Recherche zur „NSU“-Mordserie: Die Spur des Unfassbaren

Von: Kathrin Albrecht
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Aufrüttelnde Recherchen rund um eine unfassbare Mordserie: Mike Baumgärtner las aus seinem Buch „Das Zwickauer Terrortrio“. Foto: Steindl

Aachen. Es ist wohl eines der dunkelsten Kapitel der jüngsten Geschichte – die NSU-Morde und die damit verbundene Pannenserie bei den Ermittlungsbehörden. Die Terrorgruppe NSU war Thema einer Veranstaltung des Lokalen Aktionsbündnisses gegen Rechtsextremismus und des International Office der RWTH. Im Rahmen des Aktionstages „Wir für Demokratie – Tag und Nacht für Toleranz“ luden die Veranstalter in den Ford-Saal des Super-C ein.

Den ersten Teil des Abends bestritt der Journalist Maik Baumgärtner. Seit dem 8. November 2011, dem Tag, an dem sich Beate Zschäpe stellte, recherchiert er zum Thema. In dem Buch „Das Zwickauer Terror-Trio“ zeichnete er mit seinem Kollegen Marcus Böttcher eine Chronik der Ereignisse um das NSU-Netzwerk. Wie Uwe Mundlos, Uwe Bönhardt und Beate Zschäpe kommt Baumgärnter aus Jena.

Die Drei waren damals in der rechtsextremen Szene keine Unbekannten, standen regelmäßig im Visier des LKA. „Damals haben alle angenommen, dass sie sich nach Südafrika abgesetzt hätten.“ Doch Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe blieben, lebten erst in Chemnitz, dann in Zwickau. Unterstützt wurden sie dabei vor allem vom anno 2000 in Deutschland verbotenen „Blood and Honour-Netzwerk“. Fehleinschätzungen, Kompetenzrangeleien und falsche Ermittlungsansätze führten dazu, dass das Trio über zehn Jahre unentdeckt blieb, so Baumgärtner. „Manchmal fehlen einem die Worte“, fasste er zusammen, was er während seiner Recherchen erfuhr.

In der Diskussion kam immer wieder die Frage auf, wie diese Fülle von Fehlern geschehen konnte. Einfach sei die Antwort nicht, so Baumgärtner. Es sei vielmehr ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Alltagsrassismus spiele dabei eine Rolle, sogenanntes „Erfahrungswissen“, wie etwa bei den Rückschlüssen auf die Tatwaffe. Fast alle Opfer wurden mit einer Waffe erschossen, die auch die Türkische Hizbullah verwende. Das habe unter anderem dazu geführt, dass die Ermittler sich ausschließlich auf Ausländerkriminalität konzentriert haben, andere Spuren kaum verfolgten.

Auch die Rolle der Medien sah Baumgärtner kritisch. Schlagworte wie „Döner-Morde“ seien durch überregionale Medien geprägt worden. Kritisch sah er auch mögliche Lehren aus dieser Geschichte. „Positiv“ wäre eine Reform des Sicherheitsapparates, das zeichne sich jedoch nicht ab. Schockiert habe ihn auch die schwache gesellschaftliche Resonanz. „Das Thema kommt nicht da an, wo es ankommen sollte.“ Die „schwarzen Löcher“ in der Geschichte, so Baumgärnter, sie werden bleiben, auch, wenn in Kürze der Prozess in München beginnt.

Das Kölner „nö-Theater“ ließ den Abend ausklingen, auch wenn das Stück „V wie Verfassungsschutz“ keine leichte Kost bot.

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