Reise ins Mittelalter: Geschichte mit topmodernen Inhalten

Von: Wolfgang Schumacher
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Spannende Reise ins Mittelalter: Professor Klaus Selle referierte über ein verblüffend aktuelles Modell der Bürgerbeteiligung. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Es war eine Reise in die Geschichte mit topmodernen Inhalten. Professor und Stadtplaner Klaus Selle (RWTH) führte im Haus Löwenstein seine Zuhörer in den nicht minder ehrwürdigen und vielleicht doch ein wenig werthaltigeren „Sala dei Nove“ des Palazzo Pubblico, das Rathaus im toskanischen Siena.

Hier fand – sichtbar gemacht in den Darstellungen der drei Fresken des Lorenzetti-Codes – im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts eine Art stille Bürgerrevolution statt. Die von „Bischofs- und Herrschermacht“ freie Bürgerstadt, so Selle begeistert in seinem Vortrag vor dem Verein „Aachen_Fenster“, wurde früh zu einer Stadtgesellschaft, deren Prinzipien absolut modern anmuten.

Die Beteiligung der Bürgerschaft an den öffentlichen Belangen war damals nicht nur gewollt, sie war über Jahrzehnte dort institutionalisiert, eine ideale Bürgerbeteiligung an Planung und Politik, die in den Fresken allegorisch als das gute und das schlechte Regieren dargestellt werden, ein politischer Almanach vom begnadeten Künstler Lorenzetti, der in Form eines plakativen Aufrufs das Volk nochmals nachdrücklich daran erinnern solle, wie gut es eigentlich dran ist in dieser freien Bürgerstadt, interpretierte Selle die Bilderwand.

Der gebildete Mensch werde aufgefordert, seinen Pflichten, nämlich der aktiven Teilhabe an den öffentlichen Belangen, auch gefälligst nachzukommen. In den Fresken werde beinahe propagandistisch angezeigt, dass die absolute Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz, Justitia mit der Waage ist eine zentrale Figur in der Hauptfreske, respektiert werden müsse und Grundlage für eine funktionierende bürgerliche Civitas sei.

Jene „Idee der europäischen Bürgerstadt“, unterstrich Selle, müsse in den heutigen Städten bei den anstehenden Projektplanungen präsent sein, es müsse einen Mix aus teilhabender Bürgerbeteiligung und der Durchsetzung von Beschlüssen aus den Wahlgremien geben. Ob nun Bahnhöfe, Flughäfen oder teure Philharmonien, sie werden heute nur noch gegen Widerstände von unten durchgesetzt. Man brauche wieder eine Übereinstimmung über die Werte, die wir in den Bürgerstädten verwirklichen wolle, forderte Selle einen Dialog unter Gleichen.

Mitveranstalter Hans-Dieter Collinet stellte gegenseitigen Respekt in der Bürgerstadt vornan. „Wir haben verloren, wenn wir das Feld nur noch den Schreihälsen überlassen“, warnte Collinet.

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