Rekord: 6000 Bürger putzen Aachen sauber

Von: Jan Mönch
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Riesige Ausbeute: Das Brander
Riesige Ausbeute: Das Brander Team räumte vor der Bezirksverwaltung auf und füllte eine stolze Zahl der blauen Säcke.

Aachen. Der Arbeitsnachweis von Christa Knaak ist einen guten halben Meter lang, drei Zentimeter dick und ordentlich vergammelt. Es handelt sich um eine Pressspanplatte, die irgendwer irgendwann quitt werden wollte - und irgendwo in den Stadtgarten befördert hat.

Knaak hält die wenig attraktive Hinterlassenschaft mit der linken Hand hoch, schüttelt kurz den Kopf und befördert sie in den großen Müllsack in ihrer Rechten. „Ich habe da hinten eine ganze Ecke entmüllt”, sagt sie und wirkt dabei durchaus zufrieden.

So geht es wahrscheinlich jedem der rund 6000 Bürger, die sich an diesem Samstag am großen Frühjahrsputz beteiligen, zu dem die Stadt Aachen, der Märkte und Aktionskreis City (MAC) - und auch die Aachener Zeitung - zum zweiten Mal aufgerufen haben. Gekommen sind rund 1000 „Saubermänner” mehr als im Vorjahr - Rekord! Schulklassen und Verbände, Vertreter von Politik und Verwaltung, Vereine und Initiativen, ganze Familien und Öcher Privatleute jedes Alters sind in der Innenstadt wie in den Außenbezirken mit Handschuhen und Müllsäcken unterwegs. Was hunderte Gruppen und Teams eint: die Freude über das schöne Wetter und das Gefühl, das Richtige zu tun.

Knaak vertritt an diesem Tag den Verband „Frau und Kultur” und ist Teil einer Kolonne der AZ-Redaktion, die sich am Vormittag durch den Kurpark arbeitet. Ebenfalls dabei sind AZ-Leser, CDU-Politiker, der Präsident des Aachen-Laurensberger Rennvereins, Carl Meulenbergh, und viele mehr - zudem die AZ-Redakteure Albrecht Peltzer und Robert Esser. Und mit Detlev Fröhlke steht ihnen ein Mann vom Fach zur Seite. „Die meisten nehmen ihren Müll mit, aber manche lassen ihn eben einfach liegen”, sagt der Leiter des Ordnungsamts. Dann fingert er die nächste Zigarettenschachtel aus einem Gebüsch. „Spricht man die Leute darauf an, kriegt man die tollsten Argumente zu hören. Zum Beispiel, dass man ja schließlich Steuern zahlen würde. So eine Einstellung ist natürlich nicht förderlich.”

Bloß: Ärgern über den wilden Müll - dessen Beseitigung den Steuerzahler jährlich eine Million Euro kostet - hilft nicht wirklich. Anpacken ist angesagt. Einsatzorte der zivilen Müllsucher sind etwa Lousberg, Elisengarten, Dreiländereck, Von-Halfern-Park und Westpark. Ungezählte Straßenzüge werden durchforstet. Vor allem da, wo Gebüsch ist, versteckt sich Abfall, den der Stadtbetrieb routinemäßig nicht zu fassen kriegt. Flaschen, Plastikverpackungen, abgebrannte Feuerwerksraketen, kaputte Handys, Spritzen, Altreifen, sogar vergammelte Möbelstücke finden die Suchteams. Innerhalb weniger Stunden stapeln sich in ganz Aachen blaue Müllsäcke am Straßenrand. Der Stadtbetrieb entsorgt die Beutel tonnenweise mit Pritschenwagen.

Am frühen Nachmittag legt OB Marcel Philipp mit seiner Dezernentenriege rund ums Rathaus los. Als Philipp mit dem Besen den Markt fegt, trauen einige Passanten und Café-Besucher kaum ihren Augen. „Bei so schönem Frühlingswetter erkennt man den Wert einer sauberen Stadt besonders gut”, erklärt der OB. Er setzt darauf, dass die Aktion immer mehr Menschen für das Müllproblem sensibilisiert. Auf die viel zitierte Nachhaltigkeit hofft auch CDU-Ratsfrau Maike Schlick: „Ich glaube daran, dass durch die Aktion der ein oder andere zum Nachdenken angeregt wird.”

Zumindest bei denen, die mitmachen, funktioniert das ganz sicher. Gut zu beobachten ist das an denen, die sich ein Zigarettenpäuschen gönnen. Anschließend wird die Kippe gründlich ausgedrückt, anstatt sie achtlos fallen zu lassen. Würde man sich unter anderen Umständen genauso verhalten? Mit dieser Frage wird man quasi zwangsläufig konfrontiert.

Detlev Fröhlke hat sich mittlerweile weit Richtung Passstraße vorgekämpft, sein Müllsack jedoch weist noch einen relativ niedrigen Füllstand auf. „Letztes Jahr lag hier irgendwie viel mehr rum”, stellt er fest. Sollte die erhoffte Nachhaltigkeit etwa schon beim ersten Frühjahrsputz im vergangenen Jahr erreicht worden sein?

Leider nicht: Die Erklärung für den verhältnismäßig sauberen Stadtgarten trifft Fröhlke wenige Minuten später. Dutzende Schüler der David-Hansemann-Realschule haben schon früher losgelegt und vielerorts den gröbsten Unrat beseitigt. „Wir sind mit sieben Schulklassen vertreten”, gibt Lehrer Hans-Gerd Gerhards zu Protokoll. Freiwillig? Der Pädagoge nickt. „Die meisten Schüler sind begeistert von der Aktion.”

Das gilt umso mehr für die Teilnehmer der Putzaktion, die ihre Gewinncoupons am Sonntag in die Lostrommel am Elisenbrunnen stecken. MAC-Vorsitzender Wilhelm Schillings und Geschäftsführer Manfred Piana haben Preise und Gutscheine im Wert von mehreren tausend Euro gesammelt. So gehen nach der über einstündigen Tombola dutzende „Putzteufel” am Sonntagabend nicht nur mit einem guten Gefühl, sondern mit Designer-Brillen, Flachbildfernseher, Karten für eine Ballonfahrt oder Einkaufsgutscheinen im Wert von bis zu 850 Euro nach Hause. Der Zufall will, dass auch Christa Knaak unter den Gewinnern ist.
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