Region - Regisseurin fordert: Die Bärte der Schauspieler müssen bis zur Premiere ab

Regisseurin fordert: Die Bärte der Schauspieler müssen bis zur Premiere ab

Von: Jenny Schmetz
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Noch sind sie Bartträger: Alexander Wanat (l.o.) und Ognjen Koldzic. Im Familienstück werden sie zu den Jungs Rico (r.o.) und Oskar. Foto: Michael Jaspers/Marie-Luise Manthei
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Rico (l.) und Oskar werden Freunde, überwinden Ängste und gehen auf Verbrecherjagd. Foto: Michael Jaspers
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Im Stück ist Oskar (r.) hochbegabt. In Ricos Kopf kullern schon mal Bingokugeln wild durcheinander. Foto: Marie-Luise Manthei

Region. Ganz klar: Die beiden Bärte müssen bis zur Premiere ab. Noch sprießt der eine blond, der andere braun. Aber die Regisseurin will glatte Verhältnisse. Schließlich spielen die beiden Männer kleine Jungs. Also werden Alexander Wanat (25), der blonde Bartträger, und Ognjen Koldzic (27), der braune, zum Rasierer greifen müssen.

Sonst ist den beiden Schauspielern rund zwei Wochen vor der Premiere des Familienstücks „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ vielleicht noch nicht so ganz klar, was sie da alles erwarten wird.

Beide sind neu im Ensemble des Aachener Theaters, beide haben gerade erst ihr Examen gemacht: Wanat an der berühmten Ernst-Busch-Schule in Berlin, Koldzic an der Staatlichen Hochschule in Stuttgart. Für die zwei Anfänger wird’s ein Härtetest: zum ersten Mal Kindertheater! Das könnte ganz schön anstrengend werden, so viel ist ihnen schon klar. „Gefühlt 700 Vorstellungen“, meint Koldzic griemelnd. Okay, in echt sind’s „nur“ knapp 30, aber manchmal zwei pro Tag, Ausdauer ist also gefragt, nicht nur beim morgendlichen Rasieren.

Kreischende Kids? Unerwartete Zwischenrufe? Klimpernde Handys? Alles ist möglich. Die Erfahrungen aus dem Impro-Club des Jungen Schauspielhauses seiner Heimatstadt Düsseldorf könnten Alexander Wanat da weiterhelfen. „Ich will ganz viele Reaktionen!“, sagt er jedenfalls schon mal vorbildlich unerschrocken.

Wäre also nur noch das Problem, als Mittzwanziger mehr als 15 Jahre überspielen zu müssen. Denn natürlich ist für jeden ganz klar: Da spielen zwei erwachsene Männer die Kerlchen Rico und Oskar. Und das bedeutet für Wanat und Koldzic nicht, dass sie ihre 1,84 und 1,77 Meter irgendwie runterschrauben oder mit Bariton und Bass dünne Stimmchen imitieren.

„Dann spürt jeder, dass es nur gemacht ist“, sagt Wanat. Da ist also einerseits (kindliche) Fantasie gefragt. Andererseits ist es ihnen ganz wichtig, Konflikte und Figuren ernst zu nehmen – auch wenn das kein Tschechow oder Schiller ist.

Preisgekrönter Sprachwitz

Aber preisgekrönt und sprachwitzstark ist das Erfolgsbuch von Andreas Steinhöfel, der erste von mittlerweile vier Teilen. Seit acht Jahren wird es auf Bühnen erprobt, auch verfilmt und -musicalisiert ist es schon. Der tiefbegabte Rico und der hochbegabte Oskar haben Millionen Fans. „Er ist ein sympathischer Nerd“, sagt Koldzic über „seinen“ Oskar, den Schnellmerker, der aber so vorsichtig ist, dass er stets einen Sturzhelm trägt.

Dagegen ist der Langsamdenker Rico ein neugieriger Forschertyp mit Fotografenweste und Diktiergerät für die schwierigen Wörter. Nur manchmal kullern eben die Bingokugeln in seinem Kopf so wild durcheinander, dass eine rausplumpst. „Aber so selbstständig war ich mit elf nicht“, sagt Wanat über „seinen“ Rico, dessen Mutter im Nachtclub arbeitet.

Diese zwei kleinen schrägen Anti-Helden, die sich von ihren Ängsten befreien, Freunde werden und nebenher noch den Krimi um den Kindesentführer Mister 2000 lösen, schickt Lilli-Hannah Hoep-ner auf die Drehbühne. Die Regisseurin, die in Aachen bereits „Tschick“ und „Nora“ inszeniert hat, lässt zwei Etagen rotieren: Das Mietshaus in Berlin-Kreuzberg hat Iris Kraft aber nicht nach der DIN-Norm der Erwachsenen entworfen, sondern aus Ricos Perspektive. Da erinnert die Box der Nachbarin, mit der er „Müffelchen“ muffelt, ans Schlaraffenland, und mit der Mutter werden im Zelt Fischstäbchen gebraten.

Wie es sich für ein richtiges Kinderstück gehört, wird natürlich auch gesungen. Die Lieder, komponiert von Malcolm Kemp, machen Koldzic etwas mehr zu schaffen als seinem Kollegen. „Singen, da ist der Alex viel weiter!“, sagt er neidlos. Zwar hat der gebürtige Serbe schon als Vierjähriger zu Hause mit einem alten Vorhang und „Turbo-Folk“ für Oma und Eltern „Shows gemacht“.

Theater dem Studium vorgezogen

Aber Wanats polnische Eltern sind Berufsmusiker, der Vater Gitarrist, die Mutter Gesangspädagogin, von klein auf hat er in einem ihrer Chöre gesungen, ab vier nach und nach angefangen, Cello, Klavier, Gitarre, Bass und Ukulele zu spielen. Das kann Koldzic – aufgewachsen in Serbien, der Schweiz und Italien – allerdings toppen mit der Zahl der Sprachen, die er spricht: satte sieben. Seinem Deutsch gibt ein charmanter Schweizer Akzent mit rachigem „h“ und scharfem „s“ Charakter.

Trotz der frühen Bühnenmomente war der Beruf Schauspieler für beide nicht ganz klar vorgezeichnet. Koldzic hat an der Uni Zürich Osteuropastudien, Politik und spanische Linguistik „fast fertig studiert“, und Wanat hätte sich auch mit einem Medizinstudium anfreunden können. Aber irgendwie war es dann doch unschlagbar, dieses Live-Erlebnis Theater – hier, jetzt und unmittelbar. „Du musst das jetzt im Moment rocken, sonst ist es verloren“, wird Wanat ziemlich dramatisch. „Deswegen wird Theater nicht sterben“, stimmt Koldzic mit ein. Trotz Instagram oder Whatsapp – sie wollen junge Leute „catchen“. „Wir müssen um die Aufmerksamkeit kämpfen!“

Dass die Neulinge die Energie dazu mitbringen, haben sie bereits angedeutet: Wanat mit Goethes „Werther“, seinem Beinahe-Solo in der Kammer. Da durfte er schon singen, in die E-Saiten greifen, als Affe albern, wie ein Hund hecheln, seinen Körper bemalen, „Hohes C“ trinken und tiefes Weh beklagen. Und Koldzic hat bei Kästners „Fabian“ erstmals die große Bühne erkundet, ist in mehreren Rollen mit Blondhaar, Glatze oder Dreadlocks zwischen den Riesenlampen herumgewirbelt.

Nun aber dreht sich alles um die beiden Neuen im Zentrum. Was ihnen die weitere Saison bringt, wissen sie noch gar nicht. Aber ganz egal, ob glatt oder bärtig – Hauptsache spielen!

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