Reißverschluss für Einarmige: Aachener Schülerinnen erfindungsreich

Von: Stephan Mohne
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Diese Erfindung kann bis zu 650 000 Menschen im Alltag helfen: Paula Offergeld, Lilian Kleefisch, Irina Lambertz, Eva Niewieraund Nathalie Tuzolana-Kianzuaku (v.l.) vom St.-Ursula-Gymnasium stehen mit ihrer Reißverschlusshilfe für Einarmige namens „Clip n Zip“ im Europafinale von „business@school“. Auf das simple wie funktionale Produkt haben sie bereits ein Patent angemeldet. Foto: Andreas Schmitter
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Der Sieg im Regionalwettbewerb in Essen ist bereits eingefahren: Darüber freuen sich die fünf Jungunternehmerinnen genauso wie ihre Projektbetreuer Ernst Moese (l.), Martin Ebner (r./beide Lehrer an St. Ursula) und Claus Hoeppner von der Generali Deutschland. Foto: Kurt Bauer

Aachen. Ein bisschen üben muss man schon. Wenn man aber den Dreh raus hat, dann kann man sich das Leben damit enorm erleichtern. Dann nämlich, wenn man nur einen Arm hat oder nur einen Arm nutzen kann. Ob von Geburt an, durch einen Unfall, einen Bruch oder einen Schlaganfall – mit einem Arm kann man viele Dinge nur eingeschränkt tun oder muss sie alternativ neu erlernen.

Dazu gehört – so banal das im ersten Augenblick auch klingt – das Schließen des Reißverschlusses an der Jacke. Schon mal mit einem Arm probiert? Man könnte verzweifeln wenn die eine Seite mal wieder verrutscht und es einfach nicht klappen will. Fünf Schülerinnen ist nun eine Erfindung gelungen, mit der genau dies wesentlich einfacher von der Hand geht. Dabei sind die Jungerfinderinnen Lilian Kleefisch, Irina Lambertz, Eva Niewiera, Paula Offergeld und Nathalie Tuzolana-Kianzuaku erst 16 beziehungsweise 17 Jahre alt.

Sie alle besuchen das St.-Ursula-Gymnasium. Und dort ist es seit 13 Jahren Tradition, dass sich Teams im Rahmen des „SoWi“-Kurses in der Oberstufe am renommierten Wettbewerb „business@school“ der „Boston Cosulting Group“ beteiligen.

Das taten in diesem Jahr auch besagte fünf Schülerinnen mit dem von ihnen erdachten Produkt namens „Clip ‘n Zip“. Ergebnis: Sie haben in Essen den Regionalentscheid NRW Nord gewonnen und fahren im Juni zum Bundesfinale nach München, das gleichzeitig das Europafinale ist. Das zu schaffen, heißt etwas. In der Jury sitzen unter anderem Manager aus den Chefetagen von internationalen Konzernen.

Dabei kommt „Clip ‘n Zip“ im Grunde recht simpel daher. Zwei Metallklammern, ein längliches Zwischenstück – das war es auch schon. Doch die Funktionsweise ist genial: Die eine Klammer wird an der Hose im Oberschenkelbereich befestigt, die andere an der Jacke. Das stabilisiert. Und nun kann man mit der einen Hand die Reißverschlussenden verbinden und die Jacke schließen.

Doch bei diesem Wettbewerb geht es nicht nur um das Produkt selber. Man muss auch eine Idee davon haben, wie man es in den Markt lanciert, wie man entsptrechende „Businesspläne“ erstellt, die Finanzierung sichert und Marktanalysen anfertigt. Schließlich soll das Produkt am Ende tatsächlich ordentlich und gewinnbringend verkauft werden.

Wie aber kommt man ausgerechnet auf die Idee für eine Reißverschlusshilfe für Einarmige? „Ich habe auf Youtube etwas über eine Spezialanfertigung von Nike im Schuhbereich gesehen“, erzählt Eva Niewiera. Über eine Reißverschlusshilfe für Einarmige fand sich hingegen nichts. Das war quasi die Initialzündung. Doch war es auch schon allerhöchste Eisenbahn, denn erst im Februar wurde die Idee zum „Clip ‘n zip“ geboren – und da musste binnen weniger Wochen dann nicht nur ein geeigneter Produktionsweg gefunden, sondern auch noch die gesamte Geschäftsstruktur hinterlegt werden. Da passet es zumindest schon mal, dass Eva familiär beste Kontakte zum Stolberger Metall- und Kettenspezialisten „Vauka“ hat. Dort wird der „Clip ‘n Zip“ nun hergestellt.

650.000 potenzielle Kunden

Arbeitsteilung ist überdies gefragt. Teamsprecherin Nathalie Tuzolana-Kianzuaku zum Beispiel kümmerte sich um die Marktanalyse. Und dabei kam Überraschendes heraus. Nicht weniger als 650.000 potenzielle Kunden gibt es in Deutschland. Da ist vor allem die große Gruppe jener, die Arm- oder Handbrüche erleiden und gänzlich ungeübt darin sind, wie man Reißverschlüsse nur mit einer Hand schließt. Das sind 250.000 Menschen in Deutschland pro Jahr. Darüber hinaus gibt es aber auch 20.000 Amputationen pro Jahr. Und auch die Gruppe der Schlaganfallpatienten, die vorübergehend oder dauerhaft als Folge einen Arm nicht wie zuvor nutzen können, ist groß.

Diese Zielgruppen muss man aber auch erreichen. Auch da hat man einen Kooperationspartner gefunden – die Medizin- und Rehaexperten von „BB Medica“ in Aachen. Sie stellen nicht nur ihre Vertriebskanäle und ihr Know-how bereit. Die Jungunternehmerinnen dürfen darüber hinaus beispielsweise den „BB Medica“-Stand auf großen Fachmessen nutzen, um auf ihr neues Produkt aufmerksam zu machen. Unterwegs ist man auch auf dem „einhandblog“ im Internet, der sich mit allen Lebenslagen im Zusammenhang mit Handicaps in diesem Bereich beschäftigt.

Für 13,50 Euro zu haben

Die fünf Schülerinnen haben zudem schon in der ersten Phase des Wettbewerbs ein Patentstipendium gewonnen – und ein Patent ist mithin schon angemeldet. Zudem gibt es eine erste Abnahmegarantie über 250 Stück von „BB Medica“. Kostenpunkt? Für 13,50 Euro ist das wertvolle Hilfsmittel zu haben. Über die Herstellungskosten schweigen sich die Jungunternehmerinnen indes natürlich mit einem Lächeln aus.

Fast noch wertvoller als eine klingelnde Kasse ist allerdings, was die Europafinalistinnen aus dem Projekt fürs Leben mitnehmen, wie auch Ernst Moese und Martin Ebner finden. Die beiden betreuen „business@school“ als Lehrer an St. Ursula seit Jahren. „Es geht hier auch um individuelle Förderung und Soft Skills wie Teamarbeit“, sagt Ebner. Wirtschaftliche und unternehmerische Dinge, wie man sie dabei aufsaugt, kommen im Unterricht sonst kaum vor, ergänzt Ernst Moese.

Und dann ist da noch Claus Hoeppner von der Generali Deutschland in Aachen. Er betreut das Projekt als Partner von Seiten der Wirtschaft – das ist bei „business@school“ so vorgesehen. Er betont, dass es hier nicht um Überfliegergedanken nach dem Motto „Wie werde ich Millionär“ geht. „Ein gutes Ziel ist es, sich von den Gewinnen das Studium finanzieren zu können. Und das ist doch schon mal was“, so der Coach. Aber wer weiß? Vielleicht kommt ja auch jemand und will den Schülerinnen das Patent abkaufen. Da geht es laut Hoeppner dann in Richtung von mehreren zehntausend Euro.

Doch erst einmal clippen und zippen sich Lilian, Irina, Eva, Paula und Nathalie zum Bundesfinale. Dorthin zu kommen, ist schon ein riesiger Erfolg. Und auch dem Namen der Forscherstadt Aachen macht das dieser Tage einmal mehr alle Ehre. Die einen erfinden im Großen revolutionäre Elektromobile, die anderen im Kleinen Reißverschlusshilfen für Einarmige.

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