Aachen - Recyclinghof Eilendorf: Ein Drehbuch wie für einen TV-Krimi

Recyclinghof Eilendorf: Ein Drehbuch wie für einen TV-Krimi

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
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Jetzt werden die Hintergründe offenbar: Beim Skandal um illegalen Handel mit Elektroschrott auf dem Recyclinghof Eilendorf ging es nicht um viel Geld. Hinter dem Ganzen steckte ein System, dem die Stadt zunächst nicht einmal mit Videokameras auf die Schliche kam. Foto: Michael Jaspers
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Nicht einfach Müll: Mit Elektroschrott kann man Geld verdienen – je nach Marktlage 20 bis 70 Euro pro Tonne. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der Skandal um illegale Geschäfte von Mitarbeitern des Recyclinghofs Eilendorf würde ein gutes Drehbuch für einen TV-Krimi abgeben. Nicht, dass es um Schwerkriminalität, Mord und Totschlag ginge. Im Gegenteil, es geht strafrechtlich gesehen vergleichsweise um Peanuts. Aber was sich da hinter den Kulissen abgespielt hat, trägt kuriose Züge.

Eine Portion Detektivarbeit ist ebenso dabei wie eine Portion Tragik. Das ist jetzt im Betriebsausschuss für den Stadtbetrieb offenbar geworden, wo das Thema erstmals und hinter verschlossenen Türen behandelt wurde. Nach AZ-Informationen geht aus dem Bericht der Betriebsleitung hervor, dass mehrere langjährige Mitarbeiter des Stadtbetriebs für ein paar hundert Euro ihren Job aufs Spiel gesetzt haben – und diesen letztlich mit allen Konsequenzen auch verloren.

Anonymer Hinweis

Schreiben wir dieses Drehbuch einmal so, wie es ungefähr passiert ist: Im Jahr 2014 wird der Recyclinghof Eilendorf an der Kellershaustraße eröffnet. Gesammelt wird so ziemlich alles, was auf den Müll soll. Was nicht heißt, dass es wertlos wäre. Vielmehr bringen sogenannte „Wertstoffe“ Geld. Betreiber dieser Sammelstelle ist der Aachener Stadtbetrieb. Und der will natürlich versilbern, was man noch versilbern kann. Dazu gehört Elektroschrott. Dieser kann in Teilen extern recycelt werden.

Je nach Marktlage bekommt man so zwischen 20 bis 70 Euro je Tonne. Nicht viel. Aber immerhin. Das Geld aus solchen Verkäufen fließt in den Etat des städtischen Eigenbetriebs. Es ist ein kleiner Posten im gesamten Wirtschaftsplan. Aber für den steuer- und gebührenfinanzierten Betrieb muss natürlich jeder Euro zählen.

Dass man mit dem Elektroschrott Geld machen kann, wissen selbstredend auch andere. Und so kommt ein Händler ins Spiel. Wie auch immer es angefangen haben mag, gibt es schließlich einen Deal. Beschäftigte des Recyclinghofs schachern dem Händler Elektroschrott zu, dafür gibt es dann Bares. So läuft es dann erstmal. Doch schon bald keimt beim Stadtbetrieb ein Verdacht, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Klaut da jemand die Wertstoffe? Die Sache verläuft zunächst im Sande. Doch dann regt sich offenbar bei jemandem das schlechte Gewissen. Bei der Betriebsleitung geht ein anonymer Hinweis ein, dass auf dem Recyclinghof illegale Geschäfte laufen.

Taten in „videofreier“ Zeit

Jetzt wird der Stadtbetrieb in Abstimmung mit dem Rechnungsprüfungsamt zum Detektivbüro. Man entschließt sich – auch in enger Abstimmung mit dem Personalrat und Datenschützern –, Videokameras zu installieren, um der Sache auf den Grund zu gehen. Da man davon ausgeht, dass die illegalen Geschäfte nach den Öffnungszeiten über die Bühne gehen, werden die Kameras jeweils 15 Minuten nach Dienstschluss – dies offenbar aus datenschutzrechtlichen Gründen – gestartet. Nur: Diese Überwachungsmaßnahmen ergeben rein gar nichts. Also geht man von der elektronischen zur persönlichen Überwachung über. Und siehe da: Genau in besagter Zeitspanne von 15 Minuten fährt regelmäßig ein und dasselbe Fahrzeug vor. Der Abtransport der „Ware“ nimmt seinen Lauf.

Klage gegen Hausverbot

Im Stadtbetrieb zieht man schließlich die Reißleine. Unter dem Strich wird den neun dort tätigen Mitarbeitern fristlos gekündigt. Gegen den Händler wird Strafanzeige erstattet, er erhält überdies ein Hausverbot. Auch die Staatsanwaltschaft schaltet sich nach der ersten Berichterstattung unserer Zeitung über den Fall ein und ermittelt nun unter anderem wegen Vorteilsnahme und Korruptionsverdachts. Offen ist zunächst die Frage, warum der Deal immer in diesem knappen Zeitfenster von 15 Minuten vor der Videoaufzeichnung vonstatten ging. Womit wir wieder beim TV-Drehbuch wären: Einer der Mitarbeiter war den Informationen zufolge Mitglied des Personalrats. Und damit stets taufrisch über die eingeleiteten Maßnahmen informiert...

Der Fall ist damit aber längst noch nicht beendet. Denn jetzt sind die Juristen am Zuge. Einige der neuen Mitarbeiter klagen gegen ihre fristlose Kündigung. Offenbar gab es zwei Kategorien: Diejenigen, die das Geschäft tatsächlich abgewickelt haben, und diejenigen, die eher duldend zugeschaut haben. Wobei auch bereits von einem System des Drucks die Rede war. Nach dem Motto: mitgefangen, mitgehangen. Insbesondere letztere Gruppe will wohl gegen die Kündigungen rechtlich vorgehen. Was kurioserweise auch besagter Händler tut, der das gegen ihn verhängte Hausverbot juristisch anfechten will, so hört man.

Mittlerweile sind neue Mitarbeiter dort eingesetzt, die als Folge des Skandals künftig regelmäßig „rotieren“, also durch andere Kollegen ersetzt werden sollen. Und jetzt wird es skurril: Die jetzigen dort Beschäftigten sollen bereits angesprochen worden sein, wo denn der Herr XY sei, mit dem man immer so gut habe zusammenarbeiten können. Dergestalt, dass offenbar dort Müllmengen – etwa beim Bauschutt oder Ähnlichem – angeliefert werden konnten, die über das satzungsgemäß erlaubte Maß hinausgingen. Dies ebenfalls möglicherweise gegen einen Obolus. Das verursacht zwar der Stadt auch keinen nennenswerten finanziellen Schaden. Dieses „Augenzudrücken“ gegen eine mögliche Bezahlung ist jedoch gleichfalls alles andere als erlaubt.

Und nun kommt eben auch noch jene Portion Tragik ins Drehbuch: Der Schaden für den Stadtbetrieb durch die illegalen Geschäfte mit dem Elektroschrott, für die die Beschäftigten ihren Job und vieles mehr aufs Spiel setzten, wird als äußerst gering eingeschätzt. Die Rede ist insgesamt – über die Jahre hinweg – von einem Betrag im vierstelligen Bereich.

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