Reform der Honorarsätze: Ärzte befürchten sinkende Qualität

Von: Hans-Peter Leisten
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Sehen die Qualität der medizinischen Versorgung gefährdet: von links Andreas Kochs, Michael Benning, Hans-Peter Schleuter, Frank Friedrichs und Michael Benedic im Redaktionsgespräch mit AZ-Redakteur Hans-Peter Leisten. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Dass die fünf Mediziner zusammen an einem Tisch sitzen, ist schon etwas Besonderes. Nicht weil sie grundsätzlich Kommunikationsprobleme hätten, sondern weil bislang medizinische Fragen auf kurzem Weg beantwortet werden konnten. Doch jetzt geht es nicht um Einzelfälle, sondern ums Grundsätzliche.

Um die medizinische Versorgung in dieser Stadt, um die Patienten, um die Ärzte und um deren Personal. Und da ist der Schulterschluss gefragt. Deshalb wurde eine Genossenschaft der Aachener Ärzte und Psychotherapeuten gegründet.

Quote pro Patient

Hintergrund ist die jüngste Gesundheitsreform. Danach werden die niedergelassenen Ärzte seit dem 1. Januar nur noch nach einer Quote pro Patient bezahlt. Das heißt pro Quartal, also alle drei Monate, steht den Ärzten nur eine bestimmte Summe für die individuelle Behandlung zur Verfügung. „Bei uns Orthopäden sprechen wir von 30,11 Euro, bei einem Arzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin von 27,42 Euro”, rechnet Andreas Kochs, auf beiden Gebieten praktizierend, vor.

In anderen Fachbereichen seien die Sätze noch niedriger. Er will diese drohenden Zustände nicht. Genauso wie seine Kollegen Dr. Michael Benning, Orthopäde und Chirotherapeut, Dr. Frank Friedrichs, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, der Facharzt für Frauenheilkunde Hans-Peter Schleuter und der Urologe Dr. Michael Benedic, zugleich Fachgruppensprecher der Aachener Urologen.

Sie alle sind sich einig, dass das neue Finanzierungsmodell nicht hinhauen kann und zu Lasten der Mediziner, aber vor allem der Patienten geht. „Die Quote ist im Grunde nach dem ersten Besuch schon weg”, skizziert Michael Benning. Entweder erfolge die weitere Behandlung im wahren Wortsinn auf Kosten der Ärzte oder sie finde schlichtweg nicht mehr statt, denn die laufenden Kosten in jeder Praxis blieben unabhängig von irgendeiner Quote bestehen. Die Folge ist klar: „Um die Kosten zu senken, werden manche Praxen Sprechstunden reduzieren und in einem nächsten Schritt Personal entlassen müssen”, sprechen Michael Benning und Andreas Kochs Klartext. Und wahrscheinlich drohe etlichen Praxen sogar die Pleite.

„Vor allem chronisch Kranke sind dann künftig außen vor.” Und ältere Menschen, wie Hans-Peter Schleuter anhand von Zahlen nachweist: Während für eine Patientin unter 50 Jahren im Quartal 32,16 Euro zur Behandlung beim Frauenarzt vorgesehen seien, seien dies für eine Frau ab 60 Jahren nur noch 23,62 Euro. „Und das gilt auch für eine Patientin mit einem Brusttumor.”

Dahinter vermuten die Mediziner sogar Prinzip, denn aus ideologischen Gründen wolle man weg von der flächendeckenden Versorgung mit Fachärzten hin zu Medizinischen Versorgungszentren, zu großen Häusern mit vielen angestellten Ärzten. „Man muss aber befürchten, dass Ärzte dort dann ihren Dienst von 9 bis 17 Uhr versehen...”, befürchtet Michael Benedic.

Die Ärzte erheben noch aus einem anderen Grund ihre Stimme. Im letzten Jahr sind ihnen bundesweit 2,7 Milliarden Euro von Kassen und Politik zugesagt worden. Diese seien aber niemals anteilig in den Praxen in Nordrhein angekommen, sondern offensichtlich überwiegend für Honoraranhebungen in den neuen Bundesländern verwendet worden.

Die Öffentlichkeit gehe aber fälschlicherweise von einem deutlichen Honorarzuwachs bei Ärztinnen und Ärzten aus. Statt dessen würden die Ärzte in ihren Praxen jetzt auch noch die Überbringer der schlechten Nachricht.

Die Perspektiven: Die Ärzte befürchten, dass künftig die schnelle Diagnose bei jungen Patienten der langwierigen Behandlung älterer Menschen vorgezogen werden müsse. Die Tendenz ginge zur Basisfinanzierung, alles darüber hinaus müsse der Patient extra bezahlen. Alle Ärzte sind sich einig: „Die medizinische Versorgung wird nicht wegfallen - aber sie wird immer schwieriger, für unsere Patienten und für uns!”
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