Rekordspiel: Nicht nur das Team nutzt seine Chance

Von: Hans-Peter Leisten
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„Aufwärmen“ für den laustarken Support: Rund 600 Alemannia-Anhänger zogen vom Markt über die Sandkaul-straße zum Tivoli. Foto: Ralf Roeger
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Auch das ist der Tivoli: beeindruckender Blick ins voll besetzte Rechteck während des Top-Spiels am Samstagnachmittag. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Das Leben als Fußballfan kann manchmal wirklich verdammt hart sein: Kommt ein Mann stolz mit seiner Alemannia-VIP-Karte aus Richtung Reitstadion und will seinen vornehmen Platz auf der Haupttribüne einnehmen. Nur: Er müsste dazu direkt durch den abgesperrten Korridor für die Essener Fans gehen.

Dumm für ihn, dass die Polizei kompromisslos die Strategie der Fan-Trennung fährt. Aber der Mann gibt nicht auf, und so ergibt sich folgender Dialog mit dem Ordner: „Ich habe eine VIP-Karte!“ „Schön für Sie.“ „Wie komme ich auf meinen VIP-Platz?“ „Da müssen Sie ums Stadion gehen und von der anderen Seite rein.“ „Aber ich habe eine VIP-Karte!“ „Wie gesagt – Sie müssen ums Stadion gehen.“ „Zu Fuß?“ „Sie können sich auch gerne einen Hubschrauber bestellen. . .“

Leicht gespenstisch

Genug des Wortwechsels. Besondere Spiele erfordern besondere Maßnahmen. Ob der VIP seinen Platz gefunden hat, ist offen. Wäre er aber am Samstagmorgen gegen 11 Uhr auf dem Aachener Markt gewesen, hätte er später dankend und ohne Frage den Weg ums Stadion gewählt. Denn vor dem Rathaus hatten sich rund 600 Alemannia-Anhänger getroffen, um einen Marsch durch die Stadt Richtung Tivoli anzutreten. Viele kernige Männer, vereinzelt auch Frauen, die alle erst ihren Durst stillten, dann ein Gruppenfoto auf der Katschhoftreppe machten und schließlich lautstark über die Großköln- und Sandkaulstraße zum Stadion zogen.

Eine leicht gespenstische Szenerie, die sich aber im rechtsfreien Raum bewegt. „Es gibt keinen Veranstalter und keine Organisation – und für uns keine Handhabe. Hier muss der Gesetzgeber unbedingt handeln“, kommentierte Polizeisprecher Paul Kemen, der genau wie Polizeipräsident Dirk Weinspach das Geschehen rund ums Spitzenspiel Alemannia Aachen gegen Rot-Weiß Essen komplett beobachtete. Dass die Polizei den in den sozialen Medien angekündigten Marsch dennoch eskortierte, versteht sich von selbst. Wirklich geschehen ist dabei auch nichts. Verbotene Pyros wurden abgebrannt, vier „Fan-Freunde“ aus Kerkrade in Gewahrsam genommen. Weiteren droht die Identifizierung aus Polizei-Videos heraus.

Heikle Momente

Am Ende des Tages konnten Weinspach und Kemen sagen: „Wir sind sehr zufrieden mit dem Ablauf der Dinge. Unsere Strategie der strikten Trennung ist aufgegangen.“ Und das bei einem Viertligaspiel, das sicherheitstechnisch Erstligaanforderungen stellte. Heikle Momente gab es durchaus. Die Essener wurden mit Shuttle-Bussen am Westbahnhof abgeholt. Mit einiger Verspätung. Tragischerweise hatte ein Mann im Zug einen Herzinfarkt erlitten und konnte trotz notärztlicher Versorgung nicht gerettet werden. Warum auch immer, zogen laut Polizei später Essener noch die Notbremse im Zug. Auch diese Verzögerung kann dazu beigetragen haben, dass zwei Waggons im Westbahnhof völlig demoliert ankamen. Dennoch klappte der Transfer danach fast reibungslos.

Dass die Shuttle-Busse wie alle anderen Verkehrsteilnehmer rund zwei Stunden vor dem Anpfiff im Verkehrschaos rund ums Stadion feststeckten, muss angesichts der über 30.000 Zuschauer wohl hingenommen werden. Auf der Nordseite war ein komplett abgeschirmter Zugang für die Ruhrgebietsgäste installiert worden. Begegnungen größerer Gruppen der beiden Lager waren also ausgeschlossen. Dass vor dem Anpfiff alle (!) Besucher in großer Disziplin eines kürzlich gestorbenen RWE-Urgesteins gedachten, nahm wohl zusätzlich Druck vom Kessel.

„Hochzufrieden“ war nach dem Spiel Alemannias Geschäftsführer Alexander Mronz – nicht nur wegen des 1:0-Sieges. Auch die Organisation im Stadion habe angesichts des Andrangs und der Brisanz toll funktioniert. „Es ist klar, dass wir als Viertligist bei so einem Event zusätzlich Dienstleistungen von außen einkaufen müssen.“ Aber der Plan für weitere Top-Spiele stehe.

Eine ungeliebte Baustelle bleibt aber dennoch: Die Karlsbande, die nach kurzer Begnadigung schon länger wieder mit einem Banner- und Fahnenverbot belegt ist, schaffte es über bislang unbekannte Wege, während des Spieles ihr Banner vor der Stehplatztribüne auszurollen – und vor Spielende wieder einzupacken. „Vermutlich ist es mit dem Fan-Marsch ins Stadion geschmuggelt worden“, mutmaßte Mronz kurz nach dem Spiel. Dies sei aber absolut inakzeptabel und werde gemeinsam mit der Polizei genau untersucht. Mit ihr sei auch während des Spiels verabredet worden, nicht sofort einzugreifen. Das Verbot bestehe ohne Abstriche weiter.

Angesichts der Begeisterung nach dem Sieg rückte aber auch dieser Vorfall ins zweite Glied. Die Mannschaft klatschte ihre Anhänger ab und setzte sich auf den Rasen – um nach gefühlten 50 Jahren noch einmal den legendären „Humba“-Tanz aufzuführen. Schwarz-gelbe Glückseligkeit. Das Leben als Fußballfan kann manchmal eben auch verdammt schön sein.

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