Geschlossenheit, mit dem Willen, gemeinsam zu gestalten und zu entwickeln, daher.

Wohnen: Am Mittwoch sollte in der Bezirksvertretung der Planungsbeschluss für die Ortsumgehung für Richte-rich-Dell gefasst werden. Eigentlich war eine politische Mehrheit dem Thema gewiss. Überraschend wurde die Entscheidung aber doch vertagt – nachdem die Verwaltung eine erste „Grobschätzung“ der Kosten von bis zu 16 Millionen Euro vorlegte (wir berichteten). Jetzt hat die Politik noch „Beratungsbedarf“. Natürlich trug auch die Bürgerinitiative noch einmal massiv Bedenken gegen das gesamte Projekt vor.

Fakt bleibt: Nur mit Ortsumgehung soll es das Wohngebiet nördlich von Vetschauer Weg (1. Bauabschnitt) und Banker-Feld-Straße geben. Rund 900 Wohneinheiten für bis zu 3000 Menschen – das ist die Planung für die nächsten 20 bis 30 Jahre. Bevor die ersten Hochbaumaßnahmen beginnen, muss die Straße da sein, lautete stets das politische Credo. Bestehende Wohngebiete sollen nicht zusätzlich mit Verkehr belastet werden.

Richterich als attraktiver Wohnort – dafür soll nicht nur Dell stehen, sagen Marlis Köhne und Yvonne Moritz, die 2007 ins Bezirksamt wechselte und seit 2011 dessen Leiterin ist. Auch Horbach soll wachsen. Nicht in dem Maße wie Alt-Richterich. Aber im Bereich Bremenberg steht (privates) Bauland zur Verfügung. Auch an Horbacher Straße/Wiesenweg sind Kapazitäten vorhanden. „Großstädtisches Wohnen“ nahe am Zentrum – und doch im Grünen, landwirtschaftlich, auch dörflich geprägt, mit innerörtlichen Grünzügen und Parkanlagen – das macht laut Köhne und Moritz Wohnen in Richterich aus. Pfunde, mit denen man sich durchaus der Konkurrenz mit anderen Bezirken stellen kann.

Verkehr: Richterich ist gut an den Öffentlichen Nahverkehr angebunden. Die Taktung der Linien stimme, so Marlis Köhne. Auch die Anbindung über Kohlscheider und Roermonder Straße ist gut – mit den fast schon „normalen“ Staus zu den Spitzenzeiten. Aber die Stadt hat einen ehrgeizigen Plan. Der Stadtbezirk soll einen eigenen „Bahnhof“ erhalten. Der Haltepunkt wird direkt hinter dem Bezirksamt zwischen Roermonder Straße und Horbacher Straße liegen. Absolut zentral im Ort, von drei Seiten erreichbar. In zwei Jahren könnte es losgehen. Zuvor muss aber noch die marode Brücke über den Bahngleisen (Horbacher Straße) ersetzt werden.

Soziales Leben: Richterich verfügt über ein ausgesprochen aktives Vereinsleben. Wenn Organisatoren wie der Heimatverein oder der Kulturkreis Richterich, die seit vielen Jahren Kulturarbeit leisten, von Richterichern selber als „jung“ bezeichnet werden, dann weiß man, wie traditionell das Vereinsleben verwurzelt ist. Aber die Ortsgemeinschaft ist mehr. Köhne und Moritz sprechen von einer „gut funktionierenden Stadtteilkonferenz“, die alle Organisationen, Verbände und aktiven Bürger zusammenbringt. Über die Bezirksgrenzen hinaus hohe Aufmerksamkeit hat der Bezirk in Sachen Flüchtlinge erhalten. Banner mit der Aufschrift „Refugees welcome“ wurden aufgehängt. Integration ist in Richterich keine Formel. Dazu trägt auch Cedric Enzokon bei, der sich seit Februar dieses Jahres als „Quartiersmanager“ um die Eingliederung der Flüchtlinge in die Bezirksgemeinschaft kümmert. Aber es gibt in Sachen Soziales auch Defizite. Wohnen für ältere Menschen ist ausbaufähig, generationenübergreifendes Wohnen eine Aufgabe für die Zukunft. Auch hier kommt wieder das Baugebiet Dell ins Spiel.

Bürgernähe: Ein ambitioniertes Projekt in Richterich ist der Umbau des denkmalgeschützten Bezirksamtes: barrierefreie Zugänge, der Einbau eines Aufzuges, Aufwertung des Wartebereiches, der Einbau eines biometrischen Terminals. „Das ist ein ganz wichtiger Schritt in Sachen Bürgerfreundlichkeit“, sagt Yvonne Moritz . Im Juni wird es losgehen. Fünf Monate sind veranschlagt. Die Mitarbeiter ziehen für die Bauphase in die Grundschule Richterich sowie ins Bezirksamt Laurensberg (Einwohnermeldeamt und Wohngeldstelle). Der Service wird im umgebauten Bezirksamt weiter ausgebaut. Zum Beispiel sollen mehr Terminsprechzeiten angeboten werden, stellt Moritz in Aussicht.

Entwicklung: Ein wichtiger Baustein ist auch der Umzug der Feuerwehr von der Grünenthaler Straße an den Rand des Gewerbegebietes Roder Weg. Am bisherigen Standort ist es neben dem Jugendzentrum „Cube“ und der Peter-Schwarzenberg-Halle zu eng, die verkehrliche Anbindung ist völlig unzureichend. Die hingegen wäre am neuen Standort ideal, weil es direkten Anschluss an die geplante Ortsumgehung, an die Kohlscheider und an die Roermonder Straße gäbe. Der Umzug in ein modernes Feuerwehrhaus birgt für den alten Standort auch Chancen. Denn auf der Wunschliste der Richte- richer steht die Etablierung eines Bürgerhauses, die SPD spricht sich unter anderem dafür aus, dazu die Peter-Schwarzenberg-Halle um- und auszubauen.

Kultur: Mit dem Schloss Schönau hat der Stadtbezirk ein architektonisches Kleinod. Hier tagt die Bezirksvertretung, im historischen Ambiente wird gerne geheiratet. Und das Schloss wird für Konzerte, Lesungen und Vorträge genutzt. Aber auch die Kirchen sind Mitgestalter in Sachen Kultur vor Ort, die Mehrzweckhalle gibt Raum für größere Konzerte und Theater.

Grün: Wenn Bezirksamtsleiterin Yvonne Moritz und Bezirksbürgermeisterin Marlis Köhne nach besonderen Merkmalen des Bezirks gefragt werden, dann fällt auch ziemlich spontan der Begriff „grün“. Zum Beispiel im Schlosspark selber, der ökologisch aufgewertet werden soll, an dessen Rand ein neuer Spielplatz entstehen könnte. Eine Bürgerwerkstatt hat sich mit dem Thema schon befasst, eine zweite wird folgen.

Die Richtericher kennen keine Grenzen in Sachen Naherholung. Spazieren, Wandern, Radfahren ist angesagt im Aachener Nordwesten. Und darüber hinaus. Touren führen auch nach Holland, Kohlscheid oder Laurensberg, Ein grünes Freizeitnetz sozusagen. Getragen von allen Bürgern des Bezirkes. Und so steht auf der Wunschliste eine eigene Wanderwegekarte. Gemeinsam, mit den Ideen der Bürger vor Ort. Ein selbstbewusster Bezirk, der wachsen wird und der sich daher in allen Bereichen entwickeln muss – und wird!

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